Engagement wird belohnt

Praxis statt Unterricht

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Die Neuntklässler der Schongauer Realschule haben für ein Projekt, bei dem sie statt Religionsunterricht ehrenamtliche Arbeit geleistet haben nun den Scheuklappen-Preis erhalten.

Schongau – Ob Kulturdolmetscher, Vorleser oder freiwillige Nachbarschaftshilfe – für solche Einsätze hat die Schongauer Stiftung Scheuklappen in diesem Jahr ihre Preise verliehen. Ausgezeichnet wurde jeweils ein Projekt der Pfaffenwinkel-Realschule sowie des Welfen-Gymnasiums sowie Schülerin Rama Akhras.

Seit 2003 vergibt die Stiftung den Scheuklappen-Preis in Form einer finanziellen Anerkennung an junge Leute, die sich in besonderer Weise um den Abbau von Vorurteilen verdient gemacht haben. Dazu gehören auch die Neuntklässler der Schongauer Realschule. Statt Religions- oder Ethikunterricht in der Schule, engagierten sich die Realschüler vier Wochen lang in verschiedenen sozialen Einrichtungen der Region oder leisteten Nachbarschaftshilfe. Nächstenliebe und humanitäres Handeln in die Tat umzusetzen statt nur im Unterricht darüber zu reden, sei das Ziel des Projektes gewesen, sagte Vorjahrespreisträgerin Veronika Dietzel während des Festaktes in der Aula des Welfen-Gymnasiums.

„Die verantwortlichen Lehrer Ursula Höldrich und Armin Eder mussten hart für die Umsetzung dieses Projekts kämpfen“, so Dietzel. Grund dafür sei gewesen, dass das Kultusministerium es zunächst wegen des Unterrichtsausfalles nicht genehmigen wollte. Doch die Schüler hätten sich bereit erklärt, die eineinhalb Stunden, die sie am Vormittag an Unterricht versäumt hatten, am Nachmittag in der Schule nachzuholen.

Einige der Realschüler haben das Schongauer Altenheim besucht und sich dort mit den Bewohnern unterhalten. Andere leisteten Nachbarschaftshilfe und sind beispielsweise für ältere Leute einkaufen gegangen. Insgesamt kamen so 1.300 Stunden ehrenamtlichen Engagements auf. Doch das ist noch nicht alles: „Freundschaften sind entstanden, Patenschaften wurden geschlossen und einigen wurde sogar ein permanenter Nebenjob angeboten“, so die Preisträgerin des vergangenen Jahres. Das Projekt war so erfolgreich, dass für das neue Schuljahr bereits eine Wiederholung geplant ist. Das Projekt erhielt 1.000 Euro von der Stiftung.

Auch Syrerin Rama Akhras wurde von der Scheuklappen-Stiftung und einem Preisgeld von 1.000 Euro ausgezeichnet. Sie kam 2014 aus Aleppo nach Schongau. Kurz nach ihrer Ankunft besucht Rama Akhras die achte Klasse der Mittelschule und lernt innerhalb nur eines Jahres fließend Deutsch. Bereits 2015 macht sie ihren Quali mit einer Gesamtnote von 1,8. In diesem Jahr machte sie außerdem noch die Mittlere Reife und besucht jetzt die Übergangsklasse am Welfen-Gymnasium.

Die junge Frau ließ sich zur Kulturdolmetscherin ausbilden. In dieser Funktion hilft die Syrerin Sprachbarrieren und kulturelle Missverständnisse zu überwinden, indem sie ihren Landsleuten beim Übersetzen hilgt, sie zum Arzt begleitet und vermittelt, wenn es Konflikte gibt. Dietzel: „In meinen Augen ist Rama ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Integration nicht nur heißt, die Gepflogenheiten einer anderen Kultur anzunehmen, sondern auch die eigene Kultur weiter zu leben und damit die neue Gesellschaft zu bereichern. Ich denke, dass jede Gesellschaft davon profitieren kann, Leute wie Rama in ihren Reihen zu haben.“

Wenn Kinder eine Fremdsprache lernen, müssen sie zuerst ihre Muttersprache beherrschen. Das gilt auch für Kinder mit Migrationshintergrund. Deshalb spendete der Verein zur Integration ausländischer Mitbürger in Schongau der Bücherei am Münztor anspruchsvolle Kinder- und Jugendbücher in Arabisch und Türkisch. So sollen deutsch-türkische Kinder, aber auch geflüchtete Kinder dazu motiviert werden, in ihrer Muttersprache zu lesen. Dabei ist auch die Idee entstanden, gemeinsame Lesenachmittage in der Bücherei am Münztor zu veranstalten.

Seit Mitte Mai gibt es einmal im Monat gemütliche Leserunden, in denen sich Kinder und Jugendliche gegenseitig Ausschnitte aus deutschen, syrischen oder türkischen Büchern vorlesen und den anderen erzählen, worum es geht. Hier haben sie also die Gelegenheit, sich gegenseitig kennenzulernen und sich einmal selbst in der Sprache anderer auszuprobieren. Fünf Schülerinnen des Welfen-Gymnasiums sind Teil dieses Projektes und setzen sich so ehrenamtlich in ihrer Freizeit für Integration ein. Sie erhielten einen Büchergutschein über 100 Euro.

asn

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