"Leinen los" für Lechfloß

Rückkehr eines Urgesteins

+
Leinen los: Harald Weinen war beim Comeback der Flößerei auf dem Lech bei Schongau als Floßmeister mit dabei.

Schongau – Als „Lechstadt“ wird Schongau gerne und häufig bezeichnet. Doch was wissen wir noch über den Fluss, der jahrtausendelang die Landschaft mit ihrer Natur prägte und eine der bestimmenden Kräfte im Leben derjenigen Menschen war, die an ihm lebten? Dabei, diesem Bewusstsein neuen Schwung zu verleihen, soll künftig eine neue Attraktion mithelfen: Die Flößerei kehrt an den Lech bei Schongau zurück, wenn auch nur für touristische Zwecke. Am gestrigen Donnerstag stieg die offizielle Premierenfahrt.

Das Wasser des Lechs plätschert leicht gegen die Holzstämme, als Floßmeister Harald Weinen die Leinen löst. Dann legt die dreiköpfige Delegation der Peitinger Alphornbläser los und wenig später beginnt der 30 PS starke Außenbordmotor leise zu summen. Es ist die offizielle Premierenfahrt des Schongauer Lechfloßes, das am Donnerstagvormittag seine eineinhalb Stunden lange Tour vom Lido, unter der Lechtalbrücke hindurch, bis zur Rossau und zurück meistert.

Hans Hartung, Vorsitzender des Tourismusvereins, ist einer der geistigen Väter dieser neuen Attraktion, die künftig immer im August und September die Interessierten auf den Fluss locken soll. „Ich bin viele Stunden deswegen in der Nacht wach gelegen und habe mir Gedanken gemacht“, verweist er, nachdem das Stück „Floß Ahoi“ der Alphorn­bläser verklungen ist, auf das lange bürokratische Tauziehen bis zur Genehmigung. „Aber jetzt haben wir ein attraktives Angebot, das einen besonderen Naturraum erlebbar macht.“

Einer, der gleich zu Beginn des Projekts Feuer und Flamme gewesen sein will, ist Schongaus Bürgermeister Falk Sluyterman: „Wir bauen doch nur ein Floß und nicht einen Ausflugsdampfer oder eine zusätzliche Staustufe“, habe er sich teilweise in Anbetracht der Vielzahl an Einwendungen des Landratsamtes gedacht, so das Stadtoberhaupt, das am Donnerstag 48 Jahre alt wurde.

Landratsamt-Chefin Andrea Jochner-Weiß verteidigt ihre Behörde, gestand aber ein, welch besonderes Erlebnis so eine Floßfahrt sei. „Ich kann mich gar nicht satt sehen“, so die Landrätin, die nach eigenen Angaben noch nie auf dem Lech war. Eben dorthin zu gelangen sei auch gar nicht so einfach, erklärt Stephan Jüstl, Gebietsbetreuer beim Verein Lebensraum Lech. Die Belange des Naturschutzes genössen berechtigterweise eine hohe Bedeutung.

Einstmals 3 500 Flöße jährlich

Ein Umstand, der die Flößer in etwas fernerer Vergangenheit wohl weniger zu scheren brauchte: Seit dem Einmarsch der Römer im Jahr 15 n. Chr. sei der Fluss eine wichtige Route für den Transport verschiedenste Güter gewesen, weiß Kreisheimatpfleger Helmut Schmidbauer. Das blieb auch nach dem Zerfall des Imperiums so.

Seinen dokumentierten Höhepunkt erlebte das sogenannte Rottwesen auf dem Lech um 1600, als jährlich 3 500 Flöße samt ihrer maximal vier Mann starken Besatzung und Ladung in Schongau anlandeten, um Waren abzuliefern oder sie von hier aus weiter lechabwärts zu transportieren. Am Ziel, häufig Augsburg, angelangt, blieben die Wasserfahrzeuge meist direkt vor Ort – als Baumaterial.

Dieses Schicksal droht dem neuen Floß erst einmal nicht.Weinen und Aufrichter Alois Sporrer bringen es dank Motor sicher flussabwärts zurück. Dafür bedürfe es allerdings schon einiger Erfahrung, verrät letzterer. Träge und windanfällig sei so ein Floß, „ich muss ständig nachkorrigieren“. Ein Knochenjob, mit dem Weinens und Sporrers Vorgänger noch ihren Lebensunterhalt bestreiten mussten. Und der mit der Zeit nicht leichter wurde: Als die Regulierung den einst wilden Flusses zähmte, machte 1917 das letzte Transportfloß Station in Schongau; danach sind nur noch gelegentliche Vergnügungsfahrten überliefert.

Immer am Wochenende

Nun feiert das alte Transportmittel sein Comeback. Jeden Samstag und Sonntag um 10.30 und 14.30 Uhr soll es künftig am Lido ablegen, vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Weitere Fahrten sind nach Vereinbarung möglich. „Für die ersten Wochenenden im August ist das Floß schon sehr gut gebucht, wir haben auch einige Sonderfahrten für Gruppen“, freut sich Ursula Diesch von der Tourist Info.

36 Passagiere finden Platz, sie werden von kundigen Begleitern, die je nach Termin variieren, via Audio-Guide über verschiedene Themen wie Historie, Kultur, Flora und Fauna unterrichtet. Einer von ihnen ist Gebietsbetreuer Jüstl. Sein Anliegen ist, den Fluss mehr ins Gedächtnis jener, die an ihm leben, zu tragen. „Denn die alten Lechtaler werden immer weniger.“ An die Urform des Stroms mit seinen Kiesbänken, Heiden, lichten Uferwäldern und Flachwassern, die stark gelitten haben, könne sich kaum noch jemand erinnern. Wie auch – liegt der Wasserpegel bei Schongau seit dem Bau der Staustufe in den Fünfzigerjahren doch ganze 20 Meter über dem einstigen Stand. Doch auch wenn der Fluss durch den Einbau der insgesamt 30 Staustufen seinen ursprünglichen Charakter eingebüßt habe, als Biotopbrücke zwischen Alpen und Jura fungiere er noch immer. Auch das ein Grund dafür, eine der anstehenden Floßfahrten zu besuchen.

Weitere Infos finden sich im Veranstaltungskalender der Stadt unter www.schongau.de oder Tel. 08861/214181 

ras

Auch interessant

Meistgelesen

Von Urnen, Stelen und Bäumen
Von Urnen, Stelen und Bäumen
Ein Katholik gibt den Luther
Ein Katholik gibt den Luther
Mehr Platz für Gäste
Mehr Platz für Gäste
"Bezahlbarer" Badespaß
"Bezahlbarer" Badespaß

Kommentare