Alte Kennzeichen - neue Bürokratie?

Im Auftrag der Hochschule Heilbronn fand auch in Sonthofen im Mai vergangenen Jahres eine Umfrage statt. Hans Soul (Mitte), Leiter des Fachbereichs Verkehr der Stadt Sonthofen, zeigte dabei, wie das „neue alte SF-Kennzeichen“ aussehen würde. Fotos: Josef Gutsmiedl

KFZ-Kennzeichen können eine Visitenkarte sein. Das zumindest glauben Vertreter einer Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, die „guten alten“ Kennzeichen wieder zu beleben. SF für die einstige Kreisstadt Sonthofen etwa, oder FÜS für Füssen. Die alten Kennzeichen erlaubten eine bessere Identifikation mit der heimatlichen Region, so ein wichtiges Argument. Gebhard Kaiser, der Oberallgäuer Landrat dagegen, befürchtet neue Bürokratie und eine Rückkehr zu Kirchturmdenken.

Ein Dutzend bayerischer Gemeinden - darunter auch Sonthofen - will die Möglichkeit, die alten KFZ-Kennzeichen wieder ins Spiel zu bringen, jedenfalls ernsthaft prüfen. Eine Untersuchung der Hochschule Heilbronn hatte über eine Befragung ergeben, dass es eine „eindeutige Zustimmung der Bevölkerung“ für die „alten“ Kennzeichen gebe. Das sieht der Oberallgäuer Landrat allerdings ganz anders: In einem offenen Brief an Bayerns Wirtschaftsminister, Martin Zeil, appelliert Kaiser, dass „gewählte Vertreter des Volkes“ sich „nicht mit Nebensächlichkeiten befassen“ sollten. Neue Bürokratie sieht Kaiser etwa entstehen, da das „neue, alte Kennzeichen“ für die Stadt Sonthofen gelte und bei einem Umzug aus der Stadt in eine Landkreisgemeinde gegen ein OA-Kennzeichen getauscht werden müsste. „Es kann doch nicht wahr sein, dass wir wieder mehr Bürokratie aufbauen wollen“, stellt Kaiser fest. „Nostalgikern“, so der Landrat weiter, hätten durchaus die Möglichkeit, im OA-Kennzeichen das ehemalige Stadtkennzeichen an zweiter Stelle zu führen - also „OA SF...“ Mit großer Verwunderung habe er, Kaiser, erfahren, dass sich Staatsminister Martin Zeil beim Bundesverkehrsministerium dafür einsetzen wolle, dass die Kennzeichen aus der Zeit vor der Gebietsreform 1972 wieder eingeführt werden. Die Diskussion angestoßen habe die Hochschule Heilbronn mit ihrer „Initiative Kennzei-chenliberalisierung". In diesem Rahmen seien „Bürger in 81 deutschen Städten" befragt worden, „ob sie gerne die Autokennzeichen vor der Gebiets-reform zurückhaben wollen". Mit „ja" geantwortet hätten zum Beispiel in Friedberg 87 Prozent, in Krumbach 77,4 Prozent, in Schrobenhausen 63,3 Prozent. Letztlich würden in den einbezogenen 15 bayerischen Städten 68 Prozent der Befragten für die Wiedereinführung plädieren.  Landrat Kaiser weiter: „Vor dem Hintergrund dieser Veröffentlichung sehe ich mich veranlasst, auf den Stellenwert der Befragung hinzuweisen. Durch die verzerrte Berichterstattung in den Medien entsteht der Eindruck, dass rund 70 Prozent der Bayern (wortwörtlich so genannt!) die alten Kennzeichen zurück wollen. Das ist so nicht richtig. Beispielsweise wurden im Bereich der 20000-Einwohner-Stadt Sonthofen nur 173 Personen befragt, für den Bereich des gesamten Alt-Landkreises Sonthofen sogar nur 26!“ In diesem Gebiet lebten aber mehr als 81000 Menschen, gibt Gebhard Kaiser zu bedenken. Darüber hinaus würde das „neue alte Kennzeichen“ - beispielsweise für Sonthofen -  ausschließlich für Einwohner der Stadt Sonthofen gelten, wendet Kaiser ein. Ein Umzug etwa von Sonthofen innerhalb des Landkreises würde eine Umkennzeichnung von SF auf OA nötig machen.  Kaiser: „Es kann doch nicht wahr sein, dass wir hier wieder mehr Bürokratie aufbauen wollen. Das ist weder im Sinne unserer Bürgerinnen und Bürger noch dient es der Gemeinschaft der Oberallgäuer an sich, wenn wir jetzt wieder durch zusätzliche Kennzeichen mehr Bürokratie einführen.“ Natürlich bestehe für Nostalgiker die Möglichkeit, das „alte Stadtkennzeichen“ an zweiter Stelle, für Sonthofen beispielsweise OA SF..., zu bekommen. Diese Reservierungen können die Zulassungsstellen im Rahmen der bisherigen Regelungen selbst organisieren.  „Mit Verlaub, Herr Minister,“, schließt der Oberallgäuer Land-rat seinen offenen Brief an Staatsminister Zeil, „wir sollten wegen dieser Nebensächlichkeit einiger weniger Interessensvertreter nicht die sinn-voll durchgeführte Gebietsreform in Frage stellen. Die Entscheidungsträger in den politischen Gremien haben seinerzeit erfolgreiche Strukturen geschaffen, mit denen wir zukunftsfähig geworden sind.“ „Wir im Allgäu haben aktuell mit der erfolgreichen Zusammenlegung unserer Wirtschafts- und Tourismusverbände in die Allgäu GmbH gezeigt, dass die Mehrheit der Gesellschaft ‘im Großen’ denkt und über den eigenen Tellerrand hinausschaut. Überlegungen hin zu Kleinstrukturen würden bedeuten, das Rad zurückzudrehen“, warnt Kaiser. „Gewählte Vertreter des Volkes wie Sie in München und Berlin sollten sich nicht mit Nebensächlichkeiten befassen, sondern zur Sacharbeit für die Menschen zurückkehren“, schreibt der Landrat Kaiser.

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