Interview: Verband der Privaten Brauereien Bayerns befürchtet Auswirkungen von TTIP und CETA

Bayerisches Bier muss aus Bayern kommen

+
Ozapft is – seit 500 Jahren nach dem Bayerischen Reinheitsgebot.

Allgäu – In diesem Jahr wird feiert das Bayerische Reinheitsgebot seinen 500. Geburtstag. Ein Grund zu feiern für die Brauer in Bayern. Die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP verfolgen sie hingegen mit Skepsis.

Der Präsident des Verbandes der Privaten Brauereien Bayern, Gerhard Ilgenfritz, und dessen Geschäftsführer Dr. Werner Gloßner äußern sich zum European Beer Star Award, zu den Jubiläumsvorbereitungen und den zähen Verhandlungen zu TTIP.

Nach der rekordverdächtigen Verleihung des zwölften European Beer Star Award auf der BrauBeviale in Nürnberg – der weltweit größten Getränkemesse – richtet sich der Blick der Privaten Brauereien bereits auf das nächste Jahr. Denn dann steht in Deutschland ein ganz besonderes Jubiläum an: Das älteste, noch heute gültige Lebensmittelgesetz der Welt, das Bayerische Reinheitsgebot, wird 500 Jahre alt. Besonders im Bierland Bayern wird es deshalb zahlreiche Veranstaltungen rund um den Gerstensaft geben. Grund genug, mit Dr. Werner Gloßner und Gerhard Ilgenfritz, Geschäftsführer und Präsident der Privaten Brauereien Bayern, eine Biervorschau für das Jahr 2016 zu wagen.

Herr Dr. Gloßner, Herr Ilgenfritz, die BrauBeviale ist gerade erst zu Ende gegangen, und damit auch der European Beer Star Award. Wie fällt Ihre Bilanz für die zwölfte Auflage des Wettbewerbs aus?

Ilgenfritz: Die Grundidee war, dass es auch einen Wettbewerb im „Mutterland“ des Bieres geben sollte. Dass dann innerhalb der letzten zwölf Jahre eine solch rasante Entwicklung auf fast 2.000 Teilnehmerbiere stattfinden würde, damit haben auch wir nicht gerechnet. 2015 hatten wir mit 1.957 Bieren aus 45 verschiedenen Ländern einen neuen Rekord. Das war eine Steigerung um 21 Prozent im Vergleich zum schon sehr erfolgreichen Vorjahr.

2016 steht neben der nächsten Verleihung noch ein ganz besonderer Termin für die Brauereien an: Das Bayerische Reinheitsgebot wird 500 Jahre alt.

Gloßner: Das ist ein bemerkenswertes Jubiläum. Keine Verordnung, keine Vorschrift dürfte national und international einen derart hohen Bekanntheitsgrad aufweisen. Und obwohl es sich um eine Einschränkung handelt, ist das Bayerische Reinheitsgebot bei der überwiegenden Mehrheit der deutschen Konsumenten enorm positiv besetzt, denn es sorgt seit fünf Jahrhunderten dafür, dass Bier zu den reinsten Lebensmitteln der Welt zählt. Die Verordnung trägt somit aktiv zum Verbraucherschutz bei und fördert das Vertrauen zwischen Brauern und Bierliebhabern.

Natürlich führt das Bayerische Reinheitsgebot dazu, dass bestimmte Bierspezialitäten in Deutschland und vor allem in Süddeutschland nicht gebraut werden dürfen. Dennoch sind die Möglichkeiten der Kreativität innerhalb des Reinheitsgebotes noch lange nicht ausgereizt. Deshalb freuen wir uns besonders auf die Feierlichkeiten zum Jubiläum.

Welche Veranstaltungen sind für das Jubiläum geplant?

Gloßner: Die Hauptveranstaltung wird vom 22. bis 24. Juli in München stattfinden. Dort werden mehr als 120 Brauereien vertreten sein – das ist eine einmalige Brauereivielfalt. Daneben können die Besucher mehr über die Bierherstellung und die verschiedenen Zutaten erfahren sowie sich über brauereinahe Handswerksberufe informieren. Natürlich wird während der Festivitäten auch Bier gebraut: Sowohl in einer neueren als auch in einer historischen Anlage. Außerdem wird es geführte Verkostungen mit eher ungewöhnlichen Kombinationen wie Bier und Käse oder Bier und Schokolade geben.

Neben den Feierlichkeiten rund um das Reinheitsgebot sind auch die Verhandlungen zum TTIP von großer Bedeutung für die Brauereien.

Gloßner: Leider wird kein Vertreter aus Industriekreisen in die Verhandlungen einbezogen. Nachdem die derzeit laufenden Verhandlungen mit Kanada über das CETA-Abkommen weiter fortgeschritten sind, kann davon ausgegangen werden, dass die Ergebnisse daraus eins zu eins im TTIP übernommen werden.

