Ein Stück Geschichte kehrt zurück

Restaurierte Hohenfurcher Stundensäule wieder an Ort und Stelle

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Stiftungsrat samt Stundensäule: Die Stiftungsratsmitglieder der Bürgerstiftung Hohenfurch (von links) Bürgermeister Guntram Vogelsgesang, Uta Adelt, Christiane Scheuerer, Ute Fichtl-Lankes, Richard Arnold, Franz Linder und Thomas Gornik hatten allen Grund zur Freude bei der Einweihung.

Hohenfurch – Auf Befehl seiner Majestät des Königs wurden in Bayern einstmals alle wichtigen Straßen mit Stundensäulen als Entfernungsmesser ausgestattet. Auch in Hohenfurch stand früher einmal eine solche Säule. Mehr noch, Hohenfurch lag an der „Chaussee von Augsburg nach Füssen” in einer Entfernung von „16 Stunden von Augsburg”. Nun ist die originale Hohenfurcher Stundensäule wieder in die Gemeinde zurückgekehrt. Davor wurde sie in Marktoberdorf nach historischen Vorgaben restauriert.

„Eine einfache Säule aus Sandstein steht also hier, die sehr viele Menschen in den letzten Jahren beschäftigt hat. Eine einfache Säule, die bereits vor über 200 Jahren die Bayerische Verwaltung beschäftigte.” Mit diesen Worten leitete Hohenfurchs Bürgermeister Guntram Vogelsgesang am vorvergangenen Samstagnachmittag die kleine Einweihungsfeier an der Stundensäule an der Einmündung der Kreuzstraße zur B17 ein.

Zu den Anwesenden gehörten neben den Stiftungsratsmitgliedern, Mitgliedern des örtlichen Gemeinderats und Restaurator sowie Inhaber der Firma Steinmetz Rieger Bernhard Schmid noch weitere Gäste, von denen einige durch ihr Engagement und Entgegenkommen ganz wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Einweihungsfeier überhaupt stattfinden konnte.

Umfangreiche Recherche

Bürgermeister Guntram Vogelsgesang hatte im Vorfeld schon viele Informationen zu den Stundensäulen im Allgemeinen und zu der Hohenfurcher Stundensäule im Besonderen zusammengetragen. Bei seinen umfangreichen Recherchen stieß er auf den Straßendirektor Adrian von Riedl, der Bayern auf Grundlage einer von ihm exakt beschriebenen geographischen und Stundenberechnung gemäß der Entfernung neu einteilte. In dessen „Reise-Atlas von Bajern“, der ab 1796 in insgesamt fünf Büchern entstand, ist im 1798 erschienenen zweiten Teil die Chaussee von Augsburg nach Füssen aufgeführt. Die Stunde Null war an der Frauenkirche in München. Straßen, die nicht in München begannen, wurden vom Anfangspunkt aus gerechnet, der München näher lag – demzufolge also von Augsburg aus. Gemäß dem Atlas liegt Hohenfurch in etwa bei der 16. Stunde von Augsburg. Der Originalstandort lag gemäß der Karte zwischen Kinsau und Hohenfurch, etwa auf Höhe der heutigen Mobilfunkmasten. Die 17. Stunde lag vor den Toren Schongaus, in etwa dem Standort des heutigen Krankenhauses.

Guntram Vogelsgesang wusste den Anwesenden auch zu berichten, dass vor nunmehr über 220 Jahren Riedl in seinem zweiten Teil in kurzen Worten auch Hohenfurch beschrieben hat. „Die Hauptstraße aber windet sich noch einige Zeit durch das Gehölze, dann über die Hohenfurcher Felder und den Schönebach in dem Kirchdorfe Hohen-Furt; die Häuser dieses Ortes liegen niedlich zu beyden Seiten des Baches, der gerade durch die Straßen läuft; die Brücke darüber hat die Stadt Schongau zu unterhalten”. Eine interessante Information, wie der Bürgermeister fand. „In Hohen-Furt sind zwei Gasthöfe. Man fährt nun über Anhöhen und Berge, die zum Theile mit Feldern bebauet sind, läßt rechts das Leprosenhaus liegen, und kommt zur Stadt Schongau”, so Guntram Vogelsgesang weiter.

Geregelt bis ins Detail

„Wer jetzt denkt, man habe einfach einen Stein genommen und ein paar Zahlen darauf geschrieben, der irrt.” Denn auch in der damaligen Zeit sei alles bis ins kleinste Detail geregelt gewesen, so der Bürgermeister weiter. Die Stundensäulen waren in Zählrichtung gesehen immer links der Straße aufzustellen … „worauf an vordern Seite die Entfernung von der Hauptstadt, auf den beiden Nebenseiten die Entfernungen der nächsten bedeutenden Ortschaften mit Lapidarschrift geschrieben sind.” Wenn auch wie in Hohenfurch ein Posthorn abgebildet war, handelte es sich zudem um einen Ort mit Poststation.

Außerdem waren die Steine unmittelbar über die Straßengräben zu setzen und hinter jedem Stein sollte eine Baumgruppe angepflanzt werden. „Jedoch so daß solche nicht hindert den Meilenzeiger schon in der Ferne zu sehen.”

Die Gemeinde Hohenfurch hat diese alten Vorgaben gut eingehalten, auch wenn der Standort von dem ursprünglichen etwas nach Süden abweicht. Sogar drei Bäume, mittig eine Säulenhainbuche umrahmt von zwei Pflaumendornpfändern, wurden bei der Stundensäule gepflanzt. Lediglich von der Hauptstraße wurde mit vorausschauendem Blick auf eine langfristige Erhaltung ein etwas größerer Abstand gewählt.

Im Dritten Reich wurde die Hohenfurcher Säule, wie vermutlich alle anderen auch, von Stunden auf Kilometer umgeschlagen. Mit der Zeit verloren die Stundensäulen ihren Zweck. Sie wurden dann entfernt oder vergraben.

Zufall und Schicksal

Nachdem im Straßenbauamt Marktoberdorf eine Stundensäule gefunden wurde, widmeten sich Josef Ossadnik und Ernst Höfler etwas ausführlicher diesem Thema. Durch einen hierzu erschienen Artikel im „Altlandkreis” aufmerksam geworden, informierte der ehemalige Redaktionsleiter der „Schongauer Nachrichten” und jetzige Kreisboten-Mitarbeiter Johannes Jais seinen Kollegen Ernst Höfler, dass in Sachsenried eine ähnliche Säule steht. Diese, so stellte sich schnell heraus, war die Hohenfurcher Säule.

Ossadnik und Höfler berichteten, dass der Vater des bei der Einweihung ebenfalls gemeinsam mit seiner 92-jährigen Mutter Anna anwesenden Karl Becker in den Sechzigerjahren beim Straßenbauamt arbeitete. Als damals der Auftrag kam, die Säule in Hohenfurch zu entfernen, fand dieser es so schade, dass er sie mitnahm und ihr in einem kleinen Waldstück in Sachsenried an der Knöbelkapelle einen neuen Platz gab. Sie teilten auch mit, dass mit Karl Becker als aktuellem Eigentümer bereits vereinbart worden sei, dass die Gemeinde Hohenfurch die Säule kostenlos erhalten kann. Die Abholung erledigte der Bauhofmitarbeiter der Gemeinde Frank Karczewski gemeinsam mit seinem schon über 90-jährigen Großvater, dem Feldgeschworenen Sebastian Brömauer.

„Der Stein wurde nach Markt­oberdorf zum Steinmetzbetrieb Rieger gebracht, der bereits mehrere Säulen rekonstruiert hat und somit über alle Maße Bescheid wusste”, so Guntram Vogelsgesang weiter zur Lageentwicklung. Einige Überbleibsel aus dem Dritten Reich seien aber auf der Ostseite des Steins noch zu sehen, zu tief waren die damals eingemeißelten Kilometerangaben.

Dörflicher Zusammenhalt

Dass auch die Hohenfurcher Bürger an dem Stein als historisches Zeugnis interessiert waren, haben sie durch die Spende des Erlöses des Weihnachtsmarkts 2016 eindrucksvoll dokumentiert. „Ein sehr schönes Zeichen des Zusammenhaltes im Dorf”, wie das Gemeindeoberhaupt fand. Sein abschließender Dank am Platz der Stundensäule galt nochmals den Stiftungsratsmitgliedern und allen Vereinen, die aus dem Erlös des Weihnachtsmarktes 2016 den größten Anteil der Restaurierung getragen haben.

Ein weiterer Dank ging an Richard Arnold als Vertreter der Sparkasse Oberland und der Kulturstiftung der Sparkasse. Beide Institutionen hatten jeweils 800 Euro für die Wiederherstellung und die Bepflanzung gespendet.

mel

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