Bei Baumaßnahmen an der Ostrach wurden Teile eines alten Hochkanals gefunden

Historische Ingenieurskunst

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Die Baumaßnahmen an der Ostrach legten zahlreiche Bauteile einer Holzbrücke aus der Zeit der industriellen Revolution frei.

Sonthofen – Bei den Hochwasserschutz-Baumaßnahmen an der Brücke nach Burgberg kamen kürzlich wertvolle archäologische Holzfunde ans Licht: Teile einer alten Brücke und eines alten Hochkanals.

Die Ostrach wird derzeit im Bereich von Sonthofen an der Brücke nach Burgberg 1,50 Meter tiefer gelegt und der Hochwasserschutz nach neuesten Erkenntnissen und Baumethoden für ein 300-jähriges Höchsthochwasser ausgeführt. 

Der Fluss hat bei den Arbeiten völlig unerwartet archäologische Funde preisgegeben. Im Kiesbett sind gut erhaltene, bearbeitete Baustämme aus Eichenholz, senkrecht stehend, freigelegt worden. Die Baumstämme waren etwa 1,50 Meter im Kiesbett verankert und haben Eisenspitzen. 

Es sind die Pfostengründungen der alten Holzbrücke nach Burgberg. Schon in der ältesten Karte vom Allgäu aus dem Jahr 1619 ist eine Brücke eingezeichnet. Wahrscheinlich gab es an dieser Stelle schon wesentlich früher eine noch ältere Holzbrücke. 

In einem Flussbereich westlich der neuen Stahlbetonbrücke lagen unter dem Kies etwa 40 Baumstücke kreuz und quer übereinander. Teilweise bearbeitete, gesägte Holzteile mit Aussparungsöffnungen und Pfostenteilen, auch mit quadratischen Querschnitten und Eisenspitzen. Diese Holzteile, auch aus Eichen- und teilweise Fichtenholz können einem hölzernen Hochkanal von der Starzlachmündung über die Ostrach bis zu den im 17. Jahrhundert vorhandenen sechs Holzkohlemeilern im Gelände des damaligen Hüttenwerk Sonthofen teilweise zugeordnet werden. 

Im Heimathaus Sonthofen hängt ein realistisches Ölbild des Rettenberger Malers Ludwig Weiß aus dem Jahr 1810 über die Holzbauwerke im Bereich der alten Ostrachbrücke. Auf diesem Bild ist auch ein Wehr an der Starzlachmündung zu sehen. 

Mehrere Jahrhunderte lang drifteten die Menschen in Meterstücke zersägte Stämme aus dem „Großen Wald” südlich des Grünten durch die Starzlach und durch die Klamm. Da die vorhandenen Wassermengen nicht immer ausreichten, baute man im „Großen Wald“ in einigen Tobeln Wasserrückhalteklausen und ein Wasserspeicher. 

Im Hüttenwerk Sonthofen gab es ab 1607 ein Schmelzwerk mit einem Floßofen (einer frühen Ausführung eines Hochofens). Damals wurde das Verhütten vom Eisenerzgestein des oberen Allgäus im Sonthofener Schmelzofen zusammengeführt. Alle anderen Schmelzöfen wurden dann allmählich im oberen Allgäu stillgelegt. 

Für das Verhütten von 1 Zentner Roheisen war etwa die 150- fache Menge Holz erforderlich, das zur Holzkohle geköhlert wurde. Der ungeheure Holzverbrauch führte zur fast vollständigen Entwaldung vieler Berge und großen Erosionsschäden in unserer Gegend. 

Überraschender Fund 

Die Baufirma hat bei den Hochwasserschutzarbeiten zuerst den archäologischen Wert der Funde nicht vollständig erkannt und auch die Bodendenkmalbehörde nicht verständigt. Es wurde aber die Fundsituation fotografisch festgehalten und die ausgegrabenen Stämme vor Ort gelagert. Durch einen engagierten Sonthofer Bürger war der Heimatdienst Sonthofen über die Funde verständigt worden.  

Bei nachfolgenden positiven Besprechungen mit der Baufirma, dem Wasserwirtschaftsamt Kempten, der Tiefbauabteilung der Stadt Sonthofen und der Denkmalbehörde wurde festgelegt, dass die noch nicht ausgegrabenen Stämme eingemessen und sämtliche Fundstücke auf einem Grundstück der Stadt Sonthofen zwischengelagert werden, ohne die Hochwasserschutzarbeiten zu unterbrechen. 

Die Holzteile sollen im Frühjahr dendrochronologisch ( vergleichende Jahresring- auswertungen mit anderen Bäume dieser Region) untersucht werden, um das genaue Alter zu bestimmen. Es wird derzeit angenommen, dass die einzelnen Holzbauwerke nicht zur gleichen Zeit gebaut wurden. Es können auch aus den geborgenen Hölzern ein Teil der alten Bauwerke masslich rekonstruiert werden. 

Schon jetzt ist ersichtlich, dass die Baumeister vor 400 Jahren bereits ein enormes technisches Wissen hatten. Sie haben viele Arbeitsabläufe ohne moderne Antriebskräfte, nur mit Wasserkraft und besonderen Holzkonstruktionen, einfacher gestaltet. 

Um wertvolle geschichtliche Spuren auch künftig der Nachwelt zu erhalten, bittet der Heimatdienst Sonthofen alle an Bauten Beteiligten, historische Funde im Boden oder in Flüssen sofort an die zuständige Denkmalbehörde zu melden. Es gibt bei einem Großteil der Funde keine Bauverzögerung, falls sofort fachgerechte Untersuchungen veranlasst werden.

Uwe Brendler

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