Was bedeutet das kanadische Abkommen für die Brauereien?

Gloßner: Vor allem die bayerischen Brauereien werden vor ein Problem gestellt: Bayerisches Bier ist eine EU-weit geschützte geographische Angabe. Das heißt, dass man auf einem Bier nur dann mit der Herkunft Bayern werben kann, wenn das Bier auch in Bayern gebraut wurde. Das ist von großer Bedeutung, denn weltweit hat in Bayern gebrautes Bier ein hoch angesehenes Image. Die Kanadier haben der EU in den Verhandlungen jedoch weisgemacht, dass „Bavarian Beer“ in Kanada eine Biergattung wäre. Ihrer Meinung nach müssten kanadische Brauereien somit von diesem Schutz ausgenommen werden. Falls sich die Kanadier also wirklich durchsetzen sollten, kann Bier in Kanada hergestellt und mit dem Zusatz „Bavarian Beer“ weltweit mit dem guten Bayern-Image verkauft werden. Die Privaten Brauereien setzen sich deshalb dafür ein, dass die EU-Schutzrechte voll im Abkommen berücksichtigt werden. Bavarian Beer muss auch weiterhin aus Bayern kommen.

Nicht nur TTIP wird in der Bierbranche kontrovers diskutiert. Auch der Zusammenschluss der beiden größten Braukonzerne der Welt, AB-InBev und SAB Miller, sorgt für Aufruhr.

Ilgenfritz: Sollte das Kartellamt keine allzu großen Bedenken haben, wird ein Gigant entstehen, der mehr als 30 Prozent der Weltbierproduktion und große Anteile an der Produktion alkoholfreier Getränke auf sich vereint. Damit verschieben sich in bisher nicht bekannter Weise die Marktverhältnisse. Mittelfristig werden wohl die gesamte Branche und die Zulieferindustrie davon betroffen sein. Ich glaube nicht, dass in den Führungsetagen der Mälzereien, Hopfenhändler und Getränke-Maschinenbauer die Sektkorken geknallt haben, denn ihnen sitzen zukünftig Einkäufer gegenüber, die über eine nie zuvor dagewesene Nachfragemacht verfügen. Außerdem geht ein Stück Biervielfalt verloren, die ja für den Verbraucher mittlerweile von großer Bedeutung ist.

Der Gegentrend dazu ist die Craft Beer-Bewegung, die aus den USA nach Europa gekommen ist. 

Gloßner: Der weltweite Boom von handwerklich gebrautem Bier eröffnet neue Chancen – besonders für die vielschichtige Branche in Deutschland. Dort werden Spezialsude eingebraut, Starkbiere reifen in Eichenfässern und man entdeckt alte, zwischenzeitlich verloren gegangene Sorten wieder neu. Das ist auch gut so, denn die Verbraucher suchen Biere mit Charakter. Die letzten Jahre haben aber auch gezeigt, dass für das Brauen solcher Spezialbiere viel Erfahrung notwendig ist und es dauern kann, bis ein Produkt marktreif ist. Außerdem werden andere Anforderungen an die technische Ausstattung gestellt.

Da Sie die notwendige Erfahrung ansprechen: Wie schlägt sich der allseits beklagte Fachkräftemangel in der Braubranche nieder?

Ilgenfritz: In den bayerischen Brauereien befinden sich jährlich etwa 400 Brauer und Mälzer in der Ausbildung. Derzeit besteht noch kein Problem, Lehrstellen zu besetzen, da der Beruf ein hohes Ansehen bei jungen Leuten hat. Das zeigt sich unter anderem auch an der vergleichsweise hohen Abiturientenquote. Dies kann sich mittelfristig natürlich ändern. Ein besonderes Anliegen ist uns die duale Begleitung in den Schulen, die auf einem hohen fachlichen Niveau stattfindet. Im Beruf haben in den letzten Jahren zahlreiche Themen der Steuerungs- und Automatisierungstechnik Einzug gehalten. Wichtig ist aber vor allem, dass während der Ausbildungszeit das handwerkliche Brauen vermittelt wird. Nur so ist gewährleistet, dass die angehenden Brauer die biologischen Abläufe verstehen und bei unterschiedlichen Rohstoffqualitäten gegensteuern können. Allerdings ist der Fachkräftemangel heute schon im kaufmännischen und logistischen Bereich spürbar. Dort wird es zunehmend schwerer, offene Stellen zu besetzen.

Auch interessant

Meistgelesen

Gesundheitsamt Oberallgäu empfiehlt Grippe-Impfung
Gesundheitsamt Oberallgäu empfiehlt Grippe-Impfung
Jubiläum mit Trachtengaudi
Jubiläum mit Trachtengaudi
Besuch bei Leader-Projekten
Besuch bei Leader-Projekten
Barbara Holzmann kandidiert erneut für den Bezirkstag
Barbara Holzmann kandidiert erneut für den Bezirkstag

Kommentare