Untersuchung "Vitale Innenstädte 2016"

"Der Schongauer Altstadt hätte ich eine Zwei bis Zwei plus gegeben"

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Kein Allheilmittel, aber wichtig für das Flair der Altstadt: Wirtschaftsförderin Yvonne Voigt über die neue Schongauer Fußgängerzone.

Schongau – Zum zweiten Mal hat das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) in einer bundesweiten Untersuchung die deutschen Innenstädte unter die Lupe genommen. Dabei wurden in 120 Städten knapp 60 000 Innenstadtbesucher zu ihren Einkaufsgewohnheiten und der Attraktivität der Innenstadt befragt. Der Kreisbote sprach mit Schongaus Wirtschaftsförderin Yvonne Voigt über die gewonnenen Erkenntnisse, warum sie der Schongauer Altstadt eine bessere als die Durchschnittsnote gegeben hätte und wo es noch Nachholbedarf gibt.

Die deutschen Innenstädte erhalten in der Befragung die Durchschnittsnote drei plus – die gleiche wie schon 2014. Welche Schulnote würden Sie der Schongauer Altstadt geben, wenn Sie gefragt worden wären?

Voigt: „Nachdem ich Schongau mittlerweile besser kennen gelernt habe, hätte ich bestimmt eine Zwei bis Zwei plus gegeben.“

Schongau ist also besser als der Durchschnitt? Können Sie das begründen?

Voigt: „Mit unserer historischen Altstadt punkten wir beim Ambiente. Außerdem ist das Angebot vielfältig, vielfältiger, als es auf den ersten Blick scheint. Man muss sich dafür nur mal zu Fuß durch die Altstadt bewegen. Auch die Servicebereitschaft der Einzelhändler ist sehr hoch.“

Mit zunehmender Ortsgröße werden Innenstädte von den Befragten besser bewertet. Allerdings gibt es auch Kleinstädte, die hier gut abschneiden. Lässt das hoffen für Schongau?

Voigt: „Natürlich. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Schongau ein guter Standort ist und ein großes Potential zu bieten hat – trotz des Strukturwandels, dem der lokale Einzelhandel aktuell auch im Hinblick auf die wachsende Online-Konkurrenz gerade ausgesetzt ist.“

Besonders großen Einfluss auf die Bewertung durch die Befragten hatten Ambiente und Flair einer Stadt. Wichtigste Aspekte sind dabei Gebäude sowie Plätze und Grünflächen. Erst danach folgt das Einzelhandelsangebot. Hat Sie dieses Ergebnis erstaunt?

Voigt: „Nein. Egal ob bei der Städtebauförderung oder in Gutachten, die sich mit Stadtentwicklung beschäftigen, ist dies seit Jahren Tenor.“

Muss die Stadt hier mehr investieren?

Voigt: „Sicher übt das einen gewissen Druck auf die Stadtverwaltung aus, mehr in dieser Richtung zu tun. Dabei geht es allerdings oft um große und damit teure Themen, die nicht zu den Pflichtaufgaben zählen und deshalb nur peu à peu umgesetzt werden können. Beispiele sind die Fußgängerzone – hier hat die Stadt bereits investiert –, das Stadtmauerumfeld und die leider aus finanziellen Gründen verschobene Sanierung und Aufwertung der Münz- und Weinstraße.“

Wo ist der Handel gefordert?

Voigt: „Die Geschäftsleute können ihren Teil zum Ambiente und Flair beitragen, indem sie für einladende Verkaufsräume und attraktive Fassaden und Schaufenster sorgen.“

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Städte, die in der Kategorie Ambiente und Flair gut abschneiden, über einen historischen Stadtkern verfügen. Hat man aus diesem Standortvorteil in Schongau in der Vergangenheit zu wenig gemacht?

Voigt: „Für mich ist es schwierig, das zu beurteilen, dafür bin ich noch nicht lange genug da. Fakt ist, dass die Stadt seit 30 Jahren über die Städtebauförderung viel Geld in den Erhalt der historischen Bausubstanz gesteckt hat und dies auch weiterhin tun wird. Mit dem Erschließungskonzept, das gerade für die Stadtmauer erarbeitet wird, und der bereits vorher angesprochenen Aufwertung der Münz- und Weinstraße sind bereits große Projekte angestoßen. Man darf nicht vergessen: Für Schongau sind das riesige finanzielle Brocken, die sich nur sukzessive verwirklichen lassen. Das dauert seine Zeit.“

Eine weitere Erkenntnis der Studie ist, dass der Online-Handel zwar weiter zulegt, der stärkere Wettbewerb aber zwischen den stationären Standorten stattfindet. In Städten bis 25 000 Einwohner kauft bereits mehr als die Hälfte der Befragten Bekleidung in einer anderen Stadt. Wie konkurrenzfähig ist eine Kleinstadt wie Schongau überhaupt noch?

