Für einen neuen Job

Thomas Rohrmann startet sein Europa-Abenteuer

+
Lässt die Heimat hinter sich: Thomas Rohrmann aus Schongau verabschiedet sich für rund neun Monate, um einen 7000 Kilometer langen Fußmarsch durch sieben Länder anzutreten.

Schongau – Was tun, wenn der Job weg und die Bewerbungsbemühungen erfolglos sind? Thomas Rohrmann will einen ungewöhnlichen Weg beschreiten. Einen weiten Weg. Der 57-Jährige macht sich Mitte April auf in Richtung Nordkap, um von dort aus Europa zu Fuß zu durchqueren. Sein Ziel ist Messina, ein neunmonatiges Rendezvous mit sich selbst und die Aufmerksamkeit, die es seiner Meinung nach braucht, um im fortgeschrittenen Alter noch eine Chance auf eine neue Arbeitsstelle zu erhalten.

„Ich will mein Leben selbst gestalten, muss es wenigstens probier‘n – Ich brauche die Kontrolle zurück, kann nicht mehr nur funktionier‘n“, singt Tim Bendzko in einem seiner Lieder. „Das trifft genau auf mich zu“, findet Thomas Rohrmann aus Schongau. Denn die Kontrolle über sein Leben sei ihm vergangenen Sommer ein Stück weit entrissen worden: „Mach dir keinen Kopf“, habe sein damaliger Arbeitgeber immer wieder beteuert. Die Verlängerung des auslaufenden Jahresvertrags sei eine reine Formalie. Eine Woche vor Fristende der Schock: Das Unternehmen wechselte den Eigentümer, Rohrmann war seinen Job los. Schon damals habe er den Trotz in sich gespürt, etwas Außergewöhnliches machen, es alles zeigen zu wollen.

Ernüchternde Jobsuche

Rund 100 ernüchternde Bewerbungen später stand zum Jahreswechsel fest: „Ich ziehe es durch.“ Ein Plan, der schon lange im Kopf des 57-Jährigen herumspukt, soll Wirklichkeit werden. Rohrmann will Europa durchreisen. Zu Fuß. Rund 7 000 Kilometer wird er in voraussichtlich neun Monaten zurücklegen, Nacht für Nacht im Zelt schlafen und auf finanzieller Sparflamme leben. „Mach halt“, sei die Reaktion seiner Frau gewesen, mit der er seit 30 Jahren verheiratet ist. „Sie unterstützt mich super und hat gemerkt, dass ich das brauche, um nicht kaputt zu gehen.“

Er, der im Vertrieb sein Geld verdient hat, ist sicher: „Wegen meines Alters bekomme ich bei Arbeitgebern keine Chance.“ Die spärlichen Reaktionen auf seine Bemühungen bewiesen das. „Ich bin fit“, mindestens zehn Jahre Arbeitsleben lägen noch vor ihm. „Nach jetzigem Stand mit wenig Geld und hernach schlechtem Rentenbescheid.“ Das wolle er nicht, er suche eine berufliche Aufgabe. Der Ausweg, rein ins Bewusstsein der Chefs und Personaler, führe notgedrungen in die Öffentlichkeit. Und eben einmal quer durch den Kontinent.

Das Geschenk Europa

„Die Idee hatte ich, als ich vor Eröffnung auf der Öresundbrücke (Juli 2000, d. Red.) gestanden bin“, erinnert sich der Europa-Fan. „Es ist doch der Hammer: Ich brauche nur einen Ausweis, dann kann es losgehen.“ Das und anhaltender Friede seien die größten Gnaden einer Geburt in den vergangenen Jahrzehnten. „Rechtspopulismus geht mir auf den Senkel.“ Dabei sei er mitnichten in missionarischer Absicht unterwegs. Als Lautsprecher wolle Rohrmann keinesfalls fungieren. „Wenn mich jemand unterwegs anspricht, unterhalte ich mich gerne. Ansonsten nicht.“

Ihren Beginn nimmt die außergewöhnliche Reise am 11. April. Zuhause steigt vorab eine letzte Party mit Freunden, dann betritt Rohrmann, beladen mit 25 Kilogramm an Verpflegung und Ausrüstung, den Flieger gen Alta, Norwegen. Rund drei Stunden Busfahrt später steht der Schongauer am Nordkap, so der Plan. Auf drei happige Momente stellt sich der Vater zweier erwachsener Kinder ein: „Wenn ich mich am Flughafen von meiner Frau verabschiede, wenn der Bus mich am Nordkap zurücklässt und, wenn ich auf dem Weg nach Italien durch Schongau komme und nach zweitägiger Pause wieder los muss.“

Rund 30 Kilometer will der 57-Jährige pro Tag zurück-, ungefähr einmal wöchentlich einen Ruhetag einlegen. Übernachtet wird im Zelt. In Skandinavien sei das dank des Jedermann-Rechts kein Problem, in Deutschland und Österreich könne sich Rohrmann, der neben seiner Muttersprache noch des Englischen mächtig ist, problemlos verständigen. Nur in Italien mit seinen „krassen Strafen für Wild-Campen“ sehe er Probleme auf sich zukommen, die aber noch in weiter Ferne lägen. Der Fokus gelte zunächst den Etappen unmittelbar nach dem Start: Während der ersten drei Wochen „in der Pampa“ hält der Schongauer sich mit „Trockenfutter“ über Wasser. „Danach bin ich wieder in der Zivilisation und kann mir etwas kaufen.“ Vor Feinschmecker-Gaumen wird das aber wohl nicht bestehen. Acht Euro beträgt das tägliche Budget, mehr ist nicht drin. „Auf Sponsoren verzichte ich bewusst, ich will flexibel bleiben.“

Flexibel ans Ziel

Dieser Flexibilität hat sich Rohrmann auch bei der Streckenführung verschrieben. „Manche bekommen die Krise, wenn sie bei einer festgeschriebenen Route falsch abbiegen. Ich will da anders sein.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass er sein Ziel, das sizilianische Messina, im Winter erreicht, beziffert der ehemalige Marathon-Läufer, der „immer sportlich war“, optimistisch: „Wenn gesundheitlich nix dazwischen kommt, packe ich das zu 95 Prozent.“

Nachzulesen werden Rohrmanns Erlebnisse unter www.across-europe.de und im Kreisboten sein.ras

Auch interessant

Meistgelesen

Auf die Hand spezialisiert
Auf die Hand spezialisiert
Zu zweit unterm Baum
Zu zweit unterm Baum
Polizei stoppt aufgeputschten Essens-Kurier in Peiting
Polizei stoppt aufgeputschten Essens-Kurier in Peiting
Milchlaster kracht in Bulldog
Milchlaster kracht in Bulldog

Kommentare