"Die Gerufenen" - Deutsche Auswanderer in Osteuropa

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Historiker Manfred Heerdegen erläutert demnächst bei zwei weiteren Führungen die Ausstellung „Die Gerufenen“ in der Sparkasse Allgäu in Sonthofen.

Im Foyer der Sparkasse Allgäu in Sonthofen ist bis 19. Oktober die Ausstellung „Die Gerufenen“ zu sehen. Die Ausstellung behandelt einen Teil europäischer Geschichte, der heute weithin nicht mehr bekannt ist: Die Besiedelung ost- und südosteuropäischer Regionen durch deutsche Auswanderer und Siedler

Die aktuelle Ausstellung „Die Gerufenen” im Foyer der Sparkasse Allgäu in Sonthofen befasst sich als dritter Teil der Ausstellungsreihe über Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg mit der historischen „Vorgeschichte” dieses Teils deutscher und europäischer Geschichte. Denn, so wird oft vergessen, Jahrhunderte vor der späteren Vertreibung deutschstämmiger und deutschsprachiger Minderheiten in Ost- und Südosteuropa waren die Vorfahren genau jener Menschen als Siedler und Auswanderer ins Land geholt worden. Als profunder Historiker erläuterte Manfred Heerdegen dieses Kapitel deutscher Siedlungsgeschichte anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Die Gerufenen” der Stiftung Zentrum gegen Vertreibung. Weitere Führungen Heer­degens finden statt am Mittwoch, 26. September, und am Mittwoch, 17.Oktober, jeweils um 18 Uhr in der Sparkasse Allgäu in Sonthofen.

Es waren in der Tat keine kriegerischen Eroberungen fremder Territorien, die im Mittelalter tausende Menschen aus den damaligen deutschen Gebieten, die übrigens keinen Staat im heutigen Verständnis darstellten, in die Landstriche in Ost-und Südosteuropa führten. Vielmehr waren sie in der Regel den „Rufen” und Angeboten der dortigen Landesfürsten und Herrscher gefolgt – auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, nach wirtschaftlichen Enfaltungsmöglicheiten, nach Wohlstand im weitesten Sinn, eine neue Heimat. „Die Ausstellung beleuchtet die Umstände, wie die Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kamen, überhaupt in diese Länder gekommen sind”, bringt Historiker Heerdegen die Konzeption auf den Punkt. Es waren keine Eroberungen im klassischen Sinn, sondern mehrere Siedlungsschübe in mehreren Jahrhunderten mit dem Ziel, Landstriche zu besiedeln und zu entwickeln. Das sei, so Historiker Heerdegen, im Prinzip nach dem Motto gelaufen: „Ich habe viel Land und brauche Leute – macht was daraus!” Strukturschwache Regionen sollten durch die neuen Bewohner gefördert werden.

Schlaglichtartig skizziert die Ausstellung anhand der Schautafeln den Beginn der Besiedlung durch die „Gerufenen“ – Bauern, Handwerker, Arbeiter, Kaufleute. Schwerpunkte sind die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen wie Landwirtschaft, Landerschließung, Gewerbe und Handel, Industrialisierung, Orts- und Städtegründungen. Halb Europa zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, zwischen Böhmen und Kaukasus weist solche „Inseln“ der deutschen Besiedlung auf. Viele Ortsnamen erinnerten lange an die „alte Heimat“ in Deutschland.

Mit dem Zuzug der Siedler kamen in den verschiedenene Regionen überaus unterschiedliche Entwicklungen in Gang, meist gemeinsam mit anderen Bevölkerungsgruppen. So brachten etwa die Deutschen den Weinbau im Kaukasus voran oder die Textilproduktion in Lodz. In Böhmen war es die Bäderkultur, die einen Schub erfuhr, in den Westkarpaten der Bergbau, in Rumänien die Landwirtschaft. In Prag entstand eine deutsche Universität.

gts

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