Kriminalität im Oberallgäu geht zurück

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Die Kripo in Kempten kann auch für das Jahr 2014 wieder mit einer überdurchschnittlichen Aufklärungsquote aufwarten.

Kempten/Oberallgäu – Berichte über Mord und Totschlag, eine Schießerei in einem vollbesetzten Regionalexpress und der spektakuläre Prozess um einen ehemaligen Kommissariatsleiter wegen des Besitzes von Kokain brachten das Allgäu im vergangenen Jahr deutschlandweit in die Schlagzeilen. 

Insgesamt mussten die Kriminalbeamtinnen und -beamten der Kripo Kempten aber im vergangenen Jahr rund ein Fünftel weniger Straftaten der mittleren und schweren Kriminalität bearbeiten, berichtet der Kemptener Kripo-Chef Michael Haber. Insgesamt bearbeiteten die Beamtinnen und Beamten der Kriminalpolizei Kempten 1026 Straftaten – von Mord über Sexualdelikte, Einbruch, Betrug bis hin zu Rauschgiftdelikten – in ihrem Dienstbereich. Dies sei die Stadt Kempten, der Landkreis Oberallgäu und Teile des Landkreises Ostallgäu, so Haber weiter. Die von den Kemptener Kriminalisten erreichte Aufklärungsquote habe überdurchschnittliche 74,6 Prozent betragen und liege damit deutlich über der gesamtbayerischen Aufklärungsquote von 64,4 Prozent.

Gewaltkriminalität

46 Straftaten bearbeiteten die Kemptener Kriminalbeamten im vergangenen Jahr, ein Viertel weniger als 2013 (61). Darunter sind sechs „Straftaten gegen das Leben“ (2013: 12). Im Zusammenhang mit dem Mord an einer 63-jährigen Frau im Dezember 2013 in Kempten bleibt der Tatverdacht gegen einen männlichen Beschuldigten bestehen. Die Beweislage ist in diesem Fall derzeit nicht ausreichend für eine Anklageerhebung. Weitere langwierige Detailermittlungen dauern an.

Ein deutlicher Rückgang ist auch bei der Bearbeitung der gefährlichen und schweren Körperverletzung registriert; hier ermittelte die Kripo in sechs (12) Fällen, während Vergewaltigungen 18 (19) und Raubdelikte 16 (17) auf dem Niveau des Vorjahres stagnierten. „Der Anteil der Gewaltkriminalität an der Gesamtkriminalität liegt unter fünf Prozent. Jeder einzelne Fall ist aber für die Betroffenen und/oder deren Angehörige ein besonders belastendes Ereignis“, hebt Haber hervor.

Diebstahl insgesamt

Im Zuständigkeitsbereich der Kripo Kempten sind die Diebstähle von 259 im Jahr 2013 auf 149 Delikte im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen; das ist die niedrigste Anzahl in den letzten fünf Jahren nach 2012. Der Diebstahl von Kraftwagen bzw. an/aus Kfz spielte in den letzten Jahren im Allgäu kaum eine Rolle.

Der Wohnungseinbruchdiebstahl ist in der Region, entgegen dem bayernweiten Trend, nicht angestiegen. Während die Wohnungseinbrüche in Bayern um rund 28 Prozent zunahmen, musste die Kripo mit 27 Fällen einen Einbruch weniger bearbeiten als im Vorjahr. Auffällig ist eine Verlagerung der Tatorte von der Stadt aufs Land. Meist waren Häuser in Ortsrandlage oder gar alleinstehende Häuser die Angriffsobjekte. Fast die Hälfte der versuchten Wohnungseinbrüche scheiterte an Sicherungstechnik.

„Die Prävention spielt deshalb in unserer Strategie gegen Wohnungseinbruchdiebstähle eine große Rolle,“ bestätigt der Allgäuer Kripochef Michael Haber. Von der Bevölkerung werden als Haupteinbruchszeit die Nachtstunden angenommen. Tatsächlich wird jedoch meist über die Mittagszeit und in den frühen Abendstunden eingebrochen. „Der Verlust des Sicherheitsgefühls in den eigenen vier Wänden wirkt sich bei vielen Geschädigten weitaus schlimmer aus als der materielle Schaden. Zumal die psychischen Folgen länger andauern und sich auch auf das Umfeld des Betroffenen auswirken können,“ weiß der Kriminaloberrat zu berichten. Die Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle der Kripo Kempten führte im vergangenen Jahr 215 Fachberatungen durch und gab hierbei wertvolle Tipps.

Rauschgiftkriminalität

Auch die Fallzahlen bei der Rauschgiftkriminalität sind rückläufig auf 139 (184). Mit einer Aufklärungsquote von 97,1 Prozent konnten fast alle Rauschgiftdelikte aufgeklärt werden. Die Ermittlungen der Kripo, in denen es meist um den Handel mit illegalen Drogen ging, werden immer aufwändiger, da die Tatverdäch- tigen sich zunehmend konspirativ verhalten und mit polizeilicher Beobachtung rechnen.

Im Jahre 2014 waren für den Dienstbereich der KPI Kempten zehn Rauschgifttote zu verzeichnen. In fünf Fällen wurde Heroinkonsum oder -überdosierung als Todesursache festgestellt, in einem Fall ein Fentanylmissbrauch. Drei Konsumenten verstarben an einer Mischintoxikation, ein weiterer suizidierte sich unter akutem Drogeneinfluss und aus Verzweiflung über seine drogenbestimmte Lebenssituation.

