Wald braucht Management

Allgäuer Europa-Abgeordnete Ulrike Müller zum "Green Deal"

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Soll der Wald seine „Qualitäten“ ausspielen, gehöre die Ernte unverzichtbar dazu, betont die EU-Parlamentarierin Ulrike Müller.

Allgäu – Die EU-Kommission hat kürzlich zentrale Elemente des sogenannten Green Deal veröffentlicht. Im Rahmen ihrer Biodiversitätsstrategie quantifiziert die Kommission die Ausweitung landschaftlicher Schutzgebiete und kommuniziert Ziele unter anderem für Biolandbau und Forstwirtschaft. Die Allgäuer Europa-Abgeordnete Ulrike Müller hat sich wiederholt gegen die pauschale Ausweitung von Schutzgebieten positioniert und nennt praktische Beispiele, wie eine Bewirtschaftung der Wälder mehr zur Nachhaltigkeit beitragen kann als eine Stilllegung.

Ulrike Müller aus dem Oberallgäuer Missen-Wilhams lobt eine mögliche Klima-Vergütung für Land- und Forstwirte, bedauert jedoch, dass die multifunktionale Rolle der Wälder nicht ausreichend berücksichtigt wird. Biolandbau auf einem Anteil von 25 Prozent der Flächen geht für Müller an den Gesetzen von Angebot und Nachfrage vorbei, mit negativen Effekten sowohl für Konsumenten wie auch Produzenten.

Management für Wälder

Die Biodiversitätsstrategie der EU-Kommission sieht eine Ausweitung der Schutzgebiete von aktuell 26 Prozent auf 30 Prozent der Landfläche bis 2030 vor. Schutzflächen, auf denen keinerlei Bewirtschaftung erlaubt sein soll, würden nach diesen Plänen von aktuell weniger als drei Prozent auf zehn Prozent ausgedehnt werden.

Ulrike Müller

Am Beispiel des Waldes weist Ulrike Müller auf Probleme im Zusammenspiel zwischen Klimawandel, Schutzgebieten und Biodiversität hin. Ein Hauptproblem des Klimawandels ist Trockenheit, die wiederum Waldbrände und die Anfälligkeit für Schädlinge und Krankheiten begünstigt. Müller dazu: „Die Ausweisung von strengen Schutzgebieten trägt nichts zur Lösung dieser Probleme bei. In einem Schutzgebiet können sich Krankheiten oder Schädlinge wie der Borkenkäfer ungehindert ausbreiten. Im Gegenteil: Wir müssen Wälder managen, um sie für die Zukunft widerstandsfähig zu machen und die Anpassung an den Klimawandel zu fördern." Dies komme dann auch dem Erhalt der Biodiversität zugute, denn diese könne nur in gesunden Wäldern florieren, betont die Abgeordnete weiter.

Schon im April hatte Müller Klima-Vergütung für Land- und Forstwirte gefordert. Erfreut reagiert Müller auf die Ankündigung der Kommission, eine Vergütung der Land- und Forstwirte für ihre Klimadienstleistungen zu prüfen. Eine ähnliche Forderung hatte Müller zuletzt in diesem Frühjahr im Agrarausschuss des Europaparlaments aufgestellt.

In einem solchen Vergütungssystem sieht Müller eine Anerkennung der Tatsache, dass sich Bewirtschaftung und Natur- und Klimaschutz ergänzen. Klima- und Biodiversitätsmaßnahmen bedeuten oft einen Verlust anderer Einkommen und erbringen eine gesellschaftliche Leistung, die entsprechend als gemeinnützige Maßnahmen vergütet werden sollte.

Auch in diesem Zusammenhang wiederholt Müller ihre Forderung, dass Eigentümer und Nutzer in politische Entscheidungen stärker eingebunden werden müssen. „Der Forst ist das beste Beispiel für eine nachhaltige Bewirtschaftung: Hier denken und planen die Familien in Generationen und arbeiten am Werterhalt ihres Waldes über Jahrzehnte oder noch länger. Wer die praktische Umsetzung des Konzepts der Nachhaltigkeit studieren will, der sollte sich die Forstwirtschaft anschauen”, empfiehlt Müller.

