Mehr Einsatz für ländlichen Raum

Über die Zukunft der Mobilität in Bayern - Konferenz aus dem Schongauer Brauhaus

Ursel Kössler, Tyll-Patrick Albrecht und Martin Sielmann (v. links) diskutierten beim digitalen Stammtisch im Brauhaus über die Zukunft der Mobilität.
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Ursel Kössler, Tyll-Patrick Albrecht und Martin Sielmann (v. links) diskutierten beim digitalen Stammtisch im Brauhaus über die Zukunft der Mobilität.

Schongau – Während in der Landeshauptstadt die S-Bahn alle zwanzig Minuten verkehrt, kommt, wer im Oberland auf die Bahn setzt, nur im Stundentakt weiter. Doch auch wenn die bayerische Verkehrs­politik seit Jahren dem Auto den Vorrang einräumt, sind manche Verkehrsprobleme jahrzehntealt. Zur Bundestagswahl schickt sich nun auch die FDP an, Vertreter aus dem Landkreis nach Berlin zu entsenden, die sich das Thema Mobilität auf die Fahnen geschrieben haben. Mit einer digitalen Podiumsdiskussion aus dem Schongauer Brauhaus machten die Liberalen nun ihren Wahlkampfauftakt. 

Trafen sich die Menschen früher am Sonntag zum Hoagarten im Wirtshaus, so haben die Wirte seit über einem Jahr ein Problem: Corona. Im Zuge der Infektionsschutzmaßnahmen darf die Gastronomie seit Monaten den Menschen keinen Stammtisch mehr bieten und auch keinen Treffpunkt zum Austausch. Weshalb Tyll-Patrick Albrecht mit Unterstützung durch die Überbrückungshilfen für die Gastronomie ein kleines Fernsehstudio in seinem Brauhaus eingerichtet hat, von wo schon seit einiger Zeit gesendet wird und diverse Themen vor einem Online-Publikum diskutiert wurden.

Als Premiere moderierte der Gastronom und FDP-Anhänger die erste Folge des Bürgerdialogs, den die Liberalen führen wollen. Bis September, so der FDP-Landtagsabgeordnete Klaus Breil, wolle man in regelmäßigen Abständen verschiedene Themen diskutieren. Und auch andere Parteien, so das Angebot von Albrecht, könnten die Technik im Brauhaus für einen Livedialog mit den Menschen gerne nutzen.

Vielleicht sei Digitalisierung ohnehin die Zukunft der Wirtshäuser, so Albrecht etwa ironisch-kritisch, ehe er seine beiden Live-Gäste, Ursel Kössler aus Garmisch und den FDP-Bundestagskandidaten Martin Sielmann begrüßte. Kössler und Sielmann saßen sich schon im Gemeinderat Garmisch-Partenkirchens gegenüber, nun durfte die Sprecherin der Bürger­initiative Zwei-Tunnel über die Probleme mit dem Ausbau des Tunnels zwischen Oberau und der Marktgemeinde berichten. Eingangs hatte Klaus Breil schon angemerkt, dass weder der Straßenverkehr noch die Bahn im Oberland funktionierten, wobei im Laufe der Diskussion vor allem Norbert Moy den Finger in die Wunde legte bzw. konkretisierte, wo die Defizite im öffentlichen Nahverkehr lägen. Probleme, so Sielmann, für die seiner Ansicht nach vor allem die Bundesverkehrsminister der Union verantwortlich seien. Sielmann tritt im Oberland als Kandidat gegen Alexander Dobrindt an, dem er unter anderem die Schuld daran gibt, dass der Bahnausbau nicht zu den vordringlichen Projekten im Bundeswegeplan gehört. Nur mit einem zweiten Gleis zwischen Garmisch und München könnte etwa ein Halbstundentakt realisiert werden, hatte Moy angemerkt, um die Provinz besser mit der Metropole zu verbinden; aber allein die gerade erst gebaute, nur für ein Gleis ausgelegte Fußgängerunterführung bei Seehausen, zeige, welche Bedeutung die Politik dem Bahnausbau beimisst. Anderes, ebenso für sich sprechendes Beispiel ist die Pfaffenwinkelbahn, die Moy anführt und wo zwischen Peißenberg und Schongau nicht schneller als 60 km/h, teilweise sogar nur 40 km/h, gefahren werden kann, während daneben die Bundesstraße zur gut ausgebauten Ortsverbindung wird. Damit aber können weder schnellere Verbindungen noch der Deutschland(Bahn)takt realisiert werden.

