Am Tropf des Finanzministers

Der Verdi-Bundesvorsitzende Frank Bsirske nahm zu aktuellen Arbeitnehmerthemen Stellung. Foto: Jungwirth

Für den Verdi-Bundesvorsitzenden Frank Bsirske besteht dringender Handlungsbedarf in Sachen Arbeitsrecht bei Beschäftigten in der Diakonie. Dies machte der Gewerkschafts-Boss bei seiner Stippvisite in der Herzogsägmühle klar. Doch auch sonst müsse man dringend handeln, was die Rahmenbedingungen in Sozialberufen angeht, fand Bsirske.

Besteht zwischen Gewerkschaft und Kirche ein Widerspruch? Dieser Frage ging der Bundesvorsitzende der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Frank Bsirske auf den Grund. Und er hatte sich einen guten Zeitpunkt ausgesucht: Denn nicht nur, dass immer mehr Beschäftigte kirchlicher Einrichtungen fundamentale Arbeitnehmerrechte, wie das im Grundgesetz festgeschriebene Recht auf Streik oder das Recht auf einen Betriebsrat einfordern. Auch die Bitte zahlreicher Auszubildender in der Altenpflege, das Schulgeld wieder abzuschaffen, ist derzeit Thema. „Gott kann man nicht bestreiken. Darum geht es nicht. Es geht um ein sehr weltliches Problem“, sagte Frank Bsirske. Im Hinblick auf die Beschäftigten in der Diakonie und deren Position zu ihren Arbeitnehmern fand der Verdi-Boss harsche Worte: „Da liegt manches im Argen. Die Glaubwürdigkeit der Diakonie ist zutiefst erschüttert und ich sage: Zurecht!“. Denn während Diakonie-Beschäftigte im Westen 8,8 Prozent unter dem Lohnniveau vergleichbarer Entgelte im öffentlichen Dienst lägen, sei dieser Wert – und dies träfe auch auf die katholische Caritas zu – im Osten noch deutlich niedriger, befand Bsirske. Und weiter: „Das ist Lohndrückerei zu Lasten der Arbeitnehmer“. Doch der Gewerkschaftsvorsitzende sah noch eine andere Gefahr: „Wir werden schon bald einen ganz akuten Fachkräftemangel haben“, warnte Bsirske und prophezeite, dass bis 2020 in den Pflegeberufen bis zu 115000 Fachkräfte in Krankenhäusern, Altenheimen und sonstigen Pflegeeinrichtungen fehlen werden – dies bei einer rasch vergreisenden Gesellschaft. Nur durch bessere Bezahlung und eine fundierte und gut entlohnte Ausbildung sei diesem unheilvollen Szenario beizukommen, folgerte Bsirske. Nicht konform mit der Meinung des Gewerkschafts-Chefs ging der Leiter des Diakoniedorfes, Wilfried Knorr, der die Arbeitgeberseite repräsentierte. Dieser verwies sowohl auf die Gemeinnützigkeit der Diakonie, der es nicht möglich sei, Gewinne zu erwirtschaften, als auch auf die Gefahr einer Unterversorgung, sollten die Beschäftigten streiken dürfen. Auch den Vorschlag von Frank Bsirske, einen gemeinsamen Tarifvertrag auszuarbeiten, wollte der Diakonie-Chef nicht weiter verfolgen. Knorr räumte aber ein, dass die schwere Arbeit seiner Mitarbeiter oft nicht genügend gewürdigt werde. Einigkeit indes herrschte in der Feststellung, dass die Politik gefordert sei, um bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Denn noch immer hängen die Sozialpolitiker zu stark am Tropf der Finanzminister.

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