"Die Bäume sind rappelvoll"

Borkenkäfer-Population rund um Schongau wächst rasend schnell

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Hier stand vor kurzem noch Fichte an Fichte, dann kam der Borkenkäfer. Ludwig Rabl vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten kennt sich aus mit dem Schädling.

Landkreis – Dem aufmerksamen Spaziergänger, Jogger oder Radler ist es in den vergangenen Wochen aufgefallen: Ganze Waldstriche an Fichten fallen der Säge zum Opfer. Schuld ist ein kleiner geflügelter Schädling. Der Borkenkäfer vermehrt sich massenhaft und stellt die Forstbesitzer vor Probleme. Denn egal ob kleiner Privatmann oder Waldbauer: Sie alle sind gesetzlich dazu verpflichtet, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Doch allein sind sie dabei nicht. Die Waldbesitzervereinigung und das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten stehen zur Seite. Der Kreisbote war mit Förster Ludwig Rabl unterwegs.

Ein Krachen liegt in der Luft, der Boden ist übersät mit kleinen und größeren Ästen. Wo vor wenigen Tagen noch stattlicher Fichtenwald stand, türmen sich die Stämme gefällter Bäume. Es riecht nach Harz, im Hintergrund leistet ein Harvester dröhnend seine Arbeit. „Der Bestand hier war rund 100 Jahre alt“, weiß Ludwig Rabl. Er ist zuständiger Förster für das Revier Schongau West beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Die große Lücke im Wald bei Burggen, in der er steht, ist eine von vielen, die gerade in der ganzen Region gerissen werden. Denn die Bäume, die hier vormals standen, müssen weg.

„Die sind rappelvoll“, erklärt Rabl, als er die Rinde eines auf einem großen Stapel liegenden Baums zurückklappt. Das darunter zu entdeckende charakteristische Muster entlarvt den Übeltäter – eine Borkenkäfer-Art: „Der Buchdrucker ist unser Hauptschädling“, beschreibt der Förster, der für knapp 8 000 Hektar Privat-, Gemeinde- und Staatswald in und um Altenstadt, Bernbeuren, Burggen, Ingenried, Prem, Schwabbruck, Schwab­soien, Steingaden und Wildsteig zuständig ist. Das gefällte Holz muss schnellstens raus aus dem Wald, möglichst weit entfernt gelagert und zügig abgefahren werden.

"Bis keine Fichten mehr übrig sind"

Denn der Borkenkäfer-Nachwuchs, von dem es unter der Rinde zu abertausenden wimmelt, schickt sich an, die nächsten Ziele in seiner unmittelbaren Umgebung anzufliegen. „Greift der Mensch nicht ein, frisst er sich durch die Wälder, bis keine Fichten mehr übrig sind“, so Rabl. Dabei hat er leichtes Spiel.

„Unsere Wälder sind sehr fichtendominiert, vor allem entlang des Lechs herrschen Monokulturen vor.“ Dort, wo früher Mischwald stand, hat der Mensch dafür gesorgt, dass von der ursprünglichen Vegetation nicht mehr viel geblieben ist. „Wir sind recht weit vom natürlichen Zustand entfernt, das Gleichgewicht ist weg.“ Das System sei anfällig für Störungen, drohe schnell zu kippen. Ein beträchtliches Gefahrenpotenzial, auf das jahrelang hingewiesen worden sei, beschreibt Rabl, zu dessen Aufgaben es gehört, Waldbesitzern beratend zur Seite zu stehen.

Startschuss Niklas

Dazu, dass die Borkenkäfer-Population derzeit beträchtlich in die Höhe schnellt, habe Sturm Niklas im Jahr 2015 maßgeblich beigetragen. „Der war bayern- und europaweit nicht so dramatisch, hat lokal aber Auswirkungen gehabt wie die Orkane Vivian und Wiebke im Jahr 1990“, erinnert Rabl. So auch in seinem Revier: „Überall entstanden Sturmwurfnester, die einen super Brutraum für den Buchdrucker abgaben.“ Der durchnässte Boden habe verhindert, dass die betroffenen Bäume schnell aus dem Wald geschafft werden konnten, der darauffolgende heiße und trockene Sommer gab den Startschuss zur Massenvermehrung. „Der Zeitraum April bis Juli ist entscheidend“, weiß der Fachmann. Und der fiel auch im Jahr 2016 überdurchschnittlich warm und damit günstig für den Borkenkäfer aus. „Wir wussten im letzten Winter, dass, wenn nicht im ganzen Frühjahr Schnee liegt, die Population weiter zunimmt.“

Nun herrscht Hochbetrieb in den Wäldern im Altlandkreis, stellenweise noch befeuert von den teils heftigen Gewittern der letzten Wochen und den angerichteten Schäden. „Es sind nur noch wenige Forstunternehmer verfügbar, auch die Sägewerke sind ausgelastet“, berichtet der Förster. Derzeit gingen wöchentlich rund 1 000 Festmeter Holz aus seinem Zuständigkeitsbereich in die Verarbeitung.

Denn Eile ist geboten und „jeder Waldbesitzer ist gesetzlich dazu verpflichtet, sein Gebiet auf Käferbefall zu untersuchen und dagegen einzuschreiten“, so Rabl. Eine Belastungsprobe, vor allem für weniger erfahrene Waldbesitzer. Manche seien verständlicherweise überfordert. „Du hast ruckzuck 50, 60, 100 Käferbäume beieinander.“ Insgesamt, das schätze er an seinem Revier, hätten viele Besitzer noch einen Bezug zu ihrem Wald. „Viele sind fleißig und wissen sich zu helfen.“ Das sehe andern­orts nicht immer so aus.

Anlaufstelle für Waldbesitzer

Allein seien Betroffene mit der Situation nicht: „Es muss keiner, der das nicht kann, in den Obi rennen und sich eine Kettensäge kaufen“, appelliert Rabl, der weiß: „Die Arbeit ist gefährlich, die Zahl der Unfalltoten explodiert.“ Wöchentlich erreichten ihn Horrormeldungen, die hohe Zahl der Laien, die gerade gegen den Borkenkäfer anzukämpfen versuche, trage dazu bei. „Es ist so schlimm wie seit 20 Jahren nicht mehr.“ Dabei stünde Hilfe parat. Rabl selbst berät kostenlos, auch die Waldbesitzervereinigung, mit der er eng zusammenarbeite, böte eine hervorragende Anlaufstelle.

Doch auch wenn er derzeit alle Hände voll zu tun habe – in Rabls Zuständigkeitsbereich schlage der Borkenkäfer noch vergleichsweise wenig massiv zu: „Gegenüber dem restlichen Bayern sind wir ein friedlicher Schauplatz, stehen besser da.“ Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle, allen voran die Höhenlage. Zum einen liege die Durchschnittstemperatur dank ihr bis zu drei Grad Celsius niedriger als in „Nordbayern“, das für Rabl in Hinblick auf den geflügelten Schädling bereits an der Landkreisgrenze beginnt.

Noch dazu regne es durch die Nähe zu den Alpen mehr – durchschnittlich über 1 000 Millimeter jährlich. „In diesem Frühjahr war es in ‚Nordbayern‘ trocken, während wir hier satte Niederschläge hatten.“ Ein Segen für die hiesigen Wälder, denn so setzte die Massenvermehrung später ein.

Wie kleinräumig trennscharf sich verschiedene Gunst- oder Ungunstfaktoren auf die Borkenkäfer-Population auswirken können, verdeutlicht Rabl bei der Fahrt durch sein Revier: „Links ist der Boden kiesig“, sagt er und deutet aus dem Autofenster. Regenwasser versickere dort schnell, die Bäume fielen rasch unter Trockenstress, ihre Abwehrkräfte schwänden. „Rechts ist der Boden lehmig“, die Fichten folglich wehrhafter und der Borkenkäfer habe weniger leichtes Spiel.

Jammern oder Sorgfalt walten lassen

„Die Situation bei uns ist insgesamt schlimm, könnte aber noch schlimmer sein“, bilanziert Rabl. Wichtig sei, wie die Waldbesitzer mit der Situation umgingen. „Wir können jammern oder uns der Sache mit Sorgfalt annehmen.“ Eine systematische Kontrolle könne sein Amt nicht leisten, das sei auch gar nicht der gesetzliche Auftrag. Die Waldbesitzer seien in der Pflicht, Rabl berät. Auch dort, wo es nach den Kahlschlägen der vergangenen Wochen darum geht, welche Bäume neu anzupflanzen seien.

Die Fichten-Monokultur, die maßgeblich zur Misere beigetragen hat, sieht der Fachmann auf dem Rückzug. „Die Bereitschaft, auf Mischwald umzuschwenken, wächst.“ Das Bild vom „Brotbaum Fichte“, der für schnellen und satten Ertrag sorgt, verblasse. „Als Waldbesitzer ist es ein bisschen wie an der Börse“, erklärt Rabl. Das Setzen auf reine Monokulturen könne wirtschaftlich sein, weise aber ein hohes Risiko auf. „Fichtenbestände, die neu gepflanzt werden, werden sicher keine 100 Jahre mehr alt.“

Dazu trage auch der Klimawandel bei: „Trockenperioden und Stürme nehmen zu.“ Die derzeitige Borkenkäfer-Massenpopulation, sie sei sicher nicht die letzte.

Rasso Schorer

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