Wälder sind mehr als CO2-Speicher

Müller beanstandet einen weiteren Punkt im Kontext von strikten Schutzgebieten ohne erlaubte Bewirtschaftung. Als Schutzgebiete genannt werden Urwälder, von denen es in Europa nur noch sehr wenige gibt, aber auch so genannte „old growth forests”, also Wälder mit altem Bestand. „Die Kommission ist bisher eine Definition von Alter schuldig geblieben. Wie alt ist alt?”, fragt Müller und warnt: „Für Forstwirte ist das eine große Unsicherheit. Eine künftige Definition kollidiert eventuell mit natürlichen und nachhaltigen Produktionszyklen, die sich regional und auch abhängig von den vorhandenen Arten unterscheiden. Eine one-size-fits-all-Lösung wird der Komplexität der forstwirtschaftlichen Ökosysteme auf keinen Fall gerecht.”

Abschließend kritisiert Müller, dass die Kommission im größeren Rahmen des Green Deal die Wälder hauptsächlich als CO2-Speicher betrachte und ihre multifunktionale Rolle außer Acht lasse. „Damit lässt der Green Deal bisher eine Riesenchance ungenutzt. Die Wälder haben ein enormes Potential und könnten in viel größerem Umfang positiv zu einer nachhaltigen Zukunft beitragen. Sie spielen beispielsweise eine wichtige Rolle in der Bioökonomie und beim Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter. Dieses Potential schöpft die Strategie der Kommission nicht aus”, bedauert Müller.

Abschließend kritisiert Müller, dass die Kommission im größeren Rahmen des Green Deal die Wälder hauptsächlich als CO2-Speicher betrachte und ihre multifunktionale Rolle außer Acht lasse: „Damit lässt der Green Deal bisher eine Riesenchance ungenutzt. Die Wälder haben ein enormes Potential und könnten in viel größerem Umfang positiv zu einer nachhaltigen Zukunft beitragen. Sie spielen beispielsweise eine wichtige Rolle in der Bioökonomie und beim Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter. Dieses Potential schöpft die Strategie der Kommission nicht aus.“

Teuer für Konsumenten und Produzenten

Bis zum Jahr 2030 sollen laut der Pläne der Kommission 25 Prozent der Ackerbauflächen biologisch bewirtschaftet werden. Derzeit liegt dieser Anteil weit unter zehn Prozent.

Ulrike Müller hält diese Pläne für verfehlt, weil sich Angebot und Nachfrage nicht ergänzen: „Eine feste Zielsetzung für biologisch zu bewirtschaftende Fläche macht keinen Sinn, wenn die Nachfrage nicht vorhanden ist. An anderer Stelle unterstreicht die Kommission die Bedeutung erschwinglicher Lebensmittel und weist darauf hin, dass es immer noch viele Europäer gibt, die sich keine gesunde Ernährung leisten können. Wenn wir aber den Anteil des Biolandbaus auf 25 Prozent anheben, dann werden Lebensmittel teurer.”

Auf der anderen Seite der Medaille steht der Preisverfall für die Produzenten, warnt Müller: „Übersteigt das Angebot die Nachfrage, fallen die Preise. Darunter würden dann die Landwirte leiden, die ihre höheren Produktionskosten nicht mehr mit entsprechend höheren Gewinnen ausgleichen könnten. Flächenziele ohne Berücksichtigung des tatsächlichen Verhältnisses von Angebot und Nachfrage schafft nur Verlierer.“

Müller verweist weiterhin darauf, dass damit die Landwirte in eine größere Abhängigkeit von Subventionen geraten, während doch die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik gerade in die entgegengesetzte Richtung zielt und erbrachte Leistung honorieren wolle.

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