"Aus unserer Mitte"

Schongaus Gedenken an Familie Kugler

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Über 70.000 solcher Stolpersteine sind mittlerweile in Deutschland und weiteren 23 Ländern verlegt. Sie erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus. Geht es nach dem Stadtrat, sollen vier weitere vor den Schrimpfhäusern verlegt werden. Dort lebte die jüdische Familie Kugler. Die beiden Eltern wurden ermordet, ein Sohn fiel als Widerstandskämpfer.

Schongau – Im rund 66.000 Einwohner zählenden französischen Vénissieux ist seit 1982 eine Straße nach dem Schongauer Norbert Kugler benannt. Dort, wo er zur Welt kam und mehr als ein Drittel seines Lebens verbrachte, erinnert dagegen so gut wie nichts mehr an ihn und seine Familie. Das soll sich jetzt ändern. Nachdem Altbürgermeister und -landrat Luitpold Braun im neuen Welf einen Beitrag über das Schicksal der einzigen jüdischen Familie im Schongau der NS-Zeit verfasste, hat sich der Stadtrat am Dienstag auf Antrag Bettina Bureschs (ALS/Grüne) mit der Frage beschäftigt, auf welche Art den Kugler zu gedenken sei.

An die Familie Kugler zu erinnern sei „unsere Verpflichtung“, ist Buresch überzeugt. „Das sind Menschen aus unserer Mitte.“ In den Schrimpfhäusern am Marienplatz lebten diese, dort unterhielten sie ihr Herrenausstatter-Geschäft.

Anfang des 20. Jahrhunderts war der aus Deutschkreutz im Burgenland stammende Moritz Kugler in die Lechstadt gezogen, hier heiratete er seine zweite Ehefrau, die Gunzenhausenerin Rosa. Die Söhne Norbert und Joseph kamen 1906 beziehungsweise 1911 zur Welt.

Man kannte sich

Sein eigener Vater habe die in etwa gleichaltrigen Kugler-Buben sehr gut gekannt, schilderte Altlandrat Luitpold Braun dem Stadtrat am Dienstag. Rund 2.500 Einwohner zählte Schongau damals – eine überschaubare Größe. Dass die Familie mitten in der städtischen Gesellschaft stand, darauf könnten auch die beiden Trauzeugen der 1905 gefeierten Hochzeit Moritz und Rosa Kuglers hinweisen, erörtert Braun: Zwei Mitglieder des Stadtmagistrats bezeugten die Eheschließung. Von Vermutungen wolle er absehen, so wenig emotional wie möglich berichten, erklärt der Altlandrat. Sein Welf-Beitrag sei sachlich, keine Würdigung. Doch die Trauzeugen, „das waren wichtige Persönlichkeiten“. Und das könne auch auf Familie Kugler zutreffen. Klar sei aber: „Es handelte sich um ganz normale Leute“.

Aber auch um die einzigen Juden in der Stadt. Nachdem die Nazis an die Macht kamen, wurde das Geschäft am Marienplatz arisiert, bereits im November 1935 kamen Moritz und Rosa Kugler zwangsweise nach München. Das Geschehen in Schongau sei da kein Einzelfall gewesen, erläutert Braun. Doch dass Bürgermeister und NS-Kreisleiter Georg Sponsel an der Deportation nicht unbeteiligt war, „dieses Eindrucks kann ich mich nicht erwehren“. „Das würde zu ihm passen.“ Weil der fanatische Nazi Sponsel an der Ermordung des gefangenen amerikanischen Piloten Major John R. Reynolds 1944 bei Ingolstadt beteiligt war, wurde er 1947 in Landsberg hingerichtet.

Tod in Theresienstadt

Nach der Wannseekonferenz im Januar 1942 trieb das NS-Regime seine sogenannte „Endlösung“ voran. Moritz und Rosa Kugler mussten nach Theresienstadt, wo sie nur wenige Monate später, Ende Juli und im August, starben. „Gräber erhielten diese Menschen nicht“, so Braun.

