Netzbetreiber Amprion hat entschieden

Der Gigant bleibt am Netz

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Ruhestand verschoben: Um die Energieversorgung in der Region abzusichern, darf das alte UPM-Dampfkraftwerk nicht abgeschaltet werden.

Schongau – Im Süden nichts Neues: Wer aus Schongaus Altstadt Richtung Alpen blickt, für den gehört der hohe Kamin des alten UPM-Dampfkraftwerks zum gewohnten Bild. Ausgespuckt hat der alte Schlot schon länger nichts mehr und wenn, dann nur an einzelnen Tagen. Das könnte sich wieder ändern, denn der Antrag des Unternehmens, seine altgediente Anlage vorläufig stillzulegen, wurde von Netzbetreiber Amprion abgelehnt. Die Begründung: Es sei nicht auszuschließen, dass das Kraftwerk eines Tages die Sicherheit der hiesigen Energieversorgung gewährleisten müsse. Systemrelevant, nennt das der Fachmann.

Im Juni 2013 war es, als der Spatenstich für das große Gaskraftwerk auf dem UPM-Gelände gefeiert wurde. Der damals erste Neubau eines Kraftwerks in Bayern seit Besiegelung des Atomausstiegs sollte nach seiner Fertigstellung zuverlässig Energie für das Papier-Unternehmen liefern und seinen Vorgänger, das alte Firmen-Dampfkraftwerk, überflüssig machen.

„Seit 2014 ist das alte Kraftwerk nur noch sehr vereinzelt gelaufen“, sagt Thomas Krauthauf, der bei UPM für den Bereich Business Development verantwortlich ist. Sein Nachfolger lief anfangs nicht immer stabil, litt an Kinderkrankheiten. Diese sind mittlerweile ausgestanden, die alte Anlage hat ausgedient. Rund 40 Jahre verrichtete der Koloss mit dem hohen Schornstein und einer Spitzenleistung von bis zu 64 Megawatt seinen Dienst. Nun, wo Erbe HKW3 mit bis 70 Megawatt und einem Wirkungsgrad um die 90 Prozent zuverlässig arbeitet, sollte der abgelöste Platzhirsch eigentlich stillgelegt werden.

Das Unternehmen stand vor der Wahl, eine vorläufige oder endgültige Abschaltung zu beantragen. UPM tendierte zu ersterem. „Wir wollten uns mit Blick auf die Entwicklung am Strommarkt alle Möglichkeiten offen halten“, so Krauthauf. Doch egal ob vorläufig oder endgültig, jede Abschaltung bedarf einer Genehmigung. „Wer einmal mit mindestens zehn Megawatt Strom erzeugt hat, kann nicht mehr nach Gutdünken vom Netz“, erklärt Michael Reifenberg. „Selbst wenn zwischendurch die Kessel geputzt werden, muss das gemeldet werden“, so der Pressesprecher der Bundesnetzagentur.

Seine Behörde stellt indes nur im Falle einer endgültigen Abschaltung eine eigene Beurteilung auf. Bei der vorläufigen Variante nickt sie in der Regel nur die Entscheidung des Netzbetreibers ab. Dessen Einschätzung allein bestimmt somit, was mit dem altgedienten Kraftwerk passieren darf – und was nicht.

Im Fall UPM kommt diese von Amprion. Der Energie-Konzern betreibt die hiesige sogenannte Regelzone. „Es geht darum, ob die Systemstabilität in der Region auch ohne das vom Netz zu nehmende Kraftwerk erhalten bleibt“, weiß Unternehmens-Sprecherin Solveig Wright. „Die Frage ist“, erklärt Reifenberg, „ob an diesem Punkt im Netz irgendwann wieder eine Einspeisung notwendig wird.“

Die Erkenntnis im Fall des alten Schongauer Dampfkraftwerks: Es ist systemrelevant, zu ertüchtigen und in seiner Bereitschaft zu erhalten, um unabhängig von der Papierproduktion im Bedarfsfall Energie zu erzeugen. „Die Entscheidung Amprions und die Reservekraftwerksverordnung macht klar: Wir müssen das alte Kraftwerk wieder fit machen“, sagt Krauthauf. Prozesse wie Energiewandel, naturgegebene Aufs und Abs in der Versorgung mit Solar- und Windenergie und der stockende Trassenbau seien bei der Beurteilung maßgeblich gewesen, so Krauthaufs Vermutung.

Wer anschafft, zahlt

Sein Unternehmen könnte binnen 24 Stunden mithilfe seines Dampfkraft-Giganten Strom liefern. Doch seit ihrem letzten Einsatz war die alte Anlage stillgelegt, die TÜV-Prüfungen ausgesetzt. „Jetzt müssen wir sie wieder so herstellen, dass sie in der Lage ist, Strom zu erzeugen und einzuspeisen“, beschreibt Krauthauf. Daneben stehen Modifizierungen an, um Emissions-Richtwerte einzuhalten und die Netzanbindung auszubauen. All das kostet Geld. Dazu kommt, dass es für den Betrieb zweier Kraftwerke zusätzlicher Mitarbeiter bedarf. Doch Entwarnung: Sämtliche der aufgezählten Kosten übernimmt Amprion. „Wir dürfen durch zusätzliche Kosten nicht schlechter gestellt werden“, berichtet Krauthauf.

ras

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