Ein Stück vom Kuchen

Schongau in Sachen Tourismus ein "weißer Fleck" oder "enorm weit"?

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Die Alte Post nannte Ursula Diesch (Tourist Information und Tourismusverein) als eines jener Schongauer Häuser, die eine deutliche Aufwertung erfahren haben.

Schongau– Bürgermeister Falk Sluyterman will hier im Falle einer zweiten Amtszeit so richtig anpacken, Herausforderer Hans Rehbehn wähnt das Thema im Dornröschenschlaf und wenn es darum geht, die Altstadt zu beleben, sieht das ein oder andere Gremiumsmitglied ihn im Stadtrat regelmäßig als großen Hoffnungsträger: Die Rede ist vom Tourismus in Schongau. Wie es um ihn aktuell bestellt ist, dazu gab Ursula Diesch stellvertretend für Tourist Information und Tourismusverein bei der Stadtratssitzung am Dienstag einen Überblick.

Um den Tourismus in Schongau sei es nicht so schlecht bestellt, wie bisweilen dargestellt, leitete Sluyterman den Tagesordnungspunkt ein, dem sich der Stadtrat anschließend fast eine Stunde widmete. Diesch legte im Kern dasselbe vor, wie sie es Ende Juni auch schon im Rahmen der Mitgliederversammlung des Tourismusvereins getan hatte (wir berichteten). Ihr Fazit: Die Entwicklung stimmt, auch im Vergleich zu anderen Städten und Regionen. Sieben Ferienwohnungen, eine Privatvermietung, ein Gasthof und vier Hotels sind derzeit im Tourismusverein organisiert. Weil in den letzten Jahren aus Altersgründen oder aufgrund von Eigenbedarf einige private Gastgeber aufhörten, ließen die Kapazitäten nach. Das ändere sich ab Frühjahr 2020 wieder mit dem neuen Übernachtungshaus in Schongau-West. Dass Alte Post und Hotel Holl „erheblich“ in ihre Häuser investierten, lobte Diesch ebenso wie den Umbau des Lechwirts seit der Übernahme durch die Betreiberfamilie Bondokic.

Als besonders im Fokus stehende Zielgruppen machte sie Familien, Kulturinteressierte und Aktive jedes Alters aus, die die Schongauer Stärken zu schätzen wissen. Hier nannte sie eine intakte Natur, gut ausgebaute Rad- und Wanderwege und die Anbindung an diese sowie Sehenswürdigkeiten in und um Schongau. Die Strategie laute, Natur und Kultur für Einheimische und Gäste in Form der Erlebnisführungen, durch Wandern und Radeln und das Lechfloß erlebbar zu machen. „Sanfter und naturverbundener“ Tourismus sei auch in Zukunft das Leitbild, „der Trend zum Radeln und Wandern hält an“; außerdem seien immer mehr Pilger festzustellen.

Bei den Führungen sei das Knacken der Marke von 4.000 Gästen im laufenden Jahr das Ziel. 2018 waren es 3.388 und 2020 dürften die Passionsspiele in Oberammergau weitere Besucher bringen, so Diesch. Die Organisation der Führungen werde anspruchsvoller, zeitintensiver und individueller. Dem werde man gerecht, neue Stadtführerinnen seien in Ausbildung und nach Abschluss der Arbeiten am Münzgebäude biete die Stadtmauer neue interessante Inhalte. „Die Stadtführungen könnte man ausbauen, da sind wir dran“, erklärte CSU-Fraktionssprecherin Kornelia Funke, selbst Stadtführerin.

Personell eingeschränkt

Bevor die Stadträte ihre Meinung dazu kundtaten, ob das Stück vom Kuchen Tourismus, das Schongau sich abschneide – so formulierten es Friedrich Zeller (SPD) und Helmut Hunger (CSU) – gefällig groß ausfalle, legte Diesch noch die Personalsituation in der Tourist Information dar: 2011 war diesem Bereich im Zuge von Sparmaßnahmen noch die Verantwortung für die Volkshochschule zugeschlagen worden. Statt vier blieben 2,4 Vollzeitstellen übrig. Man betreue daneben die Homepage mit, organisiere das Kinderferienprogramm, zählte Diesch auf. Die Tourist Info diene neben dem Besucher vor allem dem Bürger als Anlaufstelle – 150 Kontakte pro Tag neben Urlaubern und Tagesgästen wurden genannt. „Das ist unsere zeitintensivste Aufgabe.“ In der Konsequenz gelinge es, den Tourismus nur „zeitlich sehr eingeschränkt“ zu betreuen.

