Alpwirtschaft ist keine Frage der Gewinnmaximierung

Das Herzstück des Landkreises

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Für langjähriges Engagement in der Alpwirtschafft zeichneten AVA-Vorsitzender Franz Hage (vorne von rechts), Staatsminister Helmut Brunner und AVA-Geschäftsführer Dr. Michael Honisch (von links) Gottlieb Haug, Karl Sontheim, Toni Huber, Johann Sontheim, Konrad Nenning, Josef Steurer und (vorne) Sieglinde Fähnle aus.

Bad Hindelang - Wie geht es weiter? Diese Frage stand über den beiden Hauptthemen, mit denen sich die Mitgliederversammlung des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu AVA befasste: Zukunft der EU-Agrarpolitik und Rinder-Tuberkulose im Oberallgäu. Beides könnte vor allem die Berglandwirtschaft „unter Druck“ setzen, so das Fazit der Versammlung.

Während die Neuausrichtung der Agrarförderung die Rahmenbedingungen setze, sei die aktuelle TBC-Problematik nur vor Ort mit praxistauglichen Maßnahmen zu bewältigen. Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner lobt das „Vorgehen ohne Nervosität“ bei der TBC-Bekämpfung im Oberallgäu. Die „guten Nachrichten“ waren vor allem dem Geschäftsbericht des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu zu entnehmen. „So einen Sommer, den täten wir schon gerne wieder nehmen“, zitierte Geschäftsführer Michael Honisch nicht nur einen Älpler beim Rückblick auf den Alpsommer 2012. Ausreichend Niederschlag, ausreichend Futter kennzeichneten den wohl besten Alpsommer seit Jahren. Der Viehbestoß war mit mehr als 33.000 Rindern sehr gut und kam dicht an die Höchststände der 1980er Jahre heran. 

Weniger erfreulich zeigte sich das Kapitel „Tiergesundheit“ im Tätigkeitsbericht. Der AVA habe seit Jahren auf die Risiken hingewiesen, die mit der Ausbreitung der Rinder-Tuberkulose verbunden seien und angemahnt, die Situation gesperrter Betriebe zu bedenken, betonte Michael Honisch. „In beiden Punkten hat uns die Entwicklung Recht gegeben. Was das tatsächliche Ausmaß der Erkrankungen betrifft, waren jedoch alle überrrascht.“ Für den bevorstehenden Alpsommer hat der AVA eine Reihe Empfehlungen zusammen gestellt. Das gesamte Alpvieh soll frei von ansteckenden Krankheiten sein – und auf TBC untersicht werden. Honisch: „Ziel muss es sein, Ansteckungsrisiken zu vermeiden.“ TBC-freie Tiere seien ein Muss für alle Sennalpen und Alpen, die Rohmilchprodukte liefern. Auch auf den Jungviehalpen sollten negativ geteste Tiere getrennt von noch nicht getestem Vieh gehalten werden. Zudem müsse ein möglicher Kontakt des Alpviehs zu Wildtieren vermieden werden. 

„Das Thema TBC im Allgäu beschäftigt auch den Minister“, versicherte Landwirtschaftsminster Helmut Brunner. Der Staatsminister lobte das Engagement von Landrat Kaiser, der „pragmatisch, praktische Maßnahmen ohne Nervosität eingeleitet“ habe, um die Rinder-TBC zu stoppen. Inzwischen seien einvernehmliche Regelungen wirksam, um die Situation gesperrter Betriebe zu entschärfen. Vorantreiben will das Ministerium zudem die Untersuchung aller Kühe in den bayerischen Landkreisen entlang der Alpenkette. Und auch beim Thema Rotwild werde der Staat am Ball bleiben. „Alpwirtschaft ist keine Frage der Gewinnmaximierung, sondern vielmehr eine Verpflichtung gegenüber den Vorfahren und gegenüber den Nachkommen gleichermaßen“, schloss Brunner. Man müsse die Älpler spüren lassen, dass sie „gewollt“ seien und diese Wertschätzung auch ausdrücken.  Für eine Anerkennung reichten Euro allein nicht aus. Der Freistaat betreibe seit Jahrzehnten eine erfolgreiche Bergbauernpolitik. 

Landrat Gebhard Kaiser , bekannt für sein leidenschaftliches Engagement für die Alpwirtschaft, unterstrich: „Die Berglandwirtschaft und die Alpwirtschaft sind das Herzstück unseres Landkreises.“ Um so wichtiger sei es, gerade auch der Jugend eine aktive weitere Gestaltung zu ermöglichen. Kaiser sieht noch „viele Reserven“ in der Vermarktung regionaler Produkte. Das sei auch die „entscheidende Frage bei der TBC“, so Kaiser. Der Alpwirtschaft komme eine Schlüsselrolle zu beim Tourismus im Allgäu. Daher sei ein „vernünftiger Weg“ bei der Bekämpfung der Rinder-TBC wesentlich. Das gelte auch für die Jagd. „Der hohe Wert der Alpwirtschaft darf nicht aufs Spiel gesetzt werden.“ Was die zukünftige EU-Agrarpolitik angeht, verwies Franz Hage, der Vorsitzende des Alpwirtschaftlichen Vereins, auf einige Forderungen, die der AVA und die ArGe Berglandwirtschaft in Bayern formuliert hatten. So sei die Förderung von Maßnahmen, die dem Erhalt der Kulturlandschaft dienten, ganz wesentlich. Die „Bergkulisse“ als besonders wichtige Zone sei unbedingt zu erhalten. Es gelte in Brüssel durchzusetzen, dass günstige Rahmenbedingungen für eine vitale Berglandwirtschaft festgeschrieben werden, finden Hage und Brunner gleichermaßen. Bei der Milch stehe man vor der Frage, ob eine „völlige Liberalisierung des Marktes“ komme, oder ob „Leitplanken“ vorgesehen sind. „Es wird Lösungen geben“, ergänzte Staatsminster Brunner, „es ist nur die Frage, ob wir dabei mitreden oder ob sie uns übergestülpt werden.“

Josef Gutsmiedl

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