Vorwurf der Befangenheit

Schongauer Stadtrat will bauen: Anwohner wittern "skandalöse" Bevorteilung

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Das Bestandsgebäude (rechts) soll weichen, bis zu sieben Reihen- und zwei Doppelhäusern könnten entstehen. Einige Nachbarn äußern ihren Unmut darüber.

Schongau – In der Nachverdichtung liegt ein Schlüssel zum sparsamen Umgang mit Flächen. Doch über das Wie scheiden sich mitunter die Geister, immer wieder kommt es dazu, dass Anwohner ihre Interessen verletzt sehen. So auch in Schongau, dort, wo Schönlinder und Johann-Sebastian-Bach-Straße aufeinander treffen. Weil der potenzielle Bauherr auch ein bekanntes politisches Gesicht in der Stadt ist, erhebt eine Anwohnerin einen schwerwiegenden Vorwurf.

Auf dem Grundstück der Neuapostolischen Kirche an der Johann-Sebastian-Bach-Straße soll Wohnbebauung entstehen. Nachverdichtung ist das Schlagwort. Für Mehrgeschosswohnungsbau sowie Reihen- und Doppelhäuser sei das Grundstück geeignet, das auch den angrenzenden Fußweg und eine Grünfläche beinhaltet. So schilderte Stadtbaumeister Sebastian Dietrich es dem Stadtrat erst bei dessen jüngster Sitzung. Ein Bebauungsplan soll aufgestellt werden, entschied das Gremium.

Denselben Entschluss hatte es erst im April auch für ein Areal gefällt, das gleich gegenüber jenseits der Schönlinder Straße liegt. Hier soll ebenfalls nachverdichtet werden. Nachdem das einzelne bisherige Bestandsgebäude weicht und der Grundstückseigentümer angrenzende Fläche von der Stadt erwirbt, sind bis zu sieben Reihen- und zwei Doppelhäuser vorgesehen.

„Den besonderen topographischen Bedingungen der Grundstücke hinsichtlich ihrer Lage an der Hangkante des Lechumlaufs trägt die Planung in Form der Beschränkung der zulässigem Höhen, der Dachformen und der Ausweisung von Abstandzonen entsprechend Rechnung“, hieß es in der damaligen Beschlussvorlage des Stadtrats.

Kritik an Ausgestaltung

In der Nachbarschaft sehe man das anders, schildert Andrea Holzbaur, deren Grundstück nordöstlich an das Areal grenzt. In einer Stellungnahme, kritisiert sie wortreich die erste Ausgestaltung des neuen Bebauungplans. „Für uns als Anwohner steht fest: Diese Art der Bebauung mit Ankauf der Teilfläche geht nur durch, weil der Bauträger selbst Mitglied des Stadtrats ist“, schreibt sie dem Kreisboten. „Und das finden wir skandalös.“

„Was soll ich dazu sagen, jeder darf seine eigene Meinung haben“, äußert sich der angesprochene UWV-Stadtrat Stephan Hild, der auch Teil des Bau- und Umwelt­ausschusses ist. „Wenn das die Basis wäre, dass jemand etwas kriegt, weil er sich politisch einbringt, könnten wir ganz aufhören.“ Er hält dagegen: „Die Behauptung kann man machen, ob sie intelligent ist, ist eine andere Frage.“

"Weisen zurück"

Auf Seiten der Verwaltung bezieht Stadtbaumeister Sebastian Dietrich auf Nachfrage des Kreisboten Stellung: „Eine Befangenheit weisen wir in aller Form zurück.“ Dass der Bebauungsplan Nr. 95 „Östlich der Schönlinder Straße II“, um den es geht, sich in einigen Punkten von jenem unterscheidet, der für Holzbaurs Grundstück gilt, sei dadurch begründet, dass die Aufstellung beider zeitlich weit auseinanderliegt. Bebauungsplan Nr. 62 „Östlich der Schönlinder Straße“ stamme schließlich aus dem Jahr 2001. In der Zwischenzeit habe sich die Situation am Grundstücksmarkt geändert – und zwar „dramatisch“, so Dietrich.