Vermögensdelikte / Cybercrime

Auch im Jahr 2014 war eine Verlagerung vom klassischen Betrug zum Internetbetrug festzustellen. Die hohe Anzahl von Straftaten, die dabei aus dem Ausland begangen wurden, hatte zur Folge, dass von 326 Fällen des Computerbetrugs nur 40 (75) in die Statistik eingeflossen sind. In direktem Zusammenhang mit der Computerkriminalität standen auch die meisten der 26 Fälle von Geldwäsche, die im vergangenen Jahr bearbeitet wurden. Die Täter wurden dabei als Finanz- oder Warenagenten tätig und erhielten auf ihre Konten Zahlungen von gehackten Onlinekonten oder Waren, die mit missbräuchlich genutzten Daten von Zahlungskarten bezahlt wurden. Anschließend leiteten sie das Geld oder die Waren ins Ausland weiter. Dieser besorgniserregenden Entwicklung will die Kripo Kempten mit sogenannten „Cybercops“ entgegentreten, kündigt der Allgäuer Kripochef Haber an: Ein neu aufgestellter Arbeitsbereich bearbeitet seit Mai vergangenen Jahres Straftaten im Allgäu, wie beispielsweise das Ausspähen von Zahlungskartendaten und sonstiger Daten im elektronischen Zahlungsverkehr im Internet (z.B. Prepaidkarten, Kreditkarten, Voucher) oder das Abgreifen sonstiger personen- bezogener Identifikations- und Zugangsdaten (z.B. durch Schadsoftware, Phisingseiten, E-Mail-Links) sowie Cardingdelikte (Einsatz von durch Ankauf erlangten fremden Kreditkartendaten im elektronischen Zahlungsverkehr). Die Kollegen der Kripo erhalten dabei in diesem Jahr Verstärkung durch einen EDV-Spezialisten, der in einer Sonderlaufbahn extra zum Polizisten ausgebildet wurde.

Wirtschaftskriminalität

Im vergangenen Jahr konnten die kriminalpolizeilichen Ermittlungen bei 10 (14) Wirtschaftsstrafverfahren, beispielsweise Insolvenzdelikten oder Straftaten im Zusammenhang mit Kapitalanlagen jeder Art, abgeschlossen werden. Hierbei ist es nicht ungewöhnlich, dass sich die Ermittlungen über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinziehen und Sachbearbeiter sich fast ausschließlich mit der Bearbeitung eines einzelnen Verfahrens befassen müssen. Zunehmend erschwerend wirken sich in diesem Bereich die immer größer werdenden digitalen Datenmengen aus, die ausgewertet werden müssen.

Öffentlichkeitswirksame Kriminalfälle 2014

Im Treppenhaus eines Hochhauses in Kempten wurde in den Nachtstunden des 27. April 2014 eine junge Frau Opfer eines brutalen Messerangriffes. Nach einer flüchtigen Beziehung kam es zwischen ihr und dem Mann, einem Asylbewerber aus Kempten, zu Streitigkeiten, die in dem blutigen Übergriff endeten. Die Frau, die mehrere Schnitt- und Stichverletzungen erlitten hatte, musste intensivmedizinisch behandelt werden. Der zunächst flüchtige Täter konnte im Laufe des folgenden Tages ermittelt und festgenommen werden.

Mitte des Jahres konnten zwei brutale Räuber überführt und festgenommen werden. Die beiden überfielen im März 2014 einen 49 Jahre alten Kemptener in dessen Wohnung, nötigten diesen, seine Bankkarte und die dazugehörige Geheimzahl herauszugeben, nachdem dieser zuvor gefesselt und geknebelt wurde. Einer der beiden Täter hob mit der Karte an einem Bankautomaten Geld ab, während der andere das Opfer bewachte. Im April 2014 überfielen die beiden einen 52-Jährigen auf einem Radweg bei Pfronten, als dieser mit dem Fahrrad auf dem Heimweg von seiner Arbeitsstelle war. Das Opfer wurde ebenfalls gefesselt und geknebelt und mit einem Elektroschocker traktiert. Auch er wurde dazu genötigt seine Bankkarte und die Geheimzahl preiszugeben, damit einer der Täter Geld abheben konnte, während er vom anderen bewacht wurde.

Im Dezember 2014 konnte die Kripo Kempten zwei Drogenhändler aus Kempten festnehmen und 420 Gramm Kokain sowie einen vierstelligen Geldbetrag, der vermutlich aus den Rauschgiftgeschäften stammt, sicherstellen. Die beiden Täter, ein 58-jähriger italienischer Staatsangehöriger und ein 40-jähriger polnischer Staatsangehöriger, gegen den in der Vergangenheit immer wieder wegen Drogendelikten ermittelt wurde, sitzen seither in Untersuchungshaft. Nachdem sich die Erkenntnisse verdichteten, dass das Kokain aus Polen nach Deutschland geschmuggelt wird, wurden der 40jährige Pole und sein Komplize bei einer Rauschgiftübergabe festgenommen.

Die Kriminalpolizei Kempten hat im Oktober 2014 ein raffiniertes Schneeballsystem entlarvt. Dahinter steckt eine Firma, die in den vergangenen Jahren etliche Anleger mit einem geschätzten Schaden von etwa 23 Millionen Euro betrogen hat. Mindestens 6.000 Anleger sind auf das ausgeklügelte Schneeballsystem hereingefallen. Das Auftreten der Firma war seriös, die die hohen Renditeversprechen von bis zu 100% verlockend. Mit Internet-Werbung sollte in kürzester Zeit viel Geld verdient werden und die Investoren sollten entsprechende Renditen erhalten. Einzelne Anleger haben Summen bis zu 250.000 Euro investiert. Eine logistische Herausforderung stellt die Erhebung der erforderlichen Daten bei den Geschädigten dar. Der Geschäftsführer sitzt in Untersuchungshaft, gegen zwei weitere Geschäftspartner laufen Ermittlungen.

kb

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