Auf Seiten der Résistance

Zur Zeit der Deportation ihrer Eltern nach München waren Joseph und Norbert, beide Textilkaufmänner, bereits aus Schongau nach Straßburg geflohen. „Sie haben den Braten wohl gerochen“, vermutet Braun. Der deutsche Westfeldzug ließ beide sich dem Widerstand anschließen; von Norbert Kugler ist belegt, dass er bereits im spanischen Bürgerkrieg kämpfte. Er stieg in der Résistance bis zum Oberstleutnant auf und war 1944 an der Befreiung von „zwei, drei Städten“ beteiligt, so Braun. In einer, Vénissieux, trägt die Rue Norbert Kugler seinen Namen.

Bei deren Einweihung im Jahr 1985 war der Geehrte bereits gestorben. Seine Frau Mira, eine polnische Jüdin, die er bei der Résistance kennengelernt hatte, nutzte aber die Gelegenheit, um nicht mehr in die DDR zurückzukehren.

Nachdem das Paar nach Kriegsende für zwei oder drei Jahre nach Schongau zurückgekehrt war, war es mit einem adoptierten und mittlerweile ebenfalls verstorbenen Peißenberger Kind nach Ost-Berlin gezogen. Wie es dort weiterging, dazu gibt es unterschiedliche Angaben: Agent, Titoist, in der DDR inhaftiert, auf all das ist Braun auf seiner Suche nach Norbert Kuglers Spuren gestoßen. Ein Bild dieser Zeit ergibt sich kaum. „Ich will mich da jeder Vermutung enthalten.“

Mira Kugler zog in ein jüdisches Altenheim in München, wo sie starb. Ihr zufolge war Joseph Kugler schon 1942 bei Kämpfen in der Gegend von Toulouse gefallen. „Ich gehe davon aus, dass die Familie erloschen ist“, so Braun. Dass Mira Braun ihn auf ihrer Flucht aus der DDR als damaligen Schongauer Bürgermeister aufsuchte, habe ihn nun dazu veranlasst, seinen Welf-Beitrag zu schreiben. Was er sich damals merkte und das, was sein Vater ihm „von Kindesbeinen an“ von der Familie Kugler berichtete, das habe er aufschreiben wollen. „Sonst geht dieses Wissen mit mir auf den Friedhof.“

Dass der Familie Kugler zu gedenken sei, darüber war sich der Stadtrat am Dienstag einig. „Es ist geboten, etwas entsprechendes zu veranlassen“, hielt Bürgermeister Falk Sluyterman fest. Blieb nur die Frage nach dem Wie.

Über 70.000 sogenannte Stolpersteine nach dem Konzept des Künstlers Günter Demnig finden sich mittlerweile in Deutschland und 23 weiteren Länder. Gegen diese Erinnerungsform hatte sich Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, positioniert. Ihrer Argumentation, durch die Stolpersteine trete man die Namen der Toten im wahrsten Sinne mit Füßen, schloss sich der Stadtrat nicht an. „Man verneigt sich beim Lesen der Namen ja auch“, fand Buresch. „Das ist eine Körperhaltung der Demut.“ Einstimmig sprach sich das Gremium dafür aus, die Stadt solle sich um die Verlegung solcher Stolpersteine an den Schrimpfhäusern bemühen.

Vier Stolpersteine

Und das nach Möglichkeit vierfach, also für alle vier Familienmitglieder. „Gedacht wird aller verfolgten oder ermordeten Opfer des Nationalsozialismus“ – so lautet die Formulierung des Stolpersteinprojekts, erklärt Stadtbaumeister Sebastian Dietrich. Das könne auch Überlebende wie Norbert Kugler beinhalten. Er selbst befürworte Stolpersteine, brachte Braun zum Ausdruck.

Den Wunsch, darüber hinaus etwas in Abstimmung mit dem heutigen Eigentümer direkt am Haus anzubringen, äußerte Buresch. Klappe es mit einer Infotafel nicht, könne sie sich Rosenstöcke vorstellen. Solche erinnern schon im Klosterhof des Heilig-Geist-Spitals an die Ermordeten der Schongauer Hexenprozesse. Auch dem schloss sich der Stadtrat in seiner Abstimmung einstimmig an.

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