Nur mit Mehrwert

Ob da allerdings ein privater Investor der Bahn helfen könnte, wie Sielmann auf Nachfrage Albrechts meinte? Das eine oder andere Problem ist auch hausgemacht und weder die Bahn noch die große Politik sind schuld, wie Moy sagt. Etwa, wenn er auf das Regioticket Werdenfels verweist, das man im Eibsee-Bus nicht nutzen kann. Unverständlich für Feriengäste, die wie andere Autonutzer schließlich in Vorleistung gegangen sind und neue Kosten, für den ÖPNV nur dann akzeptieren, wenn es ihnen einen Mehrwert bringt. Da nützt dann auch die Smartphone-Applikation nichts, die sich Sebastian Körber vorstellt. Damit, so der Landtagspolitiker und Sprecher der FDP-Fraktion für Wohnen, Bau und Verkehr, könnten effiziente und kostengünstige Verbindungvorschläge mit Bus und Bahn, als Alternative zum Auto, erstellt werden. Allerdings nur, wenn entsprechend zuverlässige und ausreichende Verbindungen, noch dazu in der Fläche, existieren.

Während aber das Anliegen von Ursel Kössel eindeutig ist und sie einen folgerichtigen Ausbau der Tunnels fordert, der eben nicht nur weiteren Verkehr in den einen oder anderen Ortskern bringt, blieb Sielmann eine konkrete Antwort auf die Frage Albrechts, was dieser im Bundestag bewegen könnte, schuldig. Und auch Körber hatte eingangs nur von den Anträgen und Initiativen gesprochen, die die FDP im Landtag eingebracht hatte, ohne allerdings auf die Ergebnisse einzugehen. Sicher ist, dass ein WLAN-Netz im Zug den Pendler nicht zum Umstieg bewegen wird, wenn er länger zur Arbeit braucht oder sich Gedanken machen muss, wie und wann er wieder zurückkommt. Während Sielmann sinnierte, ob ein privater Investor nicht nur die Bahn sondern auch den Netzausbau bewältigen könnte, erinnerte Moy an die gravierenden Fehler der Politik beim Netzausbau, wo man es neben Bremsern, Blockierern und Bedenkenträgern vor allem auch damit zu tun habe, dass die Bahn erst planen dürfe, wenn die Finanzierung steht. Straßenbauer, so Moy, hätten ihre Pläne in der Schublade und müssten sie nur herausholen, wenn Gelder da sind. Dass man andernorts bzw. in anderen Länder uns weit voraus ist, zeigen die Beispiele des Brennerbasistunnels zwischen Italien und Österreich, wo die Deutschen gerade erst an der Eisenbahn-Zulaufstrecke planen, während der Durchstich bereits erfolgt ist. Noch gravierender ist das Beispiel der Auto-Ortsumfahrung und der Tunnel von Scharnitz, die innerhalb weniger Jahre nicht nur genehmigt und geplant sondern auch realisiert wurde, wie Kössel meinte, die noch dazu darauf verwies, dass ein Ende des Individualverkehrs mit dem Auto so nicht in Sicht sei, denke man nur an die Elektromobilität.

Die aktuellen Probleme seien dem fehlenden politischen Willen geschuldet, so Sielmanns Fazit. In der Fläche, im ländlichen Raum (dem Oberland) könne man nicht auf das Auto verzichten. „Das ist eine politische Entscheidung“, meint der FDP-Politiker. Letzten Endes könne die kommunale Ebene nicht viel bewirken. „Nur das Land und der Bund können hier etwas machen“. Man müsse das, was den Bürger bewege, in die Parlamente tragen, um Druck zu machen. Die Stadt sei schon entwickelt, gut ausgebaut und bestens versorgt, so Sielmann. Daher brauche es jetzt mehr Einsatz für den ländlichen Raum, so das Fazit von Tyll-Patrick Albrecht.

Oliver Sommer

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