"Blutmilch" treibt bäuerliche Landwirtschaft in den Ruin

Demonstrationen, Proteste, Lieferboykott - vielen Milchviehbetrieben steht das Wasser bis zum Hals.

Die einstige Klientel und Hausmacht der konservativen Parteien verweigert die Gefolgschaft. Die Bauern „mucken auf". Seit einigen Jahren machen die Bauern in Deutschland und Europa nicht mehr mit: Demonstrationen, Boykott-Aktionen, Proteste gegen sinkende Erzeugerpreise. Angeführt wurde der „Aufstand" vom BDM, dem Bund Deutscher Milchviehhalter. Die familiäre, bäuerliche Landwirtschaft leidet besonders unter der Talfahrt der Milcherlöse. Eine schonungslose Analyse und Situationsbeschreibung präsentiert der Oberallgäuer Milchbauer Romuald Schaber aus Petersthal mit seinem Buch „Blutmilch". Kein Jammern, wie man es den Bauern häufig nachsagt, vielmehr ein Appell: Bauern, die nicht sterben wollen, müssen aufstehen und kämpfen!

„Ihr werdet eure Heimat nicht mehr wiedererkennen, wenn uns skrupellose Profiteure erst vernichtet haben." Eine warnung, die der Oberallgäuer Bauer Romuald Schaber seinen Betrachtungen und Schlussfolgerungen zur Situation der bäuerlichen Landwirtschaft voranstellt. In klaren Sätzen, in schonungsloser Offenheit und prägnant bringt Schaber seine Bilanz immer wieder auf den Punkt. Bauern sind ein Auslaufmodell, wenn es nach den Agrarpolitikern und Marktstrategen geht. Längst werde daran gearbeitet, den Bauern den Rohstoff Milch aus der Hand zu nehmen, sprich: den Rohstoff noch billiger zu produzieren, ohne die Arbeit der Produzenten, der Bauern, fair und gerecht zu bewerten. „Die Bauern stehen schon mit dem Rücken zur Wand. Die Wand bricht hier und da bereits ein. Das ist der besondere Moment, in dem wir uns befinden", sagt Schaber. In zehn oder zwanzig Jahren werde man zurückblicken und feststellen: Damals hat man die Strukturen so geordnet, dass eine nachhaltige bäuerliche Landwirtschaft erhalten wurde. Oder: Damals hat man die bäuerliche Landwirtschaft strukturell so ausgebremst, dass die freien Bauern gestorben sind und Angestellte von Agrarbetrieben übrig bleiben. Schabers bittere Feststellung: „Was derzeit stirbt, ist nicht die Landwirtschaft, sondern der bäuerliche Familienbetrieb, der überschaubare, tiergemäße Vielseitigkeitsbetrieb." „Der Bauernaufstand unserer Tage findet nicht mit Mistgabeln statt, und er richtet sich nicht gegen Feudalherren", sagt Schaber. „Bauern stehen heute auf, weil sie sich Gedanken gemacht haben und weil sie dieser Gesellschaft etwas zu sagen haben. Über faire Milchpreise und über Fairness überhaupt." Dass es vor allem die Milchbauern sind, die aufstehen habe einen Grund: Milchwirtschaft lasse sich nicht so leicht industrialisieren wie Schweine- oder Geflügelmästerei, so Schaber, der selbst mit Herz und Seele im Oberallgäuer Petersthal einen Milchviehbetrieb führt. „Wer nicht mehr weiß, wie Milch und Kuh, Gebären und Ernährung und Umweltschutz zusammenhängen, der kapiert halt nicht, warum die Milchbauern kämpfen." Es gehe für die Bauern nicht um Gewinnsteigerung, sondern um Verlustminimierung. Wer da sage: Wir wollen einfach nur einen fairen Preis für eine faire Milch, werde von Agrarfachleuten genauso wenig verstanden wir von den Funktionären des Bauernverbandes, stellt Schaber fest. Groß sei die Befürchtung, dass fairer Preis und faire Milch durchaus mit weniger Politik und Funktionärswesen möglich sei. Und mit weniger Profit für Konzerne. Eine Vorstellung, die vor mehr als zwölf Jahren zur Gündung des Bundes Deutscher Milchviehhalter BDM führte. Gründungsmitglied: Romuald Schaber, der sich im Bauernverband nicht mehr vertreten fühlte. Seitdem kämpft Schaber für die faire Milch zu fairem Preis, reist - neben der Arbeit auf dem Hof - nach Berlin und Brüssel, um Überzeugungsarbeit zu leisten bei Agrarpolitikern oder Bundeskanzlerin Merkel. „Das habe ich aus meiner Arbeit für den BDM gelernt: Dass man den Parlamentariern, Wirtschaftswissenschaftlern oder Bundeskanzlerinnen manches gelegentlich wieder erklären muss: die Kuh, die Milch, den Hof, die Bäuerin. Manchmal auch die Familie, die Gesellschaft, in der es sich zu leben lohnt, oder den Weltmarkt." Vielen Abgeordneten, Fachreferenten, Ministern und Sekretären könne er, Schaber, statt der Brüssler oder Berliner Zweitwohnung nur die Feld- und Stallarbeit empfehlen, oder den Traktorsitz statt der Dienstlimousine. „Wir wollen einen Markt, der richtig rechnet, wie ein ordentliches Milchmädchen", beschreibt Romuald Schaber die Ziele des BDM. Staatliche Subventionen könnten in dieser Rechnung nur ein Ungleichgewicht festschreiben, den Vorteil der Konzerne, den Rohstoff Milch zu Spottpreisen zu erhalten, ohne den Produzenten den fairen Erzeugerpreis zukommen zu lassen. Auslöffeln müssten die Suppe letztlich die Milchbauern und der Steuerzahler. Schaber: „Kaputt, manipuliert, verdorben ist der Markt, wenn dauerhaft zu wenig angeboten wird - oder zuviel." Genau das passiere seit Jahrzehnten. „Es ist zuviel Milch auf dem Markt." Die Kunst sei es, ein Gleichgewicht zu erhalten, das beide Seiten gut miteinander leben lasse. Diese Kunst will der BDM zur Politik machen. „Wer nicht kämpft, hat schon verloren", betont der Allgäuer „Milch-Revoluzzer" aus Petersthal. Unter 40 Cent pro Liter sei Milchviehhaltung für die bäuzerlichen Familienbetriebe in unserer Region ein Draufzahlgeschäft. Romuald Schaber, Jahrgang 1957, verheiratet und Vater von fünf Kindern, bewirtschaftet mit seiner Familie im Oberallgöäu einen 35 Hektar großen Grünlandbetrieb mit 40 Milchkühen und Nachzucht. 1998 gründet er den Bundesverband Deutscher Milchviehhalter BDM. Schaber ist zudem Präsident des European Milk Board und vertritt die Rechte von mehr als 100000 Milchbauern in Europa. Blutmilch - Wie die Bauern ums Überleben kämpfen; Romuald Schaber, Pattloch Verlag, 2010, 272 Seiten, 18 Euro; ISBN 978-3-629-02273-8.

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