Mit dem Wolf nichts am Hut

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Alpwirtschaft ist Grundlage einer intakten Kulturlandschaft. Der Alpwirtschaftliche Verein wehrt sich gegen „Gängelei“ durch weitere Auflagen bei der Bewirtschaftung.

Die Stimmung unter Bergbauern und Älplern im Allgäu hat sich seit dem Vorjahr nicht wesentlich beruhigt. Die „heißen Eisen” der diesjährigen Mitgliederversammlung waren die Rückkehr des Wolfes, der zunehmende Freizeitsport in freier Natur und die Regelungen zum Artenschutz.

Zuletzt hatte das sogenannte Kuh-Urteil bei den Bergbauern für Unruhe gesorgt. In Österreich hatte ein Gericht einen Landwirt belangt, dessen Kuh eine Frau angegriffen und getötet hatte, die mit ihrem angeleinten Hund über eine eingezäunte Weide gegangen war. Franz Hage, der Vorsitzende des Alpwirtschaftlichen Vereins AVA und selbst seit Jahrzehnten aktiver Älpler: „Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand?” Auf der einen Seite sei das freie Betretungsrecht verbrieft, auf der anderen Seite lasse man die Bauern allein mit ihren Problemen. „Eine Neuregelung des Betretungsrechts ist überfällig!”, so Hage. Zudem gelte es, die Haftungsfrage in diesem Zusammenhang zu klären, meinte Hage weiter mit Blick auf die zunehmende Zahl der E-Mountainbiker in den Bergen. „Da gibt es gewisse Konflikte.” Ob ein Weg letztlich fürs Radfahren geeignet sei, müsse vor Ort entschieden werden. Hage: „Der Alpwirtschaftliche Verein setzt sich massiv für die Klärung der Haftungsfrage ein.”

Richtig aufgebracht kam Franz Hage schließlich auf das Thema Wolf zu sprechen. „Laufend unterwegs” seien er und die Spitze des Vereins und anderer Verbände gewesen in dieser Sache und hätten zahllose Stunden in Gesprächen, Diskussionsrunden und Verhandlungen verbracht.

Von den angedachten Schutzzäunen hält Hage gar nichts; er fordert vielmehr schnelle Genehmigungen für Abschüsse. „Das gesamte Berggebiet ist so nicht zu schützen. Das haut nirgendwo auf der Welt hin!” Das Geld wäre besser in schnellere und verlässliche Untersuchungsverfahren investiert. Entschädigungen bei Wolfsrissen sollten auch den Arbeitsaufwand umfassen. Auch den neuen Aktionsplan Wolf der Staatsregierung sieht Hage kritisch; er bringe nichts Neues.

Den im vergangenen Herbst als Druckmittel gegenüber der Politik ins Gespräch gebrachte Viehscheid-Boykott werde der AVA wohl vorerst nicht weiter verfolgen, falls sich bei der Wolfsfrage nichts bewege, deutete Hage an. Vorstellen könne man sich allerdings andere Schritte, etwa abgespeckte Viehscheide ohne Glocken und Schellen oder ohne geschmückte Kranzrinder.

Kritisch sehe der AVA nicht zuletzt die Forderungen, die im Volksbegehren für mehr Artenschutz gebündelt sind. Es könne nicht sein, dass die bäuerliche Landwirtschaft mit weiteren Vorschriften überzogen werde. „Es sind massive Einschränkungen zu befürchten.” Die Frage dürfe nicht auf dem Rücken der Alpwirtschaft und Berglandwirtschaft ausgetragen werden, appellierte Hage und betonte: „Falls unsere Vorfahren nicht richtig gehandelt hätten, wäre heute nicht viel da, was es lohnt zu schützen!” Es redeten immer mehr Menschen mit, die von der Materie keine Ahnung hätten. Unterm Strich, so folgert Hage, mache das alles die Landwirte langsam mürbe. „Man kann uns nicht so an den Pranger stellen.”

Die Oberallgäuer Europa-Abgeordnete Ulrike Müller sieht in vielen Aspekten des Volksbegehrens eine weitere Gängelei der Landwirtschaft und gab wie der AVA-Vorsitzende ebenfalls zu bedenken, dass viele Arten nur in der Kulturlandschaft zu finden seien. Und: „Bio kann man nicht verordnen – bio muss man kaufen.” Die Berglandwirtschaft brauche verlässliche Partner, unterstrich die Abgeordnete weiter. Die EU-Agrarplitik müsse konsequent daran arbeiten, in den Bergregionen und Alpen ein Umfeld zu schaffen, damit die bäuerlichen Betriebe sich auf lange Sicht halten könnte,

Und zum Wolf: Es liege nicht allein an Brüssel, wenn am hohen Schutzstatus des Wolfes nicht gerüttelt werde. Deutschland müsse diesen Antrag auf Rückstufung nur stellen. Für eine „völlig falsche Entwicklung” hält Ulrike Müller die Tatsache, dass etwa Frankreich 28 Millionen bäuerliches Geld in Schutzmaßnahmen gegen den Wolf stecke.

„Kurze Reaktionszeiten” forderte erneut der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz. „Falls es Wolfsrisse gibt, müssen wir umgehend reagieren können.” Und das gehe nur, wenn die Entscheidung vor Ort bei den lokalen Behörden getroffen werde. „Zwei bis drei Wochen sind zu lange.”

In seinem Geschäftsbericht sprach Geschäftsführer Dr. Michael Honisch von einem guten Alpsommer. Im „wärmste Sommer” sei die Futtersituation dennoch sehr gut gewesen, da es immer rechtzeitig Gewitter- und Regenschauer gegeben habe. Geälpt wurden rund 30 000 Rinder, etwa ähnlich viel wie im Vorjahr.

gts

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