Braucht es eine Schocktherapie?

Förster Hubert Heinl (rechts) erläuterte die positive Entwicklung im Staatswaldrevier. Foto: Josef Gutsmiedl

In die „Schlussetappe“ gehen die Arbeiten zum „Schalenwildprojekt Oberallgäu“. Im kommenden Jahr will Professor Wolf Schröder das auf die Schalenwild-Situation im Landkreis bezogene Gutachten mit seinen Handlungsempfehlungen für ein „Rotwild-Management“ abschließen und vorstellen. Eine Art Zwischenbilanz der Arbeit zog Schröder bei einem Waldbegang in Balderschwang und Bolsterlang. Fazit: Erfolg bringt offenbar eine „Schocktherapie“.

Waldbegänge, so stellt Professor Wolf Schröder fest, seien wesentlich für die Situationsbeschreibung. Einmal ermöglichten sie eine bessere Kommunikation aller Beteiligten, zum anderen dienten sie als Erfolgskontrolle. Der Jagd komme eine Schlüsselrolle zu bei dem Bemühen, den Wald fit zu machen für seine vielfältigen Funktionen. Erste Station des Waldbeganges war das Staatsjagdrevier Balderschwang / Gunzesried. Hubert Heinl betonte als zuständiger Förster: „ In den Bayerischen Staatsforsten muss die Jagd dem Wald dienen,“ daher gebe es kostengünstige Angebote. „Ein guter Jäger schießt in seinem Pirschbezirk schon mal 20 bis 25 Stück Schalenwild pro Saison. In Balderschwang ist der Verbiss tragbar“, zieht Heinl eine positive Bilanz des Konzeptes. Den Jägern komme es auf den Jagderfolg an, und sie müssten über entsprechende jagdliche Qualitäten verfügen. In der Regel würden sie lokal „rekrutiert“, kennen den Staatsjagdbetrieb und wüssten, was von ihnen erwartet werde, so Hubert Heinl. Der mit den Jägern geschlossene Vertrag ist als Anreiz zur effektiven Jagd gedacht Auch über dem Bergrücken nach Norden zu, auf Gunzesrieder Flur, scheinen sich jagdliche Maßnahmen zu bewähren. Einst war das Tal ein traditioneller Rotwildeinstand; inzwischen sei eine Rotwildkonzentration nicht mehr festzustellen. Intensiv bejagd wurden Reh- und Gamswild bei Drückjagden. Die erwünschte Verjüngung der Tanne sei erfreulich, wie die Förster feststellen. Auch gebe es reichlich Naturverjüngung. Sorge bereiten den Förstern aber die Schäl- und Schlagschäden an Tannen. Förster Heinl stellt mit Blick auf die Waldbilder fest: Es gibt dennoch einen attraktiven Rotwildbestand, der pro Jagdjahr eine Strecke von ein bis zwei Hirschen der Klasse I ermöglicht.“ Im Forstbetrieb Sonthofen sei der „starke Hirsch“ kein Ziel mehr, vielmehr sei es die erfolgreiche Verjüngung des Bergwaldes. Weniger Anlass zur Freude ergab sich im Gemeinschaftsjagdrevier Bolsterlang. Forstliches Ziel ist die Verjüngung in einen standortgemäßen Bergmischwald, erklärte Förster Andreas Fisl die Richtung des Waldumbaus. Diesen Umbau von reiner Fichte zum Bergmischwald bezeichnet Fisl als „eine der schwierigste Aufgaben, die ein Förster kennt“. Seien von waldbaulicher Seite alle Schritte richtig, so Fisl weiter, sei der Wildverbiss der einzige Faktor, der den Voranbau von Tanne und Buche verhindere. „Eine leidvolle Erfahrung, die beim Waldumbau eher die Regel als die Ausnahme ist“, sagte Fisl. Die Förster sind sich einig. „Die Verjüngung muss über die Tanne laufen, will man Stabilität, Wasserschutzfunktion und weitere Anforderungen an den Bestand in Zukunft gewährleisten“, betonen Fisl und Heinl. Eine entscheidende Rolle spielt auch in diesem Gebiet die Jagd. Während das „Filetstück“ mit dem Revier Bolgen jagdlich attraktiv sei, bereite das Gemeinschaftsjagdrevier Bolsterlang Probleme, da es sehr schwer zu bejagen sei, wie Jagdvorstand Manfred Kobler einräumte. Neben dieser besonderen jagdlichen Situation beklagt Kobler auch ein mangelndes Interesse vieler Jagdgenossen an ihrem Wald. Zum Schlüsselproblem der Waldverjüngung - Jagd und Waldumbau unter einen Hut zu bringen - erklärte Wolf Schröder aktuelle Erkenntniss der Forschung. Das System Vegetation - Waldverjüngung - Schalenwild - sei von einer besonderen Dynamik geprägt, die zwei stabile Gleichgewichtsbereiche kenne. In einem Bereich sei die Biomasse der Vegatation gering - aber stark verbissbelastet. In einem anderen Bereich sei die Masse groß und Verbiss hindere die Entwicklung nur unwesentlich - auch nicht bei ähnlich hohem Wildbestand wie im ersten Gleichgewichtsbereich. Schröders Fazit: „Da jeder Gleichgewichtsbereich eine gewisse Stabilität aufweist, gelingt es nur schwer, dem Bereich einer hohen Verbissbelastung zu entkommen. Forschungen zeigen: das System braucht dazu einen Schock!“ Wie ein solcher Schock in der Praxis aussehen kann, sei im Retterschwanger Tal zu beobachten. Nach dem Orkan „Wiebke“ mit massiven flächendeckenden Windwürfen in reinem Fichtenwald habe sich eine „bunte Mischwaldverjüngung“ etabliert. Zusätzliche jagdliche Maßnahmen hätten die Entwicklung gefördert, so Schröder. „Der Schock Wiebke hat aus dem einen Gleichgewichtsbereich geführt.“ Neben diesem Schock an der Vegetation kann auch ein Schockansatz am Schalenwild eine Lösung bringen. Das habe man am Beispiel Balderschwang gesehen, so Schröder. „Dort hat die rasche Absenkung von Reh-, Gams- und auch Rotwild dazu geführt, dem Bereich hoher Verbissbelastung zu entkommen.“ Einen „kombinierten Schock“ hält Schröder übrigens für besonders wirksam: reichliches Pflanzenangebot und ein deutliches Absenken des Wildbestandes. „Richtet man das Handeln an diesen Naturgesetzen aus, wird man Erfolg haben. Geht man von unrichtigen Annahmen zum Systemverhalten aus, bleibt der Erfolg versagte“, betont Professor Schröder. Das erkläre auch, warum ein „bedächtiges Ansenken“ von Schalenwilddichten - die Annäherung von oben an einen vermeintlich tragbaren Zustand - in der Regel nicht funktioniere. „Es braucht den Schock.“

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