Ein Märchen wurde wahr

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Christina Gekeler (von rechts) und Klaus Maucher vom Architekturbüro Maucher + Höss überreichten symbolische gebackene Schlüssel an die Beschäftigten der Allgäuer Werkstätten, die die neue Förderstätte seit April schon nutzen.

Sonthofen - „Ein Traum ist wahr geworden!“ So schlicht umschrieb der Geschäftsführer der Allgäuer Werkstätten AW, Michael Hauke, anlässlich der offiziellen Einweihung den großen Wurf „Neubau der Fördereinrichtung / Werkstatt für behinderte Menschen“ in Sonthofen

Für 12 schwerbehinderte Menschen hat damit die belastende und oft lange Fahrt nach Kempten ein Ende. Sie können jetzt in unmittelbarer Nachbarschaft der bestehenden Einrichtungen der AW wie 18 weitere Menschen mit seellischen Behinderugen sinnvoll beschäftigt und betreut werden.

Die Allgäuer Werkstätten in Sonthofen könnten jetzt das „Vollsortiment“ der Betreuung und Beschäftigung im südlichen Landkreis anbieten, beschrieb Michael Hauke den Meilenstein in der Behindertenversorgung. „Die wohnortnahe Versorgung ist sehr wichtig für die Menschen.“ Eingezogen in den Neubau im Handwerkshof an der Eisenschmelze sind die 12 Schwerstbehinderte und 18 weitere Menschen mit psychischen Behinderungen schon im April.

„Eine besonders schöne Werkstatt“, ergänzte Joachim Wawersich, Vorsitzender der Lebenhilfe Südlicher Landkreis Oberallgäu. „Es ist geschafft und vollbracht“, sagte Wawersich und erinnerte an die täglichen leidigen Fahrten der Schwerstbehinderte nach Kempten. Dort sei für viele eine pädagogische Betreuung erst nach einer längeren Erholungsphase möglich gewesen. Immerhin habe die strapaziöse Fahrt zum Teil bis zu zwei Stunden gedauert; für einige der Behinderten war nur ein Liegendtransport möglich.

Der Plan, auch in Sonthofen eine spezielle Förderstätte einzurichten habe daher nahe gelegen, zeichnete Wawersich die lange Vorgeschichte der Erweiterung nach. Im Jahr 2008 habe die Lebenshilfe mit einem Brandbrief an Landrat Kaiser auf die Situation aufmerksam gemacht „und den Stein ins Rollen gebracht“. Offenbar die richtige Adresse, denn der Schwäbische Bezirkstag nahm sich des Themas an. Das Projekt fand bald viele Befürworter und Förderer. Und vor Ort „trommelte“ der damalige Werkstattleiter Roland Lowinger leidenschaftlich für die Neubaupläne. Seine Nachfolgerin, Barbara Grözinger, begleitete die Fertigstellung nicht minder leidenschaftlich.

Ein dickes Lob hatten Wawersich und Lowinger für alle am Förderstätten-Neubau Beteiligten. „Die Stadt Sonthofen hat alles möglich gemacht - nichts war unmöglich“, brachte Lowinger die gute Zusammenarbeit auf den Punkt. Ganz einfach war der Weg bis zum Beginn der Bauarbeiten tatsächlich nicht. Erst mussten Grundstückstauschgeschäfte abgewickelt werden, bevor es im April vergangenen Jahres losging. Aus dem geplanten Einzug noch vor Jahresende wurde es zwar nichts, aber im April war schließlich alles unter Dach und Fach. „Baustellenleiter“ Lowinger nach seinem kurzen Streifzug durch die Vor- und Baugeschichte: „Ein Traum? Ein Märchen ist wahr geworden!“

Der Vorsitzende der Lebenshilfe Kempten, Klaus Meyer, erinnerte in Anspielung auf die kürzlich zu Ende gegangene Fußball-WM an das Erfolgsrezept: „Am Ball bleiben.“ Viele Menschen seien beim Projekt Förderstätten-Neubau im wahrsten Sinne am Ball geblieben. „Sonst wären wir heute nicht so weit.“ Der lange Atem, die Beharrlichkeit, hätten sich letztlich ausgezahlt. „Wir haben an allen Stellen gebohrt!“ Meyer unterstrich die Bedeutung der Allgäuer Werkstätten als „Einrichtungen im Sinne der Inklusion“. Die sinnvolle Beschäftigung mit betreuenden Angeboten sei ein Zugang zu einem erfüllten Leben und mithin eine Wertschätzung der behinderten Menschen. Es müsse nicht der erste Arbeitsmarkt sein. Meyer weiter: „30 Arbeits- und Beschäftigungsplätze - das ist Lebenshilfe!“

Die Allgäuer Werkstätten leisteten Großartiges, brauchten aber Unterstützer und Helfer, so Meyer, der auch Stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Bayern der Lebenshilfe ist. Meyer gab auch zu bedenken: „Finanzielle Engpässe dürfen nicht auf dem Rücken der Menschen ausgetragen werden, die unsere Hilfe brauchen.“ Man dürfe nicht aufhören, am Ball zu bleiben.

Dass Behinderte in der gesellschaft nach wie vor mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hätten, brachte auch Sonthofens Bürgermeister, Christian Wilhelm, in Erinnerung. Die neue Förderstätte mit Plätzen für 30 Menschen sei „ein Lichtblick im Leben der Behinderten und für unsere Gesellschaft“. Behinderte Mitmenschen hätten ein Recht auf ein unabhängiges Leben und auf Erfolgserlebnisse. Das Tabuthema Behinderung könne jeden treffen. „Zwischen behindert und nicht behindert liegen oft nur Sekundenbruchteile.“

Josef Gutsmiedl

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