Flächenversiegelung und -verfügbarkeit rückten in den Mittelpunkt. Es gelte, die Leitlinie der nachhaltigen Verdichtung entsprechend umzusetzen. Das Schaffen bezahlbaren Wohnraums sei schließlich auch im Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK) so festgehalten worden.

Doch mit dem Wie seien die Anwohner nicht einverstanden, erklärt Holzbaur. „Seit November letzten Jahres war der Bebauungsplan anscheinend Gegenstand mehrerer Stadtratssitzungen. Wir als Anwohner wurden in diesen Vorgang aber zu keiner Zeit einbezogen.“ Bei der Nachverdichtung in der Augsburger Straße will der Bau- und Umweltausschuss hingegen die Sicht der Grunstückseigentümer erfragen. Eine Ungleichbehandlung, findet Holzbaur.

Dass die Ausfahrt der Tiefgarage in die Schönlinder Straße durch ihren Standort an einer nicht einsehbaren Stelle zu einer Gefährdung führe, kritisiert sie neben weiteren Punkten ebenso, wie die geplante „massive Bebaubung“, die sich nicht in die Eigenart der näheren Umgebung einfüge. Das gelte auch für das erlaubte Pult- oder begrünte Flachdach – wohingegen der Bebauungsplan für ihr benachbartes Grundstück nur Satteldächer mit spitzem Winkel zulasse.

"Ausgewogene Planung"

Dass man sämtliche Inhalte des Bebauungsplans auch zu begründen wisse, will Dietrich darstellen. Die Dachform beispielsweise solle die Höhen­entwicklung an der Hangkante so gering wie möglich halten. „Auch für den Nachbarschutz.“ In der Straße gebe es schon sehr moderne Dächer, ein Flach- oder Pultdach sei an dieser Stelle kein Fremdkörper. Dass die Neubebauung an dieser Stelle gegenüber der jetzigen Situation eine starke Veränderung für die Nachbarn mit sich bringe, könne man seitens der Stadt klar nachvollziehen. Dennoch: „Es ist eine ausgewogene Planung, die der Stadtrat auch recht einmütig befürwortet hat.“

Holzbaurs Eindruck aber steht: „Wir und die anderen Anwohner werden durch den Bebauungsplan massiv belastet.“ Diesen Eindruck habe für sie persönlich auch ein Ortstermin am Mittwoch vorvergangener Woche zwischen Bürgermeister, Stadtbaumeister und Anwohnern nicht beiseite zu wischen vermocht.

Immerhin, so Holzbaur, meldeten sich mittlerweile mehrere Mitglieder des Bauausschusses, um sich ein Bild zu machen. Die Ideen reichen davon, ein 3D-Modell oder eine Simulation zu erstellen, bis dahin, gleich andere Alternativen ins Auge zu fassen.

Wo das Verfahren steht, ordnet Dietrich ein. Nachdem der Stadtrat das Verfahren mit seinem Aufstellungsbeschluss im April angeschoben hatte, lief jüngst die Frist zur Öffentlichkeitsbeteiligung ab. Nun liegt es am Bauausschuss, die eingegangenen Stellungnahmen zu bewerten. In einer der kommenden Sitzungen stehe eine Entscheidung an. Ob noch vor oder bereits nach der Sommerpause, das sei noch nicht klar.

Nicht ans Limit

Zunächst einmal ist das erste Treffen Hilds mit den Anwohnern angesetzt. Er gehe offen in den Termin am Samstag, sagt ersterer. „Ich höre mir das an.“ Schließlich werden Bebauungspläne „überall und zig­fach“ geändert. „Das ist ein ganz normaler Vorgang.“ Und er stellt in Aussicht: Die tatsächliche Bebauung werde seinen Plänen nach ohnehin kleiner ausfallen, als es der Bebauungsplan zulassen würde.

ras

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