Aus der Patsche geholfen:

Weihnachtsbaum für Münchner Marienplatz kommt aus Steingaden

Die Anspannung ist Bürgermeister Max Bertl noch anzusehen, aber auch die Freude über die Aktion insgesamt: Der Weihnachtsbaum 2020 auf dem Münchner Marienplatz kommt aus Steingaden.
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Die Anspannung ist Bürgermeister Max Bertl noch anzusehen, aber auch die Freude über die Aktion insgesamt: Der Weihnachtsbaum 2020 auf dem Münchner Marienplatz kommt aus Steingaden.

Steingaden/München – Beinahe hätte die Stadt München den Advent und damit die beginnende Vorweihnachtszeit ohne Christbaum auf dem Marienplatz begehen müssen. Denn die vereinbarte Baumspende aus dem italienischen Verona musste coronabedingt abgesagt werden. Sprichwörtlich in letzter Minute zeigte Steingadens Bürgermeister Max Bertl Herz – und kümmerte sich um einen Baum für die Landeshauptstadt. Seit vergangenen Mittwoch steht er nun vor dem Münchner Rathaus.

Er muss bestimmte Attribute erfüllen, der Baum, der den Münchner Marienplatz zur Weihnachtszeit mit seinem Schein erhellt. Groß gewachsen muss er sein, dazu über ein gleichmäßiges Nadelkleid verfügen. Das macht es nicht leicht, einen geeigneten Baum zu finden, denn in der Regel stehen Tannen dicht an dicht, haben dort dann kahlere Stellen, wo ihnen andere Bäume Licht und Raum nehmen.

Normalerweise kann die Landeshauptstadt aus einem steten Bewerberangebot wählen; viele Gemeinden und Städte, auch über die Landesgrenze hinaus, bewerben sich jährlich für die Abgabe eines Baumes aus heimischer Flur. So auch die italienische Stadt Verona, die schon vor etlichen Jahren eine Bewerbung an München richtete und nun dieses Jahr zum Zuge kommen sollte. Doch dann kam alles anders.

Coronabedingt hatte die italienische Stadt Verona ihre Bewerbung für den Christbaum am Münchner Marienplatz zurückgezogen und die Landeshauptstadt damit vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Ein Ersatz-Baum musste her. Tatsächlich sollte sich das schwieriger erweisen, als gedacht. Denn das Virus sollte es auch anderen Bewerbern erschweren, anstelle Veronas einzuspringen. So hagelte es Absage um Absage. Knapp drei Dutzend Gemeinden hatte das Baum-Krisenteam der Stadt München bereits an der Strippe gehabt, bis ein Anruf schließlich auch das Steingadener Rathaus erreichte.

Bürgermeister Max Bertl reagierte prompt. „Fünfzehn Minuten Bedenkzeit hab ich gefordert“, sagt er, „und dann zugesagt!“. Blickt der Rathauschef zurück, kann er selbst nur den Kopf über seine Entscheidung schütteln. „Was für eine verrückte Idee!“, lacht er. Zu diesem Moment sollte noch das Bild eines Steingadener Baumes mitten auf dem festlich erleuchteten Marienplatz alles überlagern. Spätestens die Bedingung der Stadt München, alles müsse bis 25. November über die Bühne gegangen sein, „die holte mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück“, lacht Max Bertl.

Zur Erleichterung der eilig zusammenberufenen Steingadener Weihnachtsbaum-Taskforce, bestehend aus Mitgliedern der Gemeindeverwaltung, allen voran Zweiter Bürgermeister Leo Eicher, des Bauhofs und der Steingadener Feuerwehr, gibt auch der Grundstückeigentümer, auf dessen Flur inmitten des Ortes ein geeigneter Baum zu finden ist, sein Einverständnis und spendiert die Tanne. Als sich mit Willibald Bißle, Fuhrunternehmer aus Urspring, auch noch das Transportproblem lösen sollte, „ja, da kam schon Euphorie auf“, erinnert sich Max Bertl.

Direkt an der B17 und damit mitten in Steingaden stand die Tanne, die zum Münchner Weihnachtsbaum werden sollte. Viel Expertise war notwendig, die rund 22 Meter lange und knapp 3,5 Tonnen schwere Tanne auf den Lastwagen zu bekommen.

