Unvergessliches Konzert unter freiem Himmel

Schongau Classics: Oper, Operetten, Ovationen

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Die Solisten, der Dirigent, das Orchester: Michael Etzel, Anna Perwein, Maria Hegele und Marcus Graf mit der Stadtkapelle Schongau.

Schongau – Das hat das Schongauer Land noch nie gesehen und noch nie gehört! Stadtkapelle und drei junge Gesangssolisten gestalten einen Open-Air-Abend auf dem Marienplatz, bei dem die gut 500 Zuhörer mit heiteren, flott dargebotenen Opern-Melodien, Ouvertüren und manchen Ohrwürmern bestens unterhalten werden und an einem lauen Sommerabend in unbeschwerter Operettenseligkeit schwelgen. Das Konzert am Samstagabend: Es ist ein kulturelles Event, das lange nachhallen wird; ein Abend, der unvergessen bleibt.

Die Stadtkapelle Schongau unter dem nimmermüden Dirigenten Marcus Graf entfaltet vor allem in der sinfonischen Besetzung inzwischen eine Sogwirkung auf ambitionierte Instrumentalisten in der ganzen Region. Oder mit großen Buchstaben geschrieben: SOG-Wirkung. Gewiss bilden Schon-gauer den Schwerpunkt. 

Aber es sitzen auch Musiker aus Altenstadt, Peiting, Wildsteig, Denklingen, aus dem Landsberger Raum und sogar aus dem Allgäu im 60-köpfigen Klangkörper, der vom Piccolo und von der Oboe bis zur Bassklarinette und zum Fagott die ganze klangliche Vielfalt bietet. Außerdem ergänzen an diesem Abend Saiteninstrumente wie Cello, Harfe oder zwei Kontrabässe das Orchester. 

Samstagabend um halb elf Uhr: Das dreistündige Konzert (samt langer Pause) ist zu Ende. Aber erst nach stehenden Ovationen und nach drei Zugaben. Dass Dirigent und Impulsgeber Marcus Graf die feurige Carmen-Ouvertüre von Georges Bizet an den Anfang des Programms stellt, darauf hätte man fast wetten können. 

Mit weicher, warmer Stimme gibt Tenor Michael Etzel (Augsburg) im Lied „Durch die Wälder, durch die Auen“, das Carl Maria von Weber geschrieben hat, den Jägerburschen aus dem „Freischütz“. Anfangs will der Solist die Einsätze rhythmisch freier gestalten; doch bald geht er im Takt mit der straffen Eins konform, die der Dirigent, die Tuben und die Kontrabässe sowie die Percussion vorgeben. 

Mezzosopranistin Maria Hegele aus Tettnang, mit 21 Jahren die jüngste unter den drei Solisten dieses Abends, singt einfühlsam und dennoch kräftig auf Italienisch „Una voce poco fa“ von Gioacchino Rossini. Sie ist eine Freundin der aus Schongau stammenden Anna Perwein (geborene Helbig), die im Anschluss Emmerich Kàlmàns Lied „Heia in den Bergen“ schwungvoll interpretiert. Beide sind Studenten am Mozarteum in Salzburg. 

Schongau Classics – Die Bilder 

Charmant und witzig führen Markus Wühr und Christian Schamper bei dieser Operettengala, für die der erfrischende Name „Schongau Classics“ gewählt wurde, durch das Programm. Da schlüpft Markus Wühr schon mal in die Rolle des großen italienischen Komponisten Giuseppe Verdi oder imitiert mit gezogenem Wiener Slang den Johann Strauß. Pfiffig, wie Christian Schamper durch Zwischenfragen oder auch mal in der Rolle eines Reporters bei Meister Verdi dem Dialog der beiden Moderatoren Spannung verleiht.

Mal singen die Solisten allein, mal im Duett, dann stehen sie vor allem am Schluss beim ruhigen, melancholischen „Abendsegen“ von Engelbert Humperdinck und in den drei Zugaben bis zum finalen Ohrwurm, dem Trinklied aus Verdis Oper „La Traviata“, gemeinsam auf der Bühne. Die jungen Sängerinnen und Sänger, die schon Profis sind bzw. diese Laufbahn einschlagen, verleihen dem Open-Air in Schongau mit ihren Stimmen, aber auch mit ihrem Auftreten, mit ihrer Gestik einen Hauch großer Klassik-Festivals. 

Bestens vorbereitet zeigt sich die Stadtkapelle. Die Ausgestaltung der Operetten – sie kommt so leicht rüber, aber gerade das ist so schwierig. Die Stücke sind auch für ambitionierte Laienmusiker technisch und rhythmisch eine Herausforderung. Hervorzuheben ist die Präsenz des Flötenregisters samt Piccolo. Verdis Triumphmarsch aus der Oper „Aida“, die Ouvertüre zur „Leichten Kavallerie“ des Franz von Suppè , der „Florentiner Marsch“ von Julius Fucik oder der furiose „Champagner Galopp“ von Hans-Christian Lumbye sind im Programm wohl platzierte, auflockernde und zugleich anspruchsvolle Stücke fürs Orchester, in denen die Sänger pausieren.

Welche Mühen – ob in den Proben oder in der Organisation – stecken hinter so einem einmaligen Konzerterlebnis. Die Stadtkapelle ist nicht nur ein breit aufgestelltes Vorzeigeorchester, sondern auch ein Verein, der logistisch Großes meistert. Der das Risiko nicht scheut. Ein Verein, der eine große Bühne sowie den Tontechniker organisiert, der gleich nach der letzten Zugabe mit Bulldog und Klein-Lkw vorfährt, um Instrumente, Stühle, Pulte und anderes abtransportieren. 

Und ein Verein, der am Tag danach zudem Bühne, Bodenbelag und Bestuhlung in der Lechsporthalle wieder abbaut, die wegen der Gewitter-Meldung als Plan B als Konzertsaal unter Dach hergerichtet worden ist. Musiker, Sänger und Helfer – sie alle sind mit einem unvergessenen Open-Air-Erlebnis belohnt worden, das sie bei all dem Aufwand wirklich verdient haben.

Johannes Jais

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