In freier Natur gibt es keine grenzenlose Freiheit

Regeln beim Naturgenuss: Darf man einfach über Weiden radeln?

Radeln über Weiden
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Das Betretungsrecht gilt auch für Radler: Wege müssen zum Fahrradfahren geeignet sein, ein Querfeldeinfahren ist nicht erlaubt.

Oberallgäu – Abfall auf Wanderwegen oder offen gelassene Gatter an Weideflächen. Dr. Michael Honisch vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten klärt über die Verhaltensregeln in der Natur auf.

Der Ansturm auf die Naherholungsgebiete im Oberallgäu zeigte es im vergangenen Sommer überdeutlich: Zugeparkte Rettungswege, Wanderer, die mitten auf einer Wiese Rast machen, Abfall am Rand von Wanderwegen, offene Gatter an Weideflächen... Dabei ist der Umgang mit der Natur- und Kulturlandschaft an sich gut geregelt. Das Betretungsrecht – festgeschrieben in der Verfassung des Freistaates Bayern – bedeute keineswegs, dass jedermann in freier Natur tun und lassen könne, was er wolle, gibt Dr. Michael Honisch vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten zu bedenken. Auch beim Naturgenuss gibt es klare „Spielregeln“.

Schon früher bekamen Kinder beigebracht: „Ab Georgi (23. April) geht man nicht mehr über die Wiesen.“ Tatsächlich schreibt das Gesetz vor: Das Betreten landwirtschaftlich genutzter Flächen ist während der Nutzzeit verboten. „Hier gilt die Zeit zwischen Saat oder Bestellung und Ernte, bei Grünland die Zeit des Aufwuchses, der Stichtag „zu Georgi“ hat traditionelle Gründe, entscheidend ist der Zustand der Vegetation“, betont Honisch.

Und: Nicht zuletzt Dank der „neuen Mobilität“ mit E-Bikes und Pedelecs gelangen immer mehr Menschen in Regionen, die früher „unerreichbar“ waren. Das birgt zusätzliches Konfliktpotenzial.

„Die Weidetierhaltung ist ein fest mit Bayern verankertes Bild und gehört zu unserer einzigartigen Kulturlandschaft dazu. Sie ist nicht erst durch Corona-Pandemie ein wahrer Besuchermagnet. Wir alle bewegen uns in unserer Freizeit gerne an der frischen Luft. Vor allem beim Wandern kommen wir immer wieder über Weideflächen. Da ist Rücksicht und Umsicht mit den einzelnen Tieren enorm wichtig“, sagt Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber.

Eine Kuhweide ist kein Streichelzoo

Dabei sollten die Erholungssuchenden stets darauf achten, dass Tore und Gatter geschlossen bleiben. Während Jungrinder neugierig und stürmisch sind, verteidigen Mutterkühe ihre Kälber impulsiv. „Ich bin immer wieder über Meldungen verwundert, bei denen Erholungssuchende Weidetiere scheinbar mit Streicheltieren verwechseln. Wir alle sollten fremden Tieren mit Vorsicht und Respekt begegnen und sie auch nicht füttern“, so die Ministerin.

Dr. Michael Honisch vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten erläutert die Spielregeln beim Naturgenuss. „Die Bewegung draußen in der freien Natur – gerade in Zeiten von Corona – ist gesund und ein in der Bayerischen Verfassung verankertes Recht. Doch besteht für alle Erholungssuchenden die Pflicht, mit Natur und Landschaft auch pfleglich umzugehen. So steht es im Bayerischen Naturschutzgesetz.“ Insbesondere auf die berechtigten Belange der Grundstückseigentümer und Nutzungsberechtigten sollte unbedingt Rücksicht genommen werden: „Denn die Landwirte wollen gutes, gesundes Futter produzieren. Schäden im Aufwuchs und Verunreinigungen des Futters – etwa durch Abfälle oder Hundekot – sind daher immer zu vermeiden.“

Betretungsrecht: Wildzelten verboten

Das verfassungsrechtlich verbürgte Betretungsrecht bezieht sich grundsätzlich auf alle Teile der freien Natur, auch Flächen, die landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich oder gärtnerisch kultiviert werden. Das Betretungsrecht umfasst die Benutzung von vorhandenen Privatwegen in der freien Natur. Dr. Michael Honisch vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten erläutert: „Unbefestigte Feldwege, Wanderpfade, Trampelpfade und Steige stellen in aller Regel Wege in diesem Sinne dar, die betreten werden dürfen, auch wenn es unter Umständen dem Eigentümer nicht passt.“ Das Betretungsrecht gelte auch für private sportliche Betätigungen im Freien wie Ballspielen, Klettern, Jogging oder Waldlauf.