Der Baum, eine stattliche Tanne, konnte so direkt nach der Fällung auf den Lkw Bißles verladen werden – was jedoch einfacher klingt, als es schließlich wurde. Allein das Fixieren des knapp 22 Meter langen Baumes und mit ihm die unzähligen Äste und Triebe sollte sich als Herausforderung erweisen. „Wir hatten so etwas ja noch nie gemacht“, gibt Bertl zu. Auch das Gewicht des Baumes, mit knapp 3,5 Tonnen schon ein Kaliber, sorgte dafür, dass unzählige Auflagen im Rahmen des Transports nach München einzuhalten waren. Die Verantwortung dafür trug natürlich das Steingadener Rathaus.

War die Verladung der Tanne schon eine Sache für sich, sollte das Ersuch einer Sondergenehmigung für den Transport noch einmal die Spannung steigern. Der Bürgermeister sah sich in dieser Zeit konfrontiert mit Fachbegriffen wie Achslasten, aber auch mit der Suche nach einer geeigneten Route, die das Tonnengefährt gefahrlos Richtung München bringen sollte. Herangezogen werden zur Genehmigungserteilung mussten dazu auch Verantwortliche der Deutschen Bahn, der Regierung von Oberbayern und der Bayerischen Autobahndirektion. Und schließlich das Landratsamt selbst, dessen Mitarbeiter schließlich alles daran setzten, dass Steingaden die Genehmigung für den Transport so schnell wie möglich bekommt.

Damit war die Zahl der Auflagen allerdings noch nicht erfüllt. Auch die Stadt München hatte klare Richtlinien für den tonnenschweren Lastzug inklusive Begleitfahrzeug. „Zwischen 22 Uhr nachts und 6 Uhr morgens musste alles über die Bühne gehen“, sagt Bertl. Das bedeutete: sehr früh aufstehen! „Eigentlich eher wachbleiben“, lacht er, denn allein für die Fahrt hatte das Steingadener Team rund drei Stunden Zeit berechnet.

Noch einmal aufregend wurde es schließlich am Zielort, dem Münchner Marienplatz, noch menschenleer um diese Zeit. Dort wartete bereits ein Autokran der Münchner Berufsfeuerwehr; vorsichtig, Meter um Meter, zog er schließlich den Baum in Position. Um 7 Uhr morgens hatte der Steingadener Weihnachtsbaum sein Ziel erreicht. Zur Freude aller Beteiligten auch so gut wie unbeschadet.

Noch während dieser Arbeiten hatten sich Schaulustige vor Ort versammelt; auch später, als der Baum längst stand, kamen Menschen, um ihn aus der Nähe zu sehen. Spätestens jetzt sollte sich die Mühe, alle Unwägbarkeiten gelohnt haben. Unser Baum sei der schönste der letzten 15 Jahre, hätten ihm Münchner Bürger zugerufen, erzählt Max Bertl. Schöner könnte ein Lob nicht ausfallen!

Beim anschließenden Frühstück im Münchner Rathaus sollte die Anspannung langsam weichen. Auch dort fühlten sich die Steingadener Baumspender sehr willkommen. Einen großen Dank an dieser Stelle möchte Max Bertl denn auch an den dortigen Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner und Andrea Deller, Leiterin der Protokollabteilung, richten. Der persönliche Einsatz beider Verantwortlichen sei „super gewesen“.

Schon während des Frühstücks im Rathaus sei ihm eigentlich schon die Puste ausgegangen, erinnert sich Max Bertl. Dennoch habe ihm die Freude über das Gelingen der Aktion, das Erlebte selbst, wach gehalten. Auch das Gefühl von Zusammenhalt untereinander, die Großzügigkeit des Baumspenders, die unkomplizierte Hilfsbereitschaft Willi Bißles, die Unterstützung durch Leo Eicher, lässt den Steingadener Rathauschef ins Schwärmen kommen. Und natürlich der Grund dieses Zusammenhalts: Der Münchner Weihnachtsbaum 2020 kommt aus Steingaden. „Wahnsinn“, sagt er, „das ist ein Erlebnis, das bleiben wird“.

Regine Pätz

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