Kein Fressen für den Wolf

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Weideviehhaltung im Wolfsrevier? Das geht gar nicht, betonen Vertreter der Alpwirtschaft.

Bad Hindelang – Der vergangene Alpsommer war gut. Doch der Blick in die Zukunft flößt den Äplern im Allgäu und ihren Kollegen, den Almbauern in Oberbayern, Furcht ein: Was ist, wenn der Wolf seinen Siegeszug durch die Bergwelt Mitteleuropas fortsetzt?

Der Alpenraum sei längst kein Lebensraum mehr für große Raubtiere wie Wolf und Bär, betonen Dr. Michael Honisch und Franz Hage vom Alpwirtschaftlichen Verein im Allgäu.

Mit dem Wolf leben? Das gehe gar nicht. Franz Hage, Vorsitzender des Alpwirtschaftlichen vereins im Allgäu AVA, berichtet der Mitgliederversammlung in Bad Hindelang von einer aktuellen Massenvermehrung: Die Populationen wachsen und siedeln sich über kurz oder lang an....“ Ein Zusammenleben mit dem Wolf sei nichts als eine idyllische Wunschvorstellung, zeige eine naive Sichtweise. „Wer in der Stadt im dritten Obergeschoß wohnt, kann meinetwegen so denken.“ Die Älpler und der AVA müssten diesen Vorstellungen entschlossen entgegentreten, betont Hage weiter: „Unser Weidevieh ist kein Fressen für Raubtiere!“

Auf lange Sicht, so Hage weiter, habe eine sesshafte Wolfspopulation „das Potenzial, ganze Landschaften zu verändern“. Er meint damit, dass eine geregelte Weidewirtschaft wie sie etwa in weiten Teilen des Alpenraums üblich sei, unmöglich gemacht werde. Ein hinreichender Herdenschutz sei in der Praxis schwierig, wenn nicht ummöglich, wie alle Erfahrungen zeigten. Der AVA-Vorsitzende kommt zu dem Schluss: „Für den Wolf gibt es in unserer Landschaft keinen Lebensraum.“

Der Vorarlberger Landesrat ­Erich Schwärzler ergänzt: „Wenn die Alpwirtschaft verschwindet, verschwindet auch der Naturschutz!“ Die Landschaft verbusche, wachse binnen weniger Jahre regelrecht zu: Kulturlandschaft adé. „Die Vielfalt dieser Landschaft wird nur mit Hände Arbeit erhalten.“

Georg Mair, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins in Oberbayern, fordert angesichts schlechter Erfahrungen gerade in seiner Heimat „wolffreie Gebiete“. Sein Verein habe dies schon in einem Brief an Umweltministerin Hendricks zum Ausdruck gebracht. Es könne nicht angehen, dass der Wolf höchsten Schutzstatus genieße und gleichzeitig das Almvieh attackiere. Der Wolf bringe die Almwirtschaft in Gefahr. Auffällig zugenommen hätten Abstürze von Weidevieh, wenn ein Wolf in der betreffenden Gegend unterwegs sei, so Georg Mair.

Auch der Geschäftsführer des Alpwirtschaftlichen Vereins, Dr. Michael Honisch, sieht beim „anpassungsfähigen Wolf“ keine Möglichkeit für ein Nebeneinander. „Durch Risse von Nutztieren und den zusätzlichen Aufwand für Herdenschutz ist die Weidetierhaltung existentiell bedroht.“ Das zeigten auch alle Erfahrungen in europäischen Wolfsregionen. „Dabei ist die Weidehaltung die ökologischste Form der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung mit vielen positiven Effekten für das Tierwohl, Natur und Landschaft.“

Ein wirksamer Herdenschutz – ob technisch durch Zäune oder mit Hilfe von speziellen Schutzhunden – sei in der Praxis nicht durchsetzbar. Honisch: „Die traditionelle, über Jahrhunderte gewachsene Alp- und Weidewirtschaft muss auch in Zukunft mit herkömmlichen Methoden und ohne umfangreiche und extrem kostspielige Schutzmaßnahmen möglich sein.“

Das Szenario vom Wolf auf dem Vormarsch untermauert Honisch mit aktuellen Zahlen. So habe sich der Wolfsbestand in Deutschland innerhalb der vergangenen beiden Jahren verdoppelt auf nunmehr über 500 freilebende Tiere in 46 nachgewiesenen Rudeln. In Oberbayern und dem Allgäu würden immer wieder durchziehende Einzeltiere beobachtet. So wurde vor drei Jahren im Oberallgäu ein Wolf ausgemacht, dessen Spur sich dann verlor. Zuletzt gab es Ende vergangenen Jahres Hinweise auf ein Einzeltier im Unterallgäu. Mit einer Wiederansiedelung müsse gerechnet werden, folgert Honisch.

Die Rechtssprechung bezüglich des Wolfes stamme aus den frühen 1990er Jahren, als es in Deutschland gar keinen Wolf gab, ergänzt der AVA-Geschäftsführer. Änderungen und Anpassungen seien angesichts der Entwicklung unumgänglich, um eine Abwehr zuzulassen.

Änderungen fordert der AVA auch bei der Entschädigungsregelung bei Wolfsübergriffen. So sei eine Entschädigung auch zu gewähren, wenn ein Wolf als Verursacher nicht auszuschließen sei. Die Entschädigung müsse nach Marktwert des verlorenen Tieres erfolgen und nicht als Fallpauschale.

Josef Gutsmiedl

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