Mit 32 Stimmen Vorsprung gewinnt Falk Sluytermann die Bürgermeister-Stichwahl in Schongau

Ein Wahlkrimi in 15 Akten

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Drei Männer, die nur das Beste für Schongau wollen: Tobias Kalbitzer, Karl-Heinz Gerbl und der neue Bürgermeister von Schongau Falk Sluytermann (v.li.).

Schongau – Was sich am Sonntag im Schongauer Rathaus abgespielt hat, war ein Krimi, wie ihn sich ein Drehbuchautor nicht besser hätte ausdenken können. Am Ende hatte Falk Sluyterman (SPD) das Happy End im Drama mit 15 Akten für sich. 

Mit dem Minimal-Vorsprung von 32 Stimmen gewann er die Stichwahl ums Bürgermeisteramt gegen Tobias Kalbitzer (Wählergruppe Karl-Heinz Rumgedisse).

Der Auftritt passte. Eine Viertelstunde vor 18 Uhr kam Tobias Kalbitzer am Rathaus an – natürlich mit einem VW-Bus. Die Dreadlocks-Mähne hing dem 27-Jährigen lose über die Schultern. Den schnieken Anzug wie auf seinem letzten Wahlplakat hatte er im Schrank gelassen, stattdessen trug Kalbitzer Sonnenbrille, ein blaukariertes Hemd, Lederhose undTurnschuhe. Kalle bleibt Kalle, schien er damit sagen zu wollen, auch wenn sein Aussehen in den vergangenen Monaten oft im Zentrum der Kritik stand.

Fotografen und Kamerateams stürzten sich gleich auf den jungen Mann, der Schongau zuletzt deutschlandweit in die Schlagzeilen gebracht hatte. Die Frage, die sich zu diesem Zeitpunkt alle stellten: Würde es ihm tatsächlich gelingen, das Amt des Bürgermeisters in der Lechstadt zu erobern? Ihm, dem unorthodoxen Außenseiter, der noch nichtmal über ein richtiges Programm verfügte? Im Internet hatte Kalbitzer den Wahlkampf längst zu seinen Gunsten entschieden, selbst Prominente wie der Sänger Hans Söllner bekundeten ihre Sympathie für einen, der so gar nicht in die gewohnte Politikwelt passen wollte. Doch wie würde der Wähler an der Urne entscheiden?

Beim ersten Wahlgang hatte Kalbitzer schon für die erste Überraschung gesorgt, als er die CSU- und UWV-Kandidaten deutlich hinter sich ließ. Selbst von SPD-Mann Falk Sluyterman trennten ihn am Ende nur mickrige 5,5 Prozent. Unterschätzen werde man den Kontrahenten auf keinen Fall, hatte die SPD denn auch in den Tagen vor der Stichwahl immer wieder versichert. Ja nicht überheblich wirken und Wähler verprellen, hieß die Devise.

Das Interesse war nicht nur auf Medienseite enorm. Vor den geschlossenen Rathaustüren versammelte sich eine Menschenmenge, die schließlich um 18 Uhr den Sitzungssaal stürmte. Jeder, so schien es, wollte dabei sein, wenn vielleicht etwas historisches passieren würde. Nur mit Mühe kämpfte sich Falk Sluyterman durch, der Verwaltungsjurist trug wie immer einen dunklen Anzug und Krawatte. Sein Versuch, locker zu wirken, wollte ihm nicht so recht gelingen. Klar sei er gespannt, sagte er. „Aber bei der Geburt meines Sohns war ich nervöser. Egal, was rauskommt, es ist das richtige Ergebnis.“ Und dann erzählte Sluyterman, dass er am Morgen gemeinsam mit der Sicherheitswacht noch den Bahnhof aufgeräumt habe.

Die Kamerateams und Fotografen scharrten sich währenddessen um Kalbitzer, der seine Nervosität nicht verhehlen konnte. Am Nachmittag habe er noch Fußball gespielt, berichtete er. Im Tor, einen Treffer kassiert und verloren. Wie es jetzt ausgehen würde? „Ich bin zufrieden, egal, was rauskommt.“ Seine Anhänger dürften das anders gesehen haben. Als das Ergebnis des ersten Stimmbezirks auf der Leinwand erschien, brandete Jubel auf. 50,2 Prozent Kalbitzer, 49,8 Prozent Sluyterman. Schongau wird Rumgedisse. Oder doch nicht? Sekunden später schrien die SPD-Anhänger auf, Sluyterman riss die Arme in die Höhe und klaschte frenetisch. 54,5 Prozent, die Lechstadt bleibt beim Altbewährten. Doch je mehr Bezirke ausgezählt waren, umso stoischer wurde Sluytermans Miene. Prozentpunkt um Prozentpunkt rückte Kalbitzer näher, nach zehn Wahlbezirken betrug der Vorsprung des SPD-Manns nur noch zehn Stimmen. Nach elf hatte der 27-Jährige das Blatt gewendet, seine Anhänger fingen an sich in die Arme zu fallen. Als zwölf und dreizehn ausgezählt waren, lag Kalbitzer mit 0,4 Prozent immer noch hauchdünn vorn. Nach dem 14. Stimmbezirk riss Sluyterman wieder die Arme hoch: 50,3 Prozent, die erneute Führung. Die Spannung war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu überbieten, alles hing am letzten von 15 Stimmbezirken. Eine Ewigkeit starrten Kandidaten, Medienverteter und Zuschauer gebannt auf die Leinwand, dann das Endergebnis: 50,3 Prozent für Sluyterman, der SPD-Kandidat hatte es geschafft. Schongau bleibt auch nach dem Rückzug des Amtsinhabers Karl-Heinz Gerbl in roter Hand. 32 Stimmen machten den Unterschied.

So recht schien der Sieger den Ausgang nicht fassen zu können. Von allen Seiten streckten sich ihm Hände entgegen. Als erstes gratulierte Kalbitzer, dann Gerbl. Der hatte schon Sekt zum Anstoßen vorbereitet. Die Enttäuschung war dem Lager des Verlierers anzusehen, er selbst wirkte jedoch gelöst, als wäre ein großer Druck von ihm gefallen. Ein wohl letztes Mal richteten sich die Kameras auf den 27-Jährigen, der eine Weile brauchte, bis ihm die richtigen Worte über die Lippen kamen. „Ich bin glücklich, dass viele Wähler mich wollten. Es ist ein super Ergebnis.“ Dann fügte er noch schnell stolz hinzu, dass er sich auf seine Arbeit im Stadtrat freue und es ihm gelungen sei, Schongau wachzurütteln.

Sluyterman nahm währenddessen Glückwünsche entgegen. Die Anspannung wich ihm nur langsam aus dem Gesicht. „Ich wusste, dass es knapp wird. Aber so knapp konnte niemand vorhersagen“, ächzte er. Natürlich freue ihn das Ergebnis, wenngleich er sich einen deutlicheren Erfolg ge- wünscht hätte. „Für meine Arbeit ist es nicht einfach, dass es zwei Lager gibt.“ Er hoffe dennoch auf eine konstruktive Zusammenarbeit im Stadtrat. Sprachs und zog los in Richtung Ballenhaus, wo die SPD ihren siegreichen Kandidaten feierte. Anfang Mai wird Sluyterman sein neues Amt offiziell antreten. Dann wird sich auch zeigen, wen der neue Stadtrat zu seinem Stellvertreter wählen wird. Der Mann mit den Dreadlocks dürfte gute Chancen haben.

Von Christoph Peters

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