Voigt: „Der Wunsch nach einer großen Modekettenfiliale als Magnet für die Altstadt, der in der Vergangenheit oft geäußert wurde, wird wohl nicht in Erfüllung gehen. Dafür ist Schongau, wenn man es realistisch betrachtet, einfach nicht der richtige Standort. Es fehlt sowohl an geeigneten Flächen als auch am Einzugsgebiet, um ein derartiges Geschäft wirtschaftlich betreiben zu können. Andererseits ist gerade das eine Chance.“

Inwiefern?

Voigt: „Die Zentren der größeren Städte werden immer uniformer, weil sich überall die gleichen Ketten ansiedeln. Hier können die Kleinstädte mit einem kleineren, dafür aber vielfältigeren Angebot punkten. In Schongau haben wir beispielsweise Modeläden, die schon jetzt viele Kunden von außerhalb anziehen.“

Drastisch formuliert es der Wirtschaftswissenschaftler und Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein gegenüber der Deutschen Presseagentur. Manche Kommunen würden besser daran tun, eine schöne Schlafstadt, als eine hässliche Einkaufsstadt zu sein. Hat er damit recht?

Voigt: „Für Schongau gesprochen: Definitiv nein! Die Altstadt hat definitiv die Funktion eines Einkaufsstandortes, das zeigen auch die ersten Ergebnisse der Untersuchungen für das Einzelhandelskonzept, das wir gerade erstellen. Und die vielen Verkaufsflächen in der Gesamtstadt bieten ein breites Angebot auch für die Bürger einiger Umlandgemeinden und unsere vielen Arbeitspendler.“

Für Heinemann hat auch die Fußgängerzone als Allheilmittel ausgedient. Er fordert, angesichts zunehmender Leerstände die Straßen wieder für den Autoverkehr zu öffnen und so mehr Frequenz zu schaffen. Was sagen Sie dazu?

Voigt: „Sie als Allheilmittel zu sehen ist auch der falsche Ansatz. Viel wichtiger ist in Schongau ihr Beitrag zum Ambiente und Flair der Altstadt. Da braucht es einen zentralen Treffpunkt, wo sich die Leute gerne aufhalten. Natürlich kenne ich die Kritik mancher Geschäftsleute,welche die Fußgängerzone für Umsatzeinbußen verantwortlich machen. Doch viele Branchen profitieren von ihrer Einführung und auch die Zahlen zeigen, dass sie keine Totgeburt ist. Obwohl 40 Parkplätze weggefallen sind, ist die Parkzeit in der Altstadt im vergangenen Jahr um zwei Prozent gestiegen – wohlgemerkt: Im Zeitraum vor Einführung des neuen Parkraumkonzepts.“

Um die Kunden in die Innenstädte zu bringen, spielen laut der Befragung die digitalen Services eine immer wichtigere Rolle. Unabdingbar ist es demnach neben kostenlosem WLAN – was die Stadt ja bereits anbietet –, dass man Informationen zu den Händlern und ihrem Sortiment im Internet findet. Hier hinkt Schongau aktuell stark hinterher. Manches Geschäft verfügt noch nicht einmal über einen eigenen Internetauftritt.

Voigt: „Da gibt es sicher Nachholbedarf. Wir haben viele Einzelhändler, die schon lange im Geschäft sind und viele Wellen des Strukturwandels über sich haben ergehen lassen müssen. Da fällt es nicht leicht, gedanklich den Anschluss zu halten und als kleiner Einzelkämpfer diese Dinge mit der gleichen Professionalität anzugehen wie die großen Wettbewerber, die dafür ganze Abteilungen beschäftigen. Am besten wäre eine zentrale Plattform als eine Art digitaler Marktplatz und erste Anlaufstelle, da geht die Werbegemeinschaft mit ihrer neuen Homepage in die richtige Richtung. Die Möglichkeiten, welche die Digitalisierung bietet, sind vielfältig, sie müssen aber auch sinnvoll umgesetzt werden. Hier braucht es eine gemeinsame Linie und weitere Fortschritte.“

Interview: Christoph Peters

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