Bauern schlagen Alarm

Kein Fächenbrand – kleine Einzelaktionen. Auf diesem Kurs versuchen die Allgäuer Milchviehhalter weiter auf den schlechten Erlös aus der Milchproduktion hinzuweisen. Ein Lieferboykott läuft in mehreren europäischen Ländern an. Zum „richtigen“ Lieferstreik dürfen die Verbände – Bauernverband und Bund Deutscher Milchviehhalter – nicht aufrufen; ein Boykott sei illegal, wie mehrere Gerichtsurteile befanden. Allerdings greifen immer mehr Bauern zur Selbsthilfe und greifen zu eigenen Protestmaßnahmen.

„Wir verwerten die Milch im eigenen Betrieb“, meint Hans-Peter Schwarzmann aus Immenstadt. Er meldete seinen Hof zunächst einmal von der Milchsammlung der Genossenschaft ab. Mit einer ganzen Reihe von Berufskollegen setzten die Landwirte im südlichen Landkreis Oberallgäu anlässlich der Eröffnung der B 19 neu vergangene Woche ein Zeichen und kündigten bei Immenstadt auf einer rund 100 Meter langen Fußgängerbrücke über die neue Bundesstraße mit Transparenten an: Bauern lassen Milch regnen. 20 Cent – ohne uns! Allerdings verzichteten die demonstrierenden Landwirte auf Anraten der Polizei dann doch auf die Beregnung von Autos und Straße mit Milch. Ein kleines Zeichen des Protestes, aber auch der Solidarität etwa mit Berufskollegen in Frankreich sollen die Aktionen der Allgäuer Bauern sein, meint Hans-Peter Schwarzmann und hofft, dass viele Kollegen auf diesen Zug aufspringen. Lange könnten die bäuerlichen Milchviehbetriebe den niedrigen Milchpreis nicht mehr durchhalten. Die laufenden Kosten überträfen längst den Erlös aus der Milchproduktion. Wenige Tage später erlebte Bundeslandwirtschaftministerin Ilse Aigner die aufgebrachten Allgäuer Bauern beim „Politischen Frühschoppen“ in Wertach. Der Bayerische Defiliermarsch zu dem die CSU-Ministerin von ihrem Parteikollegen und Staatssekretär Dr. Gerd Müller ins Bierzelt geleitet wurde, ging unter in gellenden Pfiffen und Buh-Rufen. Verärgerte Bäuerinnen und Bauern zeigten Plakate auf denen Schwarz-Rot als „Totengräber der Bauern“ bezeichnet wurde und „Wer Bauern quält, wird nicht gewählt!“ hieß es da. Tatsächlich gelang es den Christ-Sozialen bei der Bundestagswahl nicht, das bäuerliche Klientel hinter sich zu scharen: Offenbar machten viele enttäuschte Landwirte ihre Kreuzchen woanders... Dabei hatte Ministerin Ilse Aigner kein Hehl daraus gemacht, dass sie in Brüssel jeden Tag kämpfe, beim Thema Milchquote und Milchpreis aber auf verlorenem Posten stünden. Auch wenn es gelungen sei, die Agrarminister einiger Nachbarländer auf die katastrophale Lage der bäuerlichen Milchviehhalter aufmerksam zu machen, sei ein Durchbruch bei der Mengenbegrenzung wohl nicht zu erreichen. Genau das hatten die Agrarminister der Länder - mehrheitlich gegen Bayern - vor kurzem abgelehnt. Das Absenken der Milchproduktion sei laut Aigner eine effektive Maßnahme, um den Milchpreis nachhaltig zu stützen. Der Oberallgäuer Landrat Gebhard Kaiser unterstützte kürzlich eine Resolution der Oberallgäuer Milchbauern an Bundesministerin Ilse Aigner. „Bei einem Milchpreis von 24 Cent werden wohl ein ein Drittel der Allgäuer Milchbetriebe sterben“, macht der Landrat deutlich. „Die äußerst prekäre Situation wird immer mehr zu einer Existenzfrage - nicht nur für die Bauern , sondern für ganze Landstriche.“ Immerhin seien direkt oder indirekt rund 30000 Arbeitsplätze im Landkreis gefährdet, betont Kaiser. Handwerk, Gewerbe, der Tourismus seien betroffen, wenn Bauernhöfe auf breiter Front dicht machten. Beim Auftritt der Landwirtschaftsministerin in Wertach, machte Margot Gebhart auf die dramatische Situation vieler Höfe aufmerksam. Sie verglich die Landwirtschaft der Region mit einem Tausendfüßler - in Anspielung auf die vielen Standbeine, die die Bauern heute haben sollten. „Aber das erste Bein ist todkrank - wir hinken gewaltig!“ Die Situation sei dramatisch. Wenn nicht bald eine bedarfsorientierte Milchmengensteuerung komme, stünden viele bäuerlichen Betriebe vor dem Aus.

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