Daten-Monster mit großem Mehrwert

Auerbergland-Gemeinden schaffen Grundlage für künftige Entscheidungen

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Das Schnitzer-Areal in Bernbeuren: Die Wirtschaft soll nach dem Willen von Bürgermeister Martin Hinterbrandner neu belebt, der Stadel zugunsten eines Fenebergs abgerissen werden. Der Denkmalschutz sieht das anders. Der Rathauschef hofft, dass die Erkenntnisse des Vitalitäts-Checks künftig dabei helfen, Abwägungsentscheidungen mit Informationen zu unterfüttern.

Steingaden – Das Fortbestehen von neun der 16 Arztpraxen, die sich in den 14 im Auerberg­land e.V. organisierten Gemeinden finden, ist nicht über die nächsten acht Jahre hinaus gesichert. Und bei den Bäckereien, Metzgereien und Gastro-Betrieben ist es ein Drittel, das in eine unklare Zukunt blickt; Wohnangebote für Senioren fehlen. Diese und viele weitere Erkenntnisse brachte eine Fachveranstaltung am Donnerstag vergangener Woche in Steingaden zutage. Im Mittelpunkt stand dabei der sogenannte Vitalitäts-Check. Er liefert zahlreiche interessante Erkenntnisse zur Lage im Auerbergland – und soll künftig als wichtiges Hilfsmittel politischer Entscheidungen dienen.

Schon 2013 hatten Stötten und Steingaden als Pilotgemeinden des Vitalitäts-Checks eine Ersterfassung bei sich durchgeführt. Doch dass ein erfolgreiches Modellprojekt einige Zeit braucht, um Eingang in die Praxis zu erlangen, weiß Bernbeurens Bürgermeister Martin Hinterbrandner: „Es ist ein weiter Weg.“

Auf dem zumindest seine Gemeinde und ihre Nachbarn nun aber den nächsten Schritt bewältigt haben. Sämtliche 14 Kommunen im Auerberg­land e.V. haben ihre Kennzahlen unter Anleitung des Münchener Instituts ifuplan für den Vitalitäts-Check und für eine Flächenmanagementdatenbank zusammengetragen. Darunter auch Altenstadt, Bernbeuren, Burggen, Hohenfurch, Ingenried, Kinsau, Prem, Schwabbruck, Schwabsoien und Steingaden.

„Es war schon ein kleines Monster für die Verwaltungen“, blickt Hinterbrandner zurück. Doch der nicht unerhebliche Aufwand habe sich gelohnt. Er selbst sei „nah dran, begeistert zu sein“. Das Auerbergland verfüge nun über die lange angestrebte Vitalitäts-Check-„Blaupause“.

Und der Blick auf die umfangreichen Erkenntnisse offenbart Interessantes: In jeder der Gemeinden gebe es sowohl wachsende als auch schrumpfende Ortsteile, erklärt Claudia Schwarz. 455 Baulücken, 220 Hofstellen, in denen sich nur Restnutzung findet, 97 Wohngebäude mit Leerstandsrisiko, 18 Gewerbebrachen und 83 leerstehende Wohngebäude haben ihr Institut ifuplan und die Gemeinden unter anderem gemeinsam ausgemacht. Insgesamt wurden bei der Erhebung, die die Ämter für Ländliche Entwicklung Oberbayern und Schwaben unterstützten, 1.092 Innenentwicklungspotenziale im Auerbergland identifiziert.

Zwar ging die Zuordnung in die jeweilige Kategorie in den Gemeinden mitunter unterschiedlich vonstatten, doch ist Schwarz zufrieden. Der mit der Flächenmanagementdatenbank gekoppelte Vitalitäts-Check bilde eine „objektive Planungsgrundlange“. Innenentwicklunspotenziale seien umfassend erhoben und durch eine Erfassung der wohnortnahen Grundversorgung sowie der öffentlichen Verkehrsanbindung ergänzt worden. Resultat sei ein umfassendes Bild der Lage vor Ort sowie auch überörtlicher Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Daraus gelte es nun, entsprechende Ziele, Handlungsprioritäten und Maßnahmen abzuleiten.

Dem pflichtet Hinterbrandner bei. Der Alltag für Entscheider im ländlichen Raum sehe so aus, dass Entscheidungen „von oben“ die kommunale Politik auf Trab hielten und auch einschränkten. Aktuelles Beispiel sei die DSGVO, die Flächenfraß-Diskussion oder der Dauerbrenner Denkmalschutz. Während es gegen Leerstände anzugehen gelte, die Infrastruktur sicherzustellen und gleichwertige Lebensverhältnisse abzusichern seien, werde die kommunale Selbstbestimmung beschnitten.

Seine Hoffnung: Die Erkenntnisse des Vitalitäts-Checks mögen bei Abwägungsentscheidungen den Ausschlag in die richtige Richtung geben, nur so finde der Vitalitäts-Check auch den ihm zugedachten Nutzen, nur so habe sich der große Aufwand am Ende gelohnt. So sieht es auch Kollege Xaver Wörle aus Steingaden. „Es ist die Basis, wo wir uns Gedanken machen müssen.“

Es brauche wirksame Strategien, um den vielfältigen Herausforderungen wirkungsvoll zu begegnen, findet auch Monika Hirl, Abteilungsleiterin beim Amt für Ländliche Entwicklung Oberbayern. Dafür sei ein gutes Fundament notwendig – das mit dem Vitalitäts-Check geschaffen sei.

Der Gastgeber der Treffens geht dabei mit gutem Beispiel voran: In Steingaden, einer der beiden Pilotgemeinden 2013, sind seitdem 20 Prozent der seinerzeit identifizierten Potenziale aktiviert worden. 

Rasso Schorer

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