Vom Betretungsrecht nicht gedeckt sind dagegen sämtliche Handlungen, die nicht der Erholung dienen, zum Beispiel das gewerbsmäßige Betreten oder Befahren von Privatwegen. Das Aufstellen von Wohnwagen, von Tischen und Stühlen, das Zelten oder das Übernachten im Freien sind vom Betretungsrecht nicht gedeckt. Ebenso nicht das Zurücklassen von beweglichen Sachen in der freien Natur (zum Beispiel das sogenannte Geocaching).

Für organisierte Veranstaltungen gelte das Betretungsrecht jedoch nicht, führt Honisch weiter aus. Ebenso nicht für Sportarten, die keinen Zusammenhang mehr mit Naturgenuss und Erholung aufweisen, insbesondere nicht für jegliche motorsportliche Betätigung.

Betretungsrecht: Was gilt für Radler?

Das Betretungsrecht gilt auch für das Fahren mit Fahrrädern („Fahrzeugen ohne Motorkraft“), wenn es der Erholung und nicht kommerziellen oder rein sportlichen Zwecken dient. Die Wege müssen zum Fahrradfahren geeignet sein, ein Querfeldeinfahren ist nicht erlaubt. Auch das Reiten abseits der Wege verstößt gegen das naturschutzrechtliche Betretungsrecht.
Bei der Benutzung von Wegen gebührt den Fußgängern der Vorrang!

Das Recht gilt auch für Pedilecs mit einem Elektromotor bis 250 Watt, dessen Unterstützung beim Erreichen einer Geschwindigkeit von 25 km/h spätestens unterbrochen wird. Schnellere, stärker motorisierte E-Bikes (S-Pedelecs), ebenso wie E-Scooter, gelten hingegen als Fahrzeuge mit Motorkraft.

Nur geeignete Wege dürfen mit Fahrzeugen ohne Motorkraft befahren werden. Doch wann ist ein Weg geeignet? Honisch: „Hier kommt es auf die objektive Eignung des Wegs, nicht hingegen auf das subjektive Können des Erholungsuchenden an.“

Dabei sind die Beschaffenheit des Untergrunds sowie der bauliche Zustand des Weges zu berücksichtigen. Auch die Frequentierung des Weges durch andere Naturnutzer ist zu beachten. Den Fußgängern gebührt der Vorrang. Ein Weg ist nur dann zum Befahren oder Reiten geeignet, wenn eine sichere Nutzung ohne Gefährdung oder unzumutbare Behinderung von Fußgängern möglich ist. Insbesondere im alpinen Bereich gelten hier strenge Maßstäbe.

Weidevieh gerät schnell in Panik

„Wege, die über Alpweiden führen, auf denen sich Nutztiere befinden, sollen vor allem während der Nachtzeit nicht betreten werden, dies kann Panikreaktionen bei Vieh auslösen“, erinnert Honisch an einen Fall im vergangenen Jahr, wo ein Dutzend Jungrinder bei Immenstadt abstürzte.

Wege, die durch Querfeldeinfahren entstanden sind, sind in aller Regel nicht geeignet. Die unteren Naturschutzbehörden sind zuständig für die Beurteilung der Wegeeignung für das Befahren mit Fahrrädern. Sie überprüfen und dokumentieren die Eignung der Wege. „Das Fahren und Reiten auf Holzrückegassen kommt dem Querfeldeinfahren gleich, ist also nicht erlaubt“, erläutert Michael Honisch.

Offenland und Wald werden hinsichtlich des Radfahrens, Reitens und Befahren mit Krankenfahrstühlen gleichbehandelt. Querfeldeinfahren und -reiten ist auch im Wald ohne Zustimmung des Eigentümers verboten. Honisch ergänzt: „Die Ausübung des Betretungsrechts erfolgt grundsätzlich auf eigene Gefahr. Das heißt natürlich nicht, es gäbe keine Verkehrssicherungspflichten für den Grundeigentümer.“

Der Hund darf mit, aber ohne „Häufchen“ zu hinterlassen

Das Betretungsrecht schließt das Hundeausführen ein. Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen während der Nutzzeit, ohne Zustimmung des Grundstücksberechtigten, dürfen Hunde jedoch nicht ausgeführt werden. Auch außerhalb der Nutzzeit sollen sie dort nicht abkoten. Nicht erlaubt ist das Ausführen und Laufenlassen von Hunden in der freien Natur, wenn ein Hundebesitzer es zulässt, dass sein frei laufender Hund dem Wild oder geschützten Tierarten nachstellt, oder dass sein Hund wiederholt auf einem bestimmten Grundstück sein „Häufchen“ absetzt und damit das Grundstück verunreinigt.

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