"Beschämende Diskussion"

Pragmatisch vor barrierefrei

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Der Weg an der Hangseite hin zum Münzgebäude - momentan ist er gesperrt - wird nicht barrierefrei ausgebaut.

Schongau – Bezüglich der Neugestaltung der Freianlagen am Münzgebäude ist nun der nächste Schritt getan. Zwei verschiedene Varianten präsentierte Ursula Hochrein vom zuständigen Stadtplanungsbüro Lohrer Hochrein bezüglich des Fußgängerzuganges von der Bahnhofstraße her in der Stadtratssitzung am Dienstag. Nicht ohne Diskussion entschied sich das Gremium schließlich für diejenige Lösung, welche nicht barrierefrei ist.

Vor wenigen Wochen haben die Bauarbeiten am Münzgebäude selbst begonnen. Als weiterer Baustein sollen danach die Freianlagen folgen. Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin Ursula Hochrein stellte daher den Vorentwurf vor. Der prägende Baum vor dem Gebäude soll erhalten bleiben, der Vorplatz befestigt werden. Weiterhin soll der Parkplatz nicht nur Parkplatz sein, sondern künftig auch über eine gewisse Multifunktionalität verfügen, so Hochrein. Des weiteren schlug sie vor, einen Zugang zum Friedhof über eine Treppe zu schaffen.

Zwei Varianten

Soweit gab es aus dem Gremium keine Einwände. Als es aber um den Aufgang von der Stadtwallseite ging, erhitzten die Gemüter doch ein wenig. Ursula Hochrein hatte hier zwei Varianten parat. Variante I sieht vor, die bestehende Situation zu verbessern. Der Weg könnte etwas angeglichen werden, dadurch könnte die Steigung von jetzt 16 Prozent auf 14 Prozent reduziert werden. Das stelle eine Verbesserung dar, so Robert Thomas vom Stadtbauamt, eine Barrierefreiheit sei so aber nicht gegeben.

Barrierefreie Lösung

Durchgefallen ist diese Variante, bei der der jetzige steile Zugang durch einen sich sanft schlängelnden Weg ergänzt wird.

Den Zugang an dieser Stelle barrierefrei zu gestalten, sei ganz schön schwierig, ergänzte Hochrein. Variante II versucht dies mit einem einfachen Weg, der sich den Wall sanft in langen Schwüngen hinauf schlängelt. Dieser Weg wäre in etwa 90 bis 100 Meter lang, erklärte die Stadtplanerin, und würde für mögliche Nutzer einen Umweg bedeuten. Außerdem gestalte sich der Winterdienst auf einem solchen Weg schwierig. Sowohl Hochrein, als auch die Verwaltung gaben an, die pragmatischere Variante I zu bevorzugen. Ohnehin sei in der restlichen Stadt nicht alles rollstuhlgerecht, so die Landschaftsarchitektin.

Für und Wider

CSU-Stadträtin und Behindertenbeauftragte Marianne Porsche-Rohrer fand das keine gute Aussage. Es gehe schließlich nicht nur um Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, sondern auch um ältere Menschen mit einem Rollator oder Mütter mit Kinderwagen. Gregor Schuppe (ALS) formulierte es drastischer: „Wir leben im Jahr 2019. Ich finde es beschämend, dass wir über Barrierefreiheit überhaupt diskutieren.“ Auch sein Fraktionskollege Siegfried Müller sprach sich für die barrierefreie Variante aus.

Er sei eindeutig für Variante I und damit für den direkten Weg, bekannte Friedrich Zeller (SPD). „Variante II versucht glattzubügeln, was nicht glattzubügeln ist“, befand er. Außerdem werde der Weg bei der zweiten Lösung unglaublich lang. Einen weiteren Vorteil sah Zeller darin, dass so der kleine Schlittenberg an dem Wall für die Kinder erhalten bleibe.

"Schildbürgerstreich"

„Wenn wir uns für Variante II entscheiden, wird das ein Schildbürgerstreich“, prophezeite gar Ralf Schnabel (UWV). Davor und dahinter sei alles ringsum zu steil, um tatsächlich barrierefrei sein zu können. Man würde die Stadt so lediglich auf 100 Meter barrierefrei erschließen. Ähnlich formulierte das auch Robert Stöhr (CSU): „Das wäre Barrierefreiheit im luftleeren Raum“, sagte er und verglich die Situation mit einem Aufzug, der lediglich vom zweiten in den vierten Stock fährt, ohne dass das Erdgeschoss angeschlossen ist.

Mit 18:5 Stimmen fiel schließlich der Beschluss für die pragmatischere Variante I. Diese soll nach Kostenschätzung etwa 661.000 Euro kosten. Zum Vergleich: Variante II liegt bei rund 664.000 Euro und wäre damit nur etwa 3.000 Euro teurer gewesen. Hinzu kommen noch rund 150.000 Euro Planungskosten, erklärte Thomas. 

Astrid Neumann

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