„Die personelle Situation liegt mir sehr im Magen“, äußerste sich Funke im Anschluss. „Das ist etwas, wofür wir mittelfristig eine Lösung finden müssen“, schätzte Sluyterman ein. Sie sehe die Bemühungen, aber „wenn wir es ernst meinen mit dem Tourismus, brauchen wir einen anderen Slogan, mehr Personal und mehr Betten“, fasste Bettina Buresch (ALS/Grüne) ihre Sicht zusammen.

Dauerthema Slogan

Die Formulierung „Indus­triestadt im Grünen“, häufig von Sluyterman verwendet, sage ihr überhaupt nicht zu. Eine Rückkehr zu dem ausgedienten Motto „Tor zum Pfaffenwinkel“ forderte Hunger. Buresch richtete einen Appell an Unternehmer, Hotels in Schongau zu errichten. „Wir brauchen mehr Betten, sonst nutzt das ganze attraktive Angebot nix.“ Gleichzeitig hielt sie fest, dass die bisherige Gäste­struktur maßgeblich von Personen gekennzeichnet sei, die geschäftlich und eben nicht in ihrer Freizeit in der Stadt weilen.

Geschäftsgäste wichtig

„Den Tourismus, der durch die Industrie kommt, darf man keinesfalls geringschätzen“, hielt Zeller entgegen. „Sie kompensieren die ‚normalen Touristen‘, die aus welchen Gründen auch immer fehlen“, so Sluyterman.

Eine Schraube, an der es zu drehen gelte, sei die Erlebbarkeit des Lechs, fand Markus Wühr (CSU). An seinem Hof strandeten immer wieder Radfahrer, die sich am Fluss entlang irgendwann im schlecht in Schuss oder nicht vorhandenen Wegenetz verfransten. „Nehmen wir doch Geld in die Hand und legen den Lech wieder frei“, appellierte er und erntete einiges Nicken. Das sei nicht so leicht, hielt der Bürgermeister entgegen. Denn die Flächen liegen beim Freistaat.

Zwei konkrete Anliegen hatte Stefan Konrad (SPD): Die Rückkehr bayerischer Gastronomie in die Altstadt und die Rückverlegung des Mittelaltermarkts dorthin. Letzteres auch, um im August wieder die dann am meisten benötigten Wohnmobilstellplätze am Festplatz zurückzugewinnen.

„Unverständlich, wieso eine Stadt dieser Lage kein besseres Angebot machen kann“, stellte Bettina Buresch dem Schongauer Tourismus ein schlechtes Zeugnis aus. „Wir sind ein weißer Fleck auf der Landkarte.“

Das sah Zeller ganz anders. Entscheidender als die Stadt seien die touristischen Leistungsträger. „Wir müssen realistisch einordnen, welche Kragenweite wir haben.“ Seiner Erfahrung nach kenne man die Lechstadt in Deutschland vorrangig aus zweierlei Gründen: Dem „enorm wichtigen“ Märchenwald und der Altenstadter Kaserne. Insgesamt aber sei man nun mal nicht Füssen oder Oberammergau, komme mit geringem Personalaufwand dafür enorm weit. Dennoch sei er für die Zukunft, beispielsweise in Anbetracht der Verbreitung des E-Bikes und dadurch neuer touristischer Zielgruppen im Voralpenland, sehr optimistisch. „Schongau muss sich in keinster Weise verstecken.“

Der Zukunft widmete sich nach Dieschs Ausführungen auch Sebastian Dietrich. Welche Impulse das ISEK (Integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept) dem Tourismus bringen will, skizzierte der Stadtbaumeister. Mehr dazu lesen Sie in unserer kommenden Mittwochs­ausgabe.

ras

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