Angehende Architekten präsentieren Ideen

Viele Visionen für die Zukunft Steingadens

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Ein Vorschlag zeigte modernen Wohnraum in den alten Mauern.

Steingaden – Eine neue Hochschule für Handwerk oder Sport, mit Internat. Vielleicht interessante Lofts für exklusiven Wohnraum in der ehemaligen Werkhalle. Oder doch etwas ganz anderes, ein Hotel mit einer kleinen Therme? Unter dem Stichwort „leere Hülle haben angehende Architekten in Steingaden ihre Ideen für die Zukunft des ehemaligen Milchwerks präsentiert.

Wie so viele andere Kommunen, nicht nur auf dem Land, kämpft auch Steingaden mit mehreren Problemen, was das Thema Wohnen, Leerstand, Nachverdichtung und Bauen auf der grünen Wiese angeht. Mehr und mehr junge Menschen verlassen das Dorf und ziehen in die Stadt, um dort zu arbeiten und zu wohnen. 

Wer dennoch hierher kommt, realisiert sich den Traum von den eigenen vier Wänden auf der grünen Wiese – Nachverdichtung Fehlanzeige. Und dabei stehen viele Immobilien im Ortskern leer, weil horrende Mieten oder Kaufpreise verlangt werden oder der Alteigentümer gar nicht aus seiner oftmals viel zu großen Immobilie ausziehen will. 

So ergab auch der Vitalitäts-Check, an dem Steingaden als eine der Pilotgemeinden teilgenommen hatte, eine Überraschung. Die gefühlte Situation sei deutlich besser als die tatsächliche, meinte Beatrix Drago vom Amt für ländliche Entwicklung, deren Behörde den Check begleitet und finanziert hatte. Es gebe deutlich mehr Leerstand in Steingaden und damit verbunden auch Risiken hinsichtlich des demografischen Wandels, etwa was die Nahversorgung für eine älter werdende Bevölkerung angeht.

An dieser Stelle nun kommt die Technische Universität mit ihrem Lehrstuhl für sustainable urbanism, auf deutsch etwa nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land mit ihrem Professor Mark Michaeli ins Spiel. Zusammen mit seinen Studenten hat der Architekt die Gemeinde ebenfalls analysiert. Nach der baulichen Nutzung, nach der Bauweise, dem Zustand der Gebäude und ihrem Alter, nach dem Räumen, Plätzen und Gassen, nach dem Landschaftsbezug und der Landschaftsspange. 

Wie es Architekt schon dutzendfach in Deutschland gemacht hat, um daraus Nutzungsentwürfe zu entwickeln, den Bürgermeistern und Auftraggebern Ideen an die Hand zu geben, wie sie ihren Ort wieder attraktivieren können, wie man Problemen der heutigen Zeit, allen voran dem viel beschworenen demografischen Wandel, begegnen kann. 

Nun also war Steingaden das Labor. Wobei Michaeli das Projekt unter das Stichwort „Leere Hülle“, in Anlehnung an die zentrale Werkhalle des einstigen „ersten Butterwerks“, heute kurz „Hochlandareal“ , die alte Brauerei des Klosters, gestellt hatte. Der Bau, in Teilen mehr als 200 Jahre alt, steht unter Denkmalschutz und muss unter allen Umständen erhalten bleiben beziehungsweise darf baulich nur minimal verändert werden. 

Welche Hülle das Gebäude darstellt, wird vor allem bei den Modellen deutlich, die die Studenten erarbeitet haben. In seiner Längserstreckung sogar noch größer als der Fohlenhof ist es ein imposanter Bau im Herzen der Gemeinde, die Michaeli aufgrund ihrer vorhandenen Strukturen eher als Stadt denn als Dorf bezeichnen würde. Und Michaeli zeigte, wie der Ortskern Steingadens wirklich aussieht, dass hier eine durchaus beeindruckende Innenstadt vorhanden ist. 

Was fehle, das sei Wohnraum für junge Menschen, für Singles oder Paare, die noch keine Familie gegründet haben. Dies sei der Grund dafür, dass vor allem die Jugend Orte wie Steingaden verlasse. Dem könnte man mit den Modellen, die Michaelis Studenten, darunter Gaststudenten aus Israel, Spanien oder Italien und Osteuropa, erarbeitet haben, begegnen. 

Dabei gingen die künftigen Planer und Architekten durchaus unkonventionell zu Werke und entwickelten Ideen, die manchem Denkmalschützer die Haare zu Berge stehen lassen dürften. Andererseits gab es von Seiten der Städtebauförderung und anderen Ämter durchaus Zustimmung für die Ideen, die Leben und Arbeit ins Zentrum Steingadens holen würden. 

Von den Besuchern der Ausstellungseröffnung, die in der Grundschule Steingadens im Fohlenhof zu sehen ist, gab es viel Lob und vor allem die Nachfrage nach einer Kombination aus den verschiedenen Entwürfen, etwa studentischem Wohnen in Verbindung mit einer Hochschule. 

Aber auch dringend für die eigene Bevölkerung benötigter Wohnraum im Stil von Lofts wurde vorgestellt, wobei die alte Halle jeden Planer vor Herausforderungen stellt, wie der Architekt deutlich machte. Zwei der insgesamt zehn vorgestellten Entwürfe hatten das Thema Freizeit respektive Urlaub im Blickfeld, so gab es auch die Idee für ein Hotel, eine Therme oder die Kombination aus beidem. 

Wie Michaeli in seiner Synopsis zeigte, erfordere jede der vorgestellten Varianten öffentliche Förderung und Engagement in der Umsetzung, aber auch Betrieb, der langfristig gesichert werden müsse. Insbesondere bei einem Hotelbetrieb müsse man sich in einer Nische profilieren. Bei einer Hybridnutzung, also etwa Wohnraum und Schule, müsse man die „Einstiegsschwelle niedrig halten“. Zu hohe Kosten, vor allem für den Erwerb, würden den Wohnraum unattraktiv machen. 

Doch hier genau liegt nach wie vor die Krux: der aktuelle Eigentümer will noch immer mehr als 1,5 Millionen Euro für das inzwischen heruntergekommene Areal und die verfallenden Gebäude.

Oliver Sommer

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