Der Landkreis im Jahr 2047

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Fachleute unter sich: Rottenbuchs Bürgermeister Markus Bader, Schongaus Standortförderin Yvonne Voigt, Schongaus Rathaus-Chef Falk Sluyterman und Prof. Dr. Alain Thierstein (v. li.).

Schongau – Penzberg gehört funktional nicht zum Landkreis, die Fuchstalbahn sollte wiederbelebt und die Schongauer Fußgängerzone ausgeweitet werden. UPM wird sich in den kommenden Jahren aus der Lechstadt zurückziehen, Windrädern ist eine hohe Priorität einzuräumen. Diese und viele streitbare Erkenntnisse und Empfehlungen mehr haben Studenten der Technischen Universität München im Rahmen eines aufwendigen Projekts gewonnen. Am Dienstag vergangener Woche stellten sie ihre Arbeiten im Schongauer Stadtmuseum vor. Die Darstellungen sind dort noch bis zum 15. März zu sehen.

Es ist so eine Sache, wenn schlaue Menschen sich den Kopf über eine Region zerbrechen, die sie sich anhand Kennzahlen und wissenschaftlicher Methoden erschlossen haben. Der unverstellte Blick von außen kann sich ohne Krusten, Gewohnheiten und Befindlichkeiten unverstellt entfalten. Andererseits fehlt die Innenperspektive, der Stallgeruch, manchmal auch das Hintergrundwissen.

Mit dieser Gemengelage gingen die Studenten des Masterstudiengangs „Urbanistik – Landschaft und Stadt“ der TU München die Aufgabe an, die ihnen Prof. Dr. Alain Thierstein gestellt hatte. „Weilheim-Schongau: Zentren, Grenzen und Übergänge“, hieß ihr Studienprojekt, das sie in den letzten vier Monaten in Beschlag genommen hatte.

„Der Landkreis weist eine faszinierende Heterogenität auf“, schwärmte Thierstein am Dienstag vergangener Woche im Schongauer Stadtmuseum. Vier von fünf klassifizierten Raumtypen seien hier anzutreffen. Die Kontraste zwischen Stadt und Land, Münchener Einfluss und Peripherie spannten ein reizvolles Feld.

Auf diesem Terrain galt es für seine Erstsemester, neben einer Analyse des heutigen Status Quo, ein Zukunftsszenario des Jahres 2047 zu entwerfen und Maßnahmen abzustecken, mit denen der Landkreis und seine Kommunen sich rüsten sollten. Ihre Ergebnisse stellten die vier je drei- oder vierköpfigen Gruppen in 20-minütigen Vorträgen dar.

„30 Jahre in die Zukunft zu blicken, bietet ein großzügiges Zeitkontingent“, räumte Thierstein vorab ein. Momentan noch unumstößlich scheinende Rahmenbedingungen verflüchtigten sich bis dahin. „Das bietet auch ein Stück weit Narrenfreiheit“, so der Professor. Und davon machten seine Studenten teils großzügig Gebrauch.

Keine Gewerbegebiete am Ortsrand mehr

„Anfangs klang Euer Vortrag sehr utopisch. Manche Eurer Maßnahmen laufen aber tatsächlich schon“, bewertete beispielsweise Schongaus Wirtschafts- und Stadtmanagerin Yvonne Voigt den Vortrag von Gruppe zwei. Diese hatte, wie ihre Kommilitonen, analysiert, welche Trends sich aktuell und künftig auf den Landkreis auswirken könnten. Ihre zentrale Erkenntnis: Die Kulturlandschaft sei zu stärken, Flächenkonkurrenzen zu befrieden. Unter anderem sei der Errichtung von Windkraftanlagen eine hohe Priorität einzuräumen, Gewerbegebiete an Ortsrändern dagegen zu verbieten. Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen mehreren Gemeinden solle die Errichtung interkommunaler Gewerbeparks ermöglichen.

„Kooperationen werden ein ganz wichtiges Element darstellen“, befand Peitings Bürgermeister Michael Asam, der eine weitere Idee der jungen Frauen als „revolutionär“ bezeichnete: Einnahmen, die Gemeinden durch angesiedelte Unternehmen erzielten, seien in einen gemeinsamen Topf zu werfen und nach einem festzulegenden Schlüssel an alle Standorte zu verteilen. Dass UPM in Schongau als wichtiger Vertreter des sekundären Sektors dabei noch eine Rolle spiele, erachtete die Gruppe, wie andere Mitstreiter auch, als eher unwahrscheinlich. Das Unternehmen werde sich binnen der nächsten 30 Jahre aus der Lechstadt zurückziehen, so ihre Überzeugung. Nicht nur an dieser Stelle hätte sich der Zuhörer umfassendere Informationen gewünscht, wie diese Einschätzung zustande gekommen war. Etwas mehr Hintergründe statt Schlagworte hätten auch der Gruppe „Mosaiklandschaft – Einheit durch Vielfalt“ gut zu Gesicht gestanden.

Schönheitskur für den Pfaffenwinkel

Sie widmete unter anderem der Landwirtschaft ihr Augenmerk und setzte dabei auf sogenanntes Contour Farming an den Hängen. Ein großer Vorteil sei, den aktuell noch zu abrupten Übergang zwischen Kulturlandschaft und Wald harmonischer zu gestalten. Dass die Kulturlandschaft im Pfaffenwinkel einer Schönheitskur unterzogen werden müsse – diese Erkenntnis dürfte neu sein. Daneben setzten die jungen Männer unter anderem auf die Wiederbelebung der Fuchstalbahn.

Bahn als Triebfeder

Darauf pochte auch Gruppe drei. Nach jetzigem Stand falle Schongau verkehrstechnisch weit hinter Weilheim zurück. Eine Verbesserung der Bahnstrecke zwischen beiden Städten, unter anderem durch die Einführung eines Expresszugs, lasse das Schongauer Land näher an München rücken. Auch die direkte Zugverbindung in Nord-Süd-Richtung sei unabdingbar.

Sämtliche baulichen Maßnahmen in Schongau sollten darauf abzielen, die Wegführung in Richtung Bahnhof zu lenken sowie diesen und sein Umfeld zu beleben. Auch Gruppe vier riet zu dringenden Aufwertungen der Bahnhöfe Schongau, Peiting, Hohenpeißenberg, Peißenberg und Weilheim sowie höherer Strecken-Taktung.

„Wir kämpfen darum, nicht abgehängt zu werden, sehen aber gerade kein Land“, konstatierte Asam. „Ihre Erkenntnisse entsprechen in vielen Punkten meiner Agenda, die Kommune hat aber wenig Einfluss“, verwies Sluyterman auf die zähe Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn. Deren Raumentwicklung sei „old school“, bestätigte auch Thierstein. „Die momentanen Planungen am Schongauer Bahnhof sind sicher nicht der Weisheit letzter Schluss.“ Als weitere zukunftsweisende Schritte führte Gruppe drei, die ihrer Arbeit den Beinamen „Der Schongau-Effekt“ gegeben hatte, die Aufwertung der Stadtmauer durch Abholzen naher Bäume, eine Erweiterung der Fußgängerzone und die Stärkung des Krankenhaus-Standortes, beispielsweise durch Betreutes Wohnen, auf.

"Landkreis ist Murks"

Für ihre Mühen und Anstöße sprachen die anwesenden Fachleute den Studenten vorwiegend Lob aus. „Zu kurz gekommen“, so monierte Schongaus Stadtratsmitglied Paul Huber, sei ihm aber die „Wegorientierung und Aufspaltung“, die die beiden Pole Schongau und Weilheim in der Region rissen. „Bei uns sagt man: ‚Auf keinen Fall nach Weilheim‘, eher nach Landsberg oder Kaufbeuren.“ Der Landkreis sei „ein Murks“. „Ihr seid regionale Zentren in der Peripherie und müsst diese Funktion sichern“, schloss Professor Thierstein, der ferner eine beachtenswerte Erkenntnis mitbrachte: „Funktional betrachtet ist Penzberg kein Teil des Landkreises.“

Die durch die Studenten angefertigten Poster sind noch bis zum 15. März im Stadtmuseum ausgestellt. Ein Besuch lohnt sich, setzt aber gesteigertes Interesse für die Thematik und den Willen voraus, die vielen Schaubilder und Karten eingehend zu lesen sowie teils selbst zu interpretieren.

ras

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