Tobias Kalbitzer im Gespräch:

"Ein Kalle tut jedem Wahlkampf gut"

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Tobias Kalbitzers unkonventioneller Wahlkampf 2014 und seine Art sorgten für einiges mediales Interesse. Das Geschehen 2020 kann er mit Abstand verfolgen, diesmal tritt er nicht an. In sechs Jahren könnte das aber wieder anders aussehen.

Schongau – In diesem Jahr ist einiges anders in Schongau: Nicht nur, dass mit Falk Sluyterman bei der Kommunalwahl ein Amtsinhaber seinen Sessel verteidigen will. Die Bewerber duellieren sich auch deutlich leiser, zumindest bis jetzt. Prägend für die letzte Auflage 2014 war Tobias Kalbitzer. Sein unkonventioneller Wahlkampf bescherte seiner Heimatstadt Wochen der deutschlandweiten Aufmerksamkeit. Bis in die Stichwahl schaffte er es, wo er hauchdünn unterlag. Wieso er diesmal nicht mehr antritt, ob er in Zukunft nochmal Anlauf auf den Posten des Stadt­oberhaupts nimmt, wie er seine Zeit in der Kommunalpolitik bewertet und seine Sicht auf das laufende Bürgermeisterrennen schildert Kalbitzer im Gespräch mit dem Kreisboten.

Das Fazit vieler Aufstellungsversammlungen zur jetzigen Kommunalwahl im Schongauer Land lautete: „Unsere Kandidatenliste ist weiblicher und jünger geworden“. Zumindest eines davon traf 2014 auch auf dich zu, als du mit 27 Jahren Zweiter Bürgermeister wurdest. Wie hast du es anfangs erlebt, in jungen Jahren in diese Rolle zu schlüpfen?

Kalbitzer: „Naja, in Sachen Diversität hatte ich bis auf die Rastafrisur ja nicht so viel zu bieten: männlich, weiß, zwischen 25 und 50 Jahre alt. Bei der Bürgermeisterdienstbesprechung muss der optische Kontrast schon krass ausgeschaut haben, das war sicher ein heißes Bild. Aber es waren immer alle sehr offen zu mir. Man hat mich schnell ernst genommen, ich bin es positiv angegangen und konnte mich behaupten.“

Man startet voller Tatendrang, ist in der politischen Arbeit ja aber dennoch an ein großes Ganzes gebunden, das feste Abläufe vorgibt. Stößt man sich da als junger Wilder anfangs nicht auch mal schmerzhaft die Hörner ab?

Kalbitzer: „Bei mir war es so, dass der Wahlkampf brutal Kraft gekostet hat und ich keine Vorstellung hatte, was auf mich zukommt. Es wurde halt alles recht schnell recht viel: Ich war Jugendreferent, in einigen Ausschüssen, Asylkoordinator. Dazu kamen mein Job und das Amt des zweiten Bürgermeisters. Und dieser Posten wurde größer gemacht, als er eigentlich ist.“

Inwiefern?

Kalbitzer: „Es ist ein Ehrenamt, nix besonderes. Letztendlich gibt’s kein Tagesgeschäft, keinen Auftrag und keine besondere Möglichkeit zur politischen Gestaltung. Du kannst nix Weltbewegendes erreichen. Reiße ich als Stellvertreter die Stadtmauer in Abwesenheit des ersten Bürgermeisters ein, nimmt er es die Woche drauf wieder zurück. Der zweite Bürgermeister ist ein Stadtrat mit einer goldenen Kette statt einer silbernen.“

War das mit ausschlaggebend dafür, dass du jetzt nicht mehr antrittst? Du bist ja nicht nur sehr jung auf die politische Bühne getreten, sondern verlässt sie nun auch früh wieder.

Kalbitzer heute: Seriöser Look, aktuell Pläne abseits der Politik.

Kalbitzer: „Die Sitzungen und Vorbereitungen fressen viel Zeit. Ich habe gemerkt, dass viele Stunden draufgehen, die ich für Positives nutzen könnte. Für Sport, für Freunde. Außerdem habe ich mich mit dem Escape Room one Breakout selbstständig gemacht. Dieser Aufgabe will ich mich mehr widmen. Ich habe das Amt des zweiten Bürgermeisters dann so für mich eingeordnet, dass ich die Bereitschaft liefern muss, da zu sein, wenn der erste Bürgermeister zu vertreten ist. Das hätte notfalls auch bei einem längeren Ausfall funktioniert. Definitiv Spaß haben die Besuche und Trauungen gemacht. Nüchtern betrachtet hätte ich das Amt des zweiten Bürgermeisters aber nicht machen sollen. Wann auch immer ich in die Politik zurückkomme, will ich etwas zu sagen haben, entscheiden können und kreativ sein. Ich will Fußstapfen hinterlassen.“

Dann gibt es ein politisches ­Comeback?

Kalbitzer: „Als Bürgermeister, als Landrat des Altlandkreises Schongau... ich nehme mich selber nicht so ernst und habe Spaß daran, damit zu spielen. Schauen wir mal, was in sechs Jahren passiert. Vielleicht passt es ja dann. Prinzipiell habe ich Blut geleckt. Wenn, dann will ich aber nicht ins zweite Glied, sondern Chef sein. Da bleibt ja eigentlich nur das Amt des ersten Bürgermeisters.“

Bis es soweit ist: Welche Aufgaben kommen auf den neuen Stadtrat zu, die er ohne dich meistern muss?

Kalbitzer: „Schongau zu einen. Wenn alle kooperieren, kann man gemeinsam was in unserer schönen Stadt erreichen. Die Schongauer müssen verstehen, dass nicht alles schlecht ist, sie müssen positiv rangehen. Wenn es allen Einzelnen besser geht, geht es allen besser.“

Gibt es denn Projekte, die du noch gern angepackt hättest? Bei denen es wehtut, dass du sie nicht mehr mitgestalten kannst?

Kalbitzer: „Bei den Fußballplätzen und dem Eisstadion muss was passieren. Darauf lag die letzten Jahre zwar schon ein Augenmerk, aber die Sportstätten sind noch zu kurz gekommen. Außerdem muss sich Schongau die Frage stellen, ob wir Tourismus wollen. Da brauchen wir dann Parkplätze, öffentliche Toiletten und so weiter. Oder wollen wir ein kleines ruhiges Städtchen bleiben? Das ist auch schön. Aber wenn wir da in eine Richtung gehen, dann müssen wir es voll durchziehen. Wenn ein Bus voller Japaner kommt, müssen die auch irgendwo pinkeln. Dann ist es vorbei mit der Ruhe. Vom Tourismus profitieren nicht alle. Dass der ein zweischneidiges Schwert ist, sieht man am Lido. Der ist jetzt schon ein anderer, als er vor fünf Jahren war.“

Das Stichwort Tourismus fällt auch im aktuellen Wahlkampf immer wieder. Wie verfolgst du den?

Kalbitzer: „Gar nicht so sehr. Bei der Podiumsdiskussion war ich nicht, da war ich krank. Ich hab dann erst aus der Zeitung davon erfahren. Das Rennen ist offen, auch wenn der Amtsinhaber immer einen Vorteil hat. Es sind jetzt drei Kandidaten auf Augenhöhe, das war 2014 anders. Da herrschten unterschiedliche Voraussetzungen.“

Unterschiedliche Voraussetzungen im Sinne des persönlichen Hintergrunds oder des Verhaltens der Kandidaten untereinander?

Kalbitzer: „Beides. Ich war 26 und völlig unerfahren, Falk Sluyterman Verwaltungsbeamter. Gleichzeitig habe ich mich ja auch in der Außendarstellung über die anderen hinweg erhoben und auch Kampfaussagen getätigt. Auf die hat der Sluyterman aber gut reagiert. Es war eine coole Sache damals; ich habe demokratisch verloren und musste das akzeptieren.“

Dass der jetzige Wahlkampf bei weitem nicht der Ausnahmezustand ist, wie es jener im Jahr 2014 war: Tut diese Normalität Schongau gut?

Kalbitzer: „Prinzipiell tut ein Kalle jedem Wahlkampf gut.“

Seit wann läuft der Wahlkampf denn hinter den Kulissen wieder und woran merkt man das?

Kalbitzer: „Die Sitzungen sind nicht mehr so sachgebunden. Ich weiß den Anlass nicht mehr und welche Fraktion da gerade gesprochen hat, aber es gab den Moment, wo ich mich zu Gregor Schuppe (ALS-Sitznachbar im Stadtrat, d. Red.) umgedreht habe: ‚Jetzt ist Wahlkampf‘. Das dürfte ein halbes, dreiviertel Jahr her sein. Seitdem hat es stetig zugenommen, aber das ist ja auch okay so.“

Welche Note würdest du dir für deine politischen sechs Jahre geben?

Kalbitzer: „Gute Frage. Eine Vier plus. Vier ist bestanden, bestanden ist gut und gut ist eine Zwei.“

Und welche Note bekämst du von deinem 27-jährigen Ich von vor sechs Jahren?

Kalbitzer: „Eine Vier minus.“

Das kommt dann von der Argumentationskette her aufs selbe raus?

Kalbitzer: „Nein. Es steht eher für: gut angefangen, stark nachgelassen. Ich habe eben irgendwann gemerkt, dass als zweiter Bürgermeister nix geht. Du kannst Schongau in diesem Amt nicht verändern, aber genau das wollte ich. Dass ich resigniert hätte, wäre das falsche Wort. Aber es gab den Zeitpunkt, an dem ich es für mich so eingeordnet habe, dass ich mich in nix verrenne, woran ich eh scheitern werde.“

Was machst du am 15. März, am Wahlsonntag?

Kalbitzer: „Da, und übrigens auch bei der Stichwahl, bin ich Wahlhelfer im Ballenhaus. Da hoffe ich auf viele bekannte Gesichter. Der Slogan ‚Geh wählen‘ von 2014 gilt auch jetzt.“

Interview: Rasso Schorer

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