Oberallgäu: Bauern kritisieren Vorgehensweise des Landratsamtes in Sachen Tbc

Rinder-Tbc: Die Lizenz zu töten

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Gottfried Mayrock (2. von rechts) hatte als Vertreter der „Vollzugsbehörde Landratsamt“ keinen leichten Stand, als Dr. Franz Heigl (rechts), Rechtsanwalt Gregor Schneider (von links) und BDM-Präsident Romuald Schaber die Maßnahmen zur Bekämpfung der Rinder-Tuberkulose kritisierten.

Oberallgäu - Die Stimmung ist gereizt. Viele Milchviehhalter in der Region wollen die angeordnete Tuberkulose-Reihenuntersuchung aller Rinder nicht mehr hinnehmen. Bei einer Informationsveranstaltung des Bundes Deutscher Milchviehhalter BDM zum Tuberkulose-Geschehen im Oberallgäu machten die Bauern in Dietmannsried ihrer Verärgerung Luft.

Der BDM will das Vorgehen nicht länger mittragen. Die Suche nach besseren Untersuchungsmethoden soll vorangetrieben werden, bevor noch mehr (gesundes) Vieh getötet wird, so die Forderung. Solange rät der BDM seinen Mitgliedern die Verweigerung der Reihenuntersuchung. 

„Es wird Zeit, dass die Praktiker zu Wort kommen“, meint Franz Hage, Landwirt in Untermaiselstein und Vorsitzender des Alpwirtschaftlichen Vereins im Allgäu. Mit dieser Meinung steht er nicht allein da. Den „Feldzug gegen die Rinder-TBC“, wie er seit vier Monaten im Oberallgäu mit Reihenuntersuchung aller Rinderbestände, Betriebssperren und weiteren Maßnahmen laufe, will jedenfalls die BDM-Spitze nicht länger mitmachen. 

Das Oberallgäu komme ihm vor wie ein großes Versuchslabor, sagt der BDM-Bundesvorsitzende, Romuald Schaber, selbst Landwirt in Oy-Mittelberg. Keiner sei auf die aufflammende Rindertuberkulose vorbereitet gewesen, entsprechend unzulänglich seien die Versuche verlaufen, die Situation in Griff zu bekommen. Viele Fragen seien offen, angefangen von der Rechtsgrundlage der neuen Verordnung, über die Praxistauglichkeit der Untersuchungsmethoden bis hin zum Verbraucher- und Tierschutzrecht. Schaber: „Der BDM kann dieses Vorgehen nicht länger mittragen und auch nicht empfehlen. Es wird der Problematik nicht gerecht.“ 

Schützenhilfe erhalten BDM und unzufriedene Bauern von Rechtsanwalt Gregor Schneider. Selbst die jüngste Änderung der TBC-Verordnung stelle weder eine hinreichende Rechtsgrundlage für eine flächendeckende Reihenuntersuchung dar, noch für eine etwaige Verhängung einer Milchsperre für betroffene Betriebe. Geändert habe man lediglich die Fristen für Betriebssperren und die Untersuchungsmethode. Auch die neue Testmethode sei „nicht belastbar“, so der Fachanwalt für Agrarrecht, und falle durch Unzuverlässigkeit auf. 

Unterm Strich findet Schneider: „Die Eilverordnung hat nur ein Ziel: Töten Sie gesunde Tiere!“ Bislang sei die Tötungsanordnung nur bei positivem Testergebnis erfolgt; jetzt kämen auch Verdachtsfälle zur Keulung. Der Landwirt habe zwar eine Wahl, was mit Verdachtstieren geschehen soll, müsse aber die lange Prozedur der Nachuntersuchungen in Kauf nehmen, wenn er der Tötung nicht zustimme. 

Die Verärgerung bei den Bauern ist greifbar. Wie könne man von einer „totalen Durchseuchung“ der Bestände reden, wenn letztlich nur wenige Tiere als positiv-getestet auffielen, will ein Landwirt wissen. Und Gottfried Mayrock, zuständiger Abteilungsleiter am Landratsamt Oberallgäu, verteidigt das entschlossene Vorgehen der Behörde, indem er auf die Folgen hinweist, wenn das Allgäu erst einmal mit TBC in Verbindung gebracht werde: Was werde aus dem Zuchtvieh-Export? Was mit der Milch? „Wir halten es für richtig, alles zu tun, um eine Wieder-Infizierung der Rinderbestände zu verhindern.“ 

„Man zieht es durch“, schiebt Rechtsanwalt Gregor Schneider nach. „Das Landratsamt spricht von Seuche, weil es glaubt, das Richtige zu tun...“ Das Ganze sei ein Alleingang; das Seuchenszenanrio gelte offenbar nur fürs Oberallgäu, stichelt Schneider. Notfalls könne ein betroffener Landwirt ja Klage einreichen, gibt er zu bedenken: Ohne Klage sehe er keine Chance, sich der Anordnung der Untersuchung zu entziehen. 

In der Schusslinie der Kritik bleibt auch die Zuverlässigkeit der angewendeten Testverfahren. „60 Prozent Trefferquote kann ich heute nicht bringen! protestiert ein Landwirt. „Entweder 98 Prozent und mehr oder ich kann’s bleiben lassen!“ Beifall im Saal in Dietmannsried bei den rund 600 Besuchern der BDM-Veranstaltung. 

Humanmediziner Dr. Franz Heigl vermisst eine „ordentliche Umfeld-Diagnostik“ im Zusammenhang mit der Rindertuberkulose. „Was hier abläuft, ist nicht wissenschaftlich und spottet jeder Beschreibung!“ Wenn er dann noch hören müsse, so Heigl, dass bei der Reihenuntersuchung die Injektionen für mehrere Tiere mit ein und derselben Nadel verabreicht würden sei das „eine Katastrophe, ein Skandal“. Heigl stellt zudem den – behördlich vermuteten – Zusammenhang mit TBC- Erkrankungen beim Rotwild in Frage. Mit der Büchse könne man das TBC-Problem nicht regeln. 

Handlungsbedarf seit Jahren sieht ein anderer Landwirt allerdings vor allem bei der Jagd. Warum falle die Gegend um Oberstdorf mit vielen TBC-Fällen auf neben einer großen Rotwilddichte. „Uns nimmt man die Kühe aus dem Stall – die Hirsche lässt man laufen! Sind denn Hirsche mehr wert als unser Vieh?“ fragt der Bauer und rät zur spürbaren „Entnahme aus den Wintergattern“. Ein anderer fordert die Ausweitung der Suche, etwa auf Hunde und weitere Haustiere.

Josef Gutsmiedl

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