Stolpern über die "Spuren im Wald"

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Als „gelungenen Teil der Erinnerungsarbeit“ würdigten Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert (rechts) und Bürgermeister Edgar Rölz (links) die Arbeit von Historiker Markus Naumann (Mitte).

Mit der Aufarbeitung seiner neueren Geschichte ging Fischen im Oberallgäu den Weg der Buchdokumentation. Das Buch „Spuren im Wald“ beleuchtet aus wissenschaftlicher Sicht die Geschichte des KZ-Außenlagers, das in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in Fischen-Langenwang bestand.

Ein Buch, das weit mehr als eine reine Dokumentation sei und die gelebte Erinnerungskultur der Gemeinde zum Ausdruck bringe, wie der Schwäbische Bezirkstagspräsident, Jürgen Reichert bemerkte.

Im Zuge des Jubiläumsjahres „1150 Jahre Fischen“ kam im Jahr 2010 die Idee auf, auch ein weniger erfreuliches Thema aufzugreifen und sich mit der Geschichte des KZ-Außenlagers Fischen zu befassen. Zunächst wurde eine Erinnerungsstele am Wanderweg im Fischinger Weidach aufgestellt – und bald ein möglicher Autor gesucht, der sich mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung dieses Kapitels der Ortsgeschichte befassen könnte. Die Wahl fiel auf den renommierten Allgäuer Historiker Markus Naumann aus Kempten, einen ausgewiesenen Fachmann. „Er hat sich mit großem Aufwand, Akribie und Fachwissen des Themas angenommen“, so Bürgermeister Rölz. „Diese Arbeit wird einen festen Platz in der Heimatgeschichte des Ortes einnehmen.“ Allein schon die Tatsache, dass überraschend viele Bürgerinnen und Bürger der Einladung zur Buchvorstellung gefolgt seien, wertet Rölz als Zeichen von großem Interesse an einem Buch, das ein heikles Thema aufgreife.

Begleitet wurde Naumanns Recherche zum Buch von einer Projektarbeit am Gymnasium Sonthofen, die sich ebenfalls mit dem KZ-Außenlager beschäftigte.

Nur wer sich mit seiner Vergangenheit beschäftige, könne seine Zukunft gestalten, würdigte Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert den Vorstoß der Gemeinde Fischen, sich intensiv mit dem wenig erforschten Teil ihrer Geschichte zu befassen. „Eine wichtige Aufgabe für eine Gemeinde und oftmals schwierig anzugehen.“ Naumann habe das Thema „sehr fundiert“ aufgearbeitet, Tatsachen und Quellen einbezogen, eingeordnet und dokumentiert. „Sie haben eine Form der Erinnerungsarbeit gefunden, die in sich stimmig ist“, so Reichert an den Autor gewandt. Es sei dem Autor gelungen, ein objektives Bild der Zeit und der Menschen zu zeichnen. „Ein spannendes Buch, ein wichtiges Werk.“ Der Bezirk Schwaben hat das Buchprojekt ideel und finanziell unterstützt. Zur Kulturarbeit gehöre es auch, „weniger erfreuliche Themen transparent aufzuarbeiten“, unterstrich Reichert.

„Glauben Sie mir, ich habe genug Zeit in diesem Wald verbracht“, meinte Autor Markus Naumann bei der Buchvorstellung in Fischen. Die Spuren, auf die sich der Titel seines Werkes „Spuren im Wald“ bezögen, seien für Laien kaum noch zu sehen; das Meiste längst mehr oder weniger vom Wald und Gebüsch überwachsen. Offenkundigster Hinweis, dass in diesem Wald „mal was war“, ist die alte Laderampe, die am Waldrand zu erkennen ist.

Naumann: „Die Spuren im Wald sind da und man stolpert gelegentlich darüber...“ Während das KZ Dachau unrühmliche Bekanntheit genießt, ist über das Außenlager in Fischen fast schon „Gras gewachsen“. Bereits 1947 wurde übrigens in einer Pflanzaktion auf dem Lagergelände unbewusst dem Vergessen Vorschub geleistet mit einem „grünen Vorhang, der die Vergangenheit verdecke“, bemerkte Naumann in seinem Werk.

Das Lager im Weidach wurde im Herbst 1944 aus dem Boden gestampft, als Außenlager des KZ Dachau. Es lief bereits die zweite Auslagerungswelle an und viele Rüstungsbetriebe und Zulieferfirmen versuchten, wesentliche Entwicklungs- und Produktionszweige vor den ständigen Bombenangriffen der Alliierten in Sicherheit zu bringen. Zuvor waren etwa BMW und der Flugzeughersteller Messerschmitt aus München und Augsburg in Kleinstädte und Dörfