»Ich kann mich gedulden«

Standbein im Wartestand: Tobias Kalbitzer über sein neues Betätigungsfeld

Bei rund 70 Hochzeiten war Tobias Kalbitzer (rote Krawatte) im Amt des Zweiten Bürgermeisters als sogenannter Standesbeamter ehrenhalber im Einsatz.
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Bei rund 70 Hochzeiten war Tobias Kalbitzer (rote Krawatte) im Amt des Zweiten Bürgermeisters als sogenannter Standesbeamter ehrenhalber im Einsatz. Mit so große Freude, dass weitere als freier Trauredner folgen sollen.

Schongau/Altenstadt – Nach seiner Zeit als Zweiter Bürgermeister sollte es eigentlich losgehen: Als freier Trau- und Trauerredner sowie Moderator will sich Tobias Kalbitzer neben dem Hauptberuf des Heilerziehungspflegers ein weiteres Standbein aufbauen. Amtskette weg, Stimme geölt – dann kam Corona. Seither müssen seine Pläne auf ihre Umsetzung warten. Auch Kalbitzers Escape Room One Break­out in Altenstadt hält bedingt durch den Lockdown derzeit Dornröschenschlaf.

Mit Zurückhaltung ist man im Escape Room schlecht beraten: Mehrere Personen in einem abgeschlossenen Raum, die alles anlangen, geradezu durchwühlen. Wie liefen die vergangenen Monate im One Breakout und seinen mittlerweile vier Räumen?
Kalbitzer: „Die liefen gut. Die Gruppengröße ist ja fix und alles klar nachvollziehbar, weil wir ohnehin Personendaten erheben. Wir haben Lüftungspausen zwischen den Gruppen samt Puffer eingeplant und Luftreiniger angeschafft. Unsere Spielleiter desinfizieren außerdem sehr gewissenhaft. Wir haben ein Hygienekonzept; es lief alles so, wie es sein muss und wir stellen eigentlich kein Infektionsrisiko dar.“

Dennoch seid auch Ihr jetzt nach dem Frühjahr im bereits zweiten Lockdown.
Kalbitzer: „Die drei Monate im Frühjahr haben uns schon getroffen, die Fixkosten hat aber als Soforthilfe zum Teil der Staat übernommen, sodass wir zumindest keine Einbußen hatten. Danach ging es den Umständen entsprechend gut weiter mit vielen Urlaubern und Ausflüglern. Der neue vierte Raum kam gut an. Der Lockdown jetzt kostet uns wohl die stärksten Monate, weil Firmenveranstaltungen und Weihnachtsfeiern entfallen. Das wird uns wehtun. Aber wir nehmen es hin, denn es geht nun einfach um Wichtigeres. Zum Beispiel, dass Schulen und Kindergärten offen bleiben.“

Wie nutzt Ihr die Zeit?
Kalbitzer: „Mit renovieren und reparieren.“

Gäste können derzeit nicht in den Escape Room. Dort ist deshalb reparieren und renovieren angesagt.

Diese Möglichkeit fällt bei einem weiteren beruflichen Standbein, das du dir aufbaust, flach: Du willst als freier Redner, zum Beispiel bei Trauungen und Beerdigungen, und Moderator durchstarten.
Kalbitzer: „Mir war wichtig damit zu warten, bis ich nicht mehr Zweiter Bürgermeister bin. Ich wollte den Eindruck vermeiden, als ob ich mir über dieses Amt Kunden heranhole. Und seitdem fällt eben alles aus: Firmenveranstaltungen sind gestrichen, Hochzeiten aufs nächste Jahr verschoben. Auch wenn gerade kein Bedarf da ist, weiß ich aber, dass ich in diesem Job gut wäre. Aber es ist ja auch nicht mein Hauptstandbein. Ich kann mich also gedulden.“

Wie bist du denn darauf gekommen, das Redenhalten beruflich forcieren zu wollen?
Kalbitzer: „Ich stehe einfach gern vor Leuten. Als Zweiter Bürgermeister und Standesbeamter ehrenhalber habe ich rund 70 Paare getraut und das hat mir total Spaß gemacht. Bei den Hochzeiten hatte ich auch immer wieder Kontakt mit freien Rednern und habe mir gedacht, dass ich das auch anbieten könnte.“

Emotional eine ganz andere Situation ist hingegen eine Beerdigung.
Kalbitzer: „Die ist für alle Beteiligten ein schwerer Gang. Als Redner hast du da eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe. Ich denke, es werden immer mehr Leute, die eine Alternative zur üblichen kirchlichen Bestattung suchen. Ich hatte damit schon zu tun und glaube auch hier, dass das mir läge.“

Als Außenstehender findest du bei solchen Anlässen wie Hochzeiten oder Beerdigungen einen festen Kreis an Angehörigen und Freunden vor, der sich zu einem besonders emotionalen Anlass trifft. Fühlt man sich da nicht als Fremdkörper?
Kalbitzer: „Fremd ist das falsche Wort. Denn fremd bin ich in diesem Moment nicht mehr. Ich will über die Paare eine ganz individuelle Rede halten, ein Gefühl bekommen, nichts aus dem Internet zusammensuchen. Dafür muss ich sie vorher in Gesprächen kennenlernen. Und sie mich – dann können sie sich auch gegen mich entscheiden. Ich bin da flexibel.“

Zurück zum also wenig passenden Begriff des Fremdkörpers: Wie ist es bei Beerdigungen?
Kalbitzer: „Auch da sind die Angehörigen und ich gefordert, mir vorab ein Bild des Verstorbenen zu vermitteln. Ich bin eben kein Pfarrer, der sich bei Teilen seiner Rede auf ein Buch stützen kann und will. Damit die Rede Würde und Tiefe erhält, ist auch hier ein Kennenlernen ganz wichtig.“

Vor allem aus deiner Zeit als Zweiter Bürgermeister und dem deutschlandweit beachteten Wahlkampf bist du ein bekanntes Gesicht. Ist das für dein berufliches Projekt eher Fluch oder Segen?
Kalbitzer: „Dass mich viele Leute kennen und ich jetzt ein paar Jahre regional bekannt war, das kann anfangs sicher förderlich sein. Manche denken sich aber vielleicht auch: ‚Der Kalbitzer, der Depp‘.“

Die Leute haben ein Bild von dir. Besteht da nicht die Gefahr, dass dieses insofern in deine neue Tätigkeit hineinstrahlt, dass du in eine von dir erwartete Rolle schlüpfen musst?
Kalbitzer: „Das Ganze muss wachsen, ich muss eine Vertrauensbasis schaffen. Es wird viel über Mundpropaganda laufen. ‚Du heiratest? Hey, der Kalbitzer hat das bei uns gut gemacht.‘ Dann stoßen mit der Zeit sicher auch Leute von weiter weg auf mich, die mit meinem Namen und Gesicht überhaupt nichts verbinden. Ich gehe es ganz entspannt und offen an. Wenn ich engagiert werde, ist mir das eine riesengroße Freude und Ehre.“

Interview: Rasso Schorer

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