Von Musiker zu Musiker

Aus der Steingadener Meisterwerkstatt: Neue Ziach für Stofferl Well

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Zwei, die sich verstehen: Stofferl Well, Instrumentenmachermeister Andreas Nöß (v. links) und die nagelneue Ziach.

Steingaden – Wie der ­Stofferl Well zu einer neuen diatonischen Harmonika kam: handgemacht aus Bayern. Ein Werkstattbesuch bei Handzuginstrumentenmachermeister Andreas Nöß in Steingaden.

Geht der Stofferl Well einkaufen, tut er das beim Hersteller vor Ort. Zumindest, wenn es um Musikinstrumente geht, die aus Bayern kommen. Weil aber Ehefrau Beate (41) als künftige Mitbesitzerin von der Partie ist, reist der 60-Jährige mit dem Auto an. Und nicht mit seiner alten BMW R 67/2, mit der man ihn aus seiner BR-Sendung „Strawanzen in Bayern“ kennt.

Der Weg hat die beiden nach Steingaden geführt: wo Oberbayern endet und das Allgäu beginnt. Dort wohnt und arbeitet Andreas Nöß. Der Handzuginstrumentenmachermeister hat Well eine „Ziach“ gebaut – eine diatonische Harmonika, auch genannt „Steirische“. Das bayrische Volksmusikinstrument schlechthin. Nicht zu verwechseln mit einem Akkordeon. „Eigentlich kann ich gar nicht spielen. Aber ich tu halt immer so, dass die Leute glauben, ich kann’s“, sagt Well.

Das ist natürlich bodenlose Untertreibung. Der jüngste der Well-Brüder ist studierter Trompeter und Konzertharfenist – und Multiinstrumentalist. Er spielt auch Dudelsack, Alphorn, Tuba oder Didgeridoo. Und entlockt ebenso einer Ziach schöne Melodien. Singt sogar Gstanzl dazu, wie er das den BR-Zuschauern regelmäßig demonstriert: Bei der „Strawanzen“-Sendung ist das Instrument ständiger Begleiter.

Beim Dreh einer Folge hat er den jungen Ziachbauer Nöß kennengelernt: „Strawanzen auf den Spuren des Kini“, rund um Neuschwanstein. Nöß fiel ihm auf – nicht nur, weil der ein „netter Kerl“ ist. Sondern weil der 25-Jährige ebenso Vollblutmusiker ist. „Wenn man ein Instrument von einem kauft, der selber Musik macht, ist das kein Fehler. So einer weiß, worauf es ankommt“, sagt Well.

Nöß hat sein Handwerk in der bekannten Ziachmanufaktur Öllerer in Freilassing gelernt – und als Landessieger abgeschlossen (wir berichteten). Seit Herbst ist er selbstständig und hat sich eine kleine, feine Werkstatt in seinem Wohnhaus eingerichtet. Neben der Ziach spielt er Posaune und Gitarre – und das in diversen Formationen wie seiner Band „Wamba Brass Club“ und der Tanzkapelle „Schreiner-Buam“.

Filigrane Arbeit

Und jetzt, als die Wells in Nöß Werkstatt, idyllisch am Bismarckweiher gelegen, hereinschneien, ist die Auftragsarbeit fertig. Ein eher filigranes Modell, eine Dreireiher: aus Ahornholz, das Griffbrett Nussbaum. Die Knöpfe sind aus Hirschhorn, wie gewünscht. 13 Bässe, normal sind zwölf. Und gestimmt in den Tonarten C-F-B. „Das ist sie also. Schön!“, sagt Well, staunt und strahlt. „Gut schaut’s aus“, findet auch Beate Well.

Ihr Gatte nimmt das Instrument in die Hand, spielt ein paar Läufe. „Angenehmes Gewicht. Und kompakt im Klang. Schlicht, schlank – genauso, wie ich das haben wollte“, sagt er. Der Sound ist knackig, schiebt an – so wie vor 80 oder 100 Jahren die Harmonikas klangen. Nöß will dem prominenten Kunden das In­strument demonstrieren: „Gib’s mir mal.“ Well: „Wart noch, ganz kurz!“ Klar, das Kind im Manne: Well will das neue Spielzeug nicht gleich aus der Hand geben, freut sich sichtlich drüber.

Nöß zeigt ihm die Besonderheiten. Etwa die Tasten für die Halbtöne, dafür spielt er einen Boarischen an. „Da kannst du den Wechselbass spielen.“ Die Antwort: „Bin gespannt, ob ich die Halbtöne noch einmal brauch.“ Nöß drauf, ganz valentinesk: „Aber du hättest’s, wennst’s brauchen tätest.“

Rund 100 bis 150 Stunden hat der junge Handwerksmeister dafür aufgewandt: „So lang darf man eigentlich nicht brauchen.“ Viel Tüftelei war dran, und derzeit baut er erst sein Lieferantennetz in der Region auf. Es gab ein paar Wochen Verzögerungen von Teilen aus Italien, Corona-bedingt. Am Vortag hat er das Instrument noch gestimmt, am Morgen war Endkontrolle. Nöß freut sich drüber, das ist nicht zu übersehen: seine erste eigene, mit seinem Logo drauf. Noch dazu für einen besonderen Kunden.

Der Preis bewegt sich im oberen vierstelligen Bereich. „Natürlich ist das Luxus – auch für mich. Aber ein Luxus, den man sich leisten muss“, sagt Well. „Außerdem gehört sie Beate und mir gemeinsam.“ Als Tontechnikerin hat auch sie intensiven Bezug zur Musik. „Ich lerne es gerade“, erklärt sie. Nöß passt ihm noch die Gurte an, die Farbe kann er sich aussuchen. „Ich bin ja so ein dürrer Kerl, kannst ruhig ein bisserl enger machen“, flachst Well. Wer es noch nicht gemerkt hat: Der Well ist ja nicht nur Musiker, sondern auch Komödiant, irgendwie.

Ein bisserl musste er, erzählt Well, sich bei seinem Ziachmacher mit seinen Wünschen dann doch durchsetzen: „Es gibt da diesen inneren Widerstand des Handwerkers, wenn etwas Neues gefordert wird.“ So wie bei seiner Lederhose, die er von Beate zum 60. Geburtstag bekam: „Das fand der Säckler komisch, dass einer Mohnblumenstickereien haben will. Das gab’s noch nicht.“ Aber musikalisch ist man ohnehin einig. Die Mechanik, so erklärt Nöß, werde sich einspielen. „Die wird noch leichter zu spielen und besser im Klang.“ Er gibt Well eine Dose Holzöl zur Pflege auf den Weg mit. Der wiederum lässt seine alte Ziach – ein 90 Jahre altes Stück – zur Generalüberholung da.

Und dann müssen die Münchner Gäste auch schon wieder weiter: Beim Ringsgwandl gschwind vorbeischauen. Aber dann zeitig aufbrechen, weil sie zu Hause in der Landeshauptstadt noch vor dem Fenster spielen: wie eben Künstler in Zeiten von Corona an sich erinnern, wenn sie nicht auftreten können. „Mich persönlich hat die Krise nicht so hart getroffen, ich mach ja schon seit über 50 Jahren Musik. Aber da bleibt eine Leere ohne Kunst. Man merkt es erst, wenn sie fehlt. Und die Leute wollen nicht jeden Abend fernsehschauen.“ Für die Münchner Nachbarn zumindest gibt es mit der neuen Ziach einen Hauch Heimatkultur, fast wie früher.

Klaus Mergel

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