"Ein rauchs wintrigs Land" - Wie Sebastian Münster im 16. Jahrhundert über das Allgäu schrieb

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Eine alte Karte des Allgäus

Allgäu – „Das Allgäu ist ein rauchs wintrigs Land“. Häufig steht diese eindrückliche Interpretation am Anfang von Veröffentlichungen, wenn diese sich mit unserer Gegend auseinander setzen.

Auch Werbestrategen und Werbetexter verwenden diese Worte gerne dann, wenn sie auf die ehemals urtümliche und abweisende Landschaft des frühen Allgäus verweisen wollen oder müssen.

Entnommen ist die Zeile einer Information über das Allgäu des Kartografen und Mathematikers Sebastian Münster (1489-1552), wie sie dieser gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts in seiner „Beschreibung der gantzen Weltt“ verfasst hat. Nur ganz Wenigen, die diese Worte bisher verwendet haben, ist jedoch der gesamte Wortlaut der Allgäu-Beschreibung bekannt und aus Anlass der erstmaligen Nennung des Allgäus vor 1200 Jahren sei es angebracht, dieses nicht nur auf die wenigen genannten Worte zu reduzieren, sondern nachfolgend den gesamten Wortlaut der Information wider zu geben.

„Von dem Algöw und seinen Stäten

Das Algöw ist in Schwabe ein gegne wirt eingeschlossen von Oriet mit de Lech/gegen Mitnacht mit der Thonaw/gege Occident reicht es an Bodensee/und gege Mittag streckt es sich gege dem Schneebirg. Es ist ein rauchs Winterigs Lad/hat aber schöne un starcke Leite/weib un Mann/ die können all trefflich wol spinnen/und es ist den Mannen nit spöttlich/besund in den Dörffern. Es hat auch vil viechs/Küw und Roß/es zeücht sunderlich gar schön junge Fülle/es hat Winterkorn/Gersten/ und vil Thannwald/Bäch/Vögel und Fisch umb und umb mit grossen un vilen See/und Fischreiche Weyern efült/dere etlich groß Krebs/etlich wunder groß Fisch/besunder Hecht/Karpfen/Trüschen/und allerley geben/in etliche findt man auch viertzig unnd fünfftzig pfündig Wälinin/die grossen schaden thünd in den Weyern/fressen Fisch und Wasservögel. Es heißt Algöw/sollt aber billicher heissen Almangöw/von Almannia/oder wie etlich andere meinen/und ich in alten Briefen zu Kempten gesehen hab/das Algöw/von den vil Alpen die darin seind. Es haben die Herren von Östereich/der Bischoff von Augspurg/der Apt von Kempten/die Grauen vo Montfort/den grössern theil daran/wiewol sunst auch vil Edelleut jren Sitz darinn haben/on die Reichstett. Es ist ein begangenschafft darin mit garn/Viech/Milch un Holtz. Der gemein Mann ißt gar rauch schwartz Gersten oder Häbern brot. Es hat trefflich Thäler/die da genennet werden nach den Wässern so dadurch fliessen/als das Tretacher thal/von dem Wasser Tretach/Irracher thal/von dem wasser irrach/Breitacher thal von der Breitacher/das Yler thal von der Yler/etc. Die Yler ist ein groß Wasser/Fisch und flötzreich/und entspringt vier meil ob Kempten/oberhalb eine Dorff genannt Oberndorff/aus einem Berg/und rinnen darein die drey Wasser/Tretach/Irrach und Breitach/ob dem Dorff Langenwang/ein halb meil von dem ursprung. Hernach köpt auch die Aitrach darein. Das Wasser fleußt für Kempten/unnd zum theil durch die Statt/und für Memmingen/und kompt bey dem Galberberg zu Ulm in die Thonaw. Item die Argen/zwey eben grosser Wasser/entspringt die ober ob Jubeder hinder Rotefels/laufft für Ysne unnd Wangen/kompt darnach bey Achberg zu der anderen Argen/ und fliessend also miteinandern fürtan/bis Langen Argen in Boden See. Item Buchenberg/ein gegne drey meilen lang/und ein halbe breit/stoßt an einem ort an Ysne/hat etliche Dörffer und Höff/ ist des Apts von Kempten. Ich laß hie faren das Stauffer thal/Lyblacherthal/das Hindenlanger thal/Thanheim/Misser thal/Veitnaw/die Wangenstantz/die gath von Ymenstat biß an das Keinknie ein Alp unnd gegne/hat vil Höw wachs. Item Teuffenbach ein Schwebelbad/zwo meil hinder Ymenstatt/stoßt an die Alpen/und ist für das Fieber. Item Zellerthal streckt sich gegen Kempten/und Rotenberger thal streckt sich gehen Saltzburg. Die Stett im Algöw werden also genannt/Imenstat/Kempten/Ysne/Wangen/Vettnang/Lütkirch/Rauenspurg/Waldsee/Memmingen/Bibrach/Wurtzach/Füssen/Mindelheim etc. Berg im Algöw/die Ruckstaig/Thanheim im Loch/der Grente/die Gach/der Pyler/etc. Schlösser im Algöw/Rotenberg/Krantzeck/Nesselwang/Luchtestein/Falckenstein/alle des Bischoffs von Augspurg. Item Rotenfels/Hagenfels/Bleichach/Staufen/Tummeraw/Liednaw der Grauen von Montfort. Des Apts von Fischen etc. Der Truchsessen seind Waldpurg/Truchpurg/Wolffeck/Zil. Es haben darnach auch etlich Edlen Schlösser und fläcke im Algöw/nemlich die von Schollenberg/Hochneck/welche Herrschaft jetzund der Graueschafft Tyrol verwandt/Fryberg/Werdenstein/Louwenberg/Sergenstein/Langeneck/Rätzenried/Rotenstein. Item auch so etlichen Stetten unnd Burgern zu gehören/als Eglytz/Schonburg/ Newen Rauenspurg/zum Giessen/Schmaleck.“

Die Münstersche Beschreibung des Allgäus gibt in manchen Teilen zu Fragen Anlass, ist oft unverständlich und wirkt manchmal etwas ortsfremd und hölzern. Dies ist nicht verwunderlich, weil Sebastian Münster auf Informationen von fremder Hand angewiesen war und diese nicht selbst nachprüfen konnte. Dennoch gibt sie einen groben Überblick über die Lebensverhältnisse unserer Vorfahren, der in den folgenden Jahrhunderten immer wieder verfeinert werden konnte.

Wenn man aber bedenkt, dass Sebastian Münster für seine „Beschreibung der gantzen Wellt“ allein 18 Jahre seines Lebens ohne moderne Hilfsmittel damit zugebracht hat, das gesamte Wissen seiner Zeit zu sammeln und zu sichten, Auskünfte zu bewerten, usw. dann dürfen uns die kleinen, unsere Heimat betreffenden Ungereimtheiten, durchaus verzeihlich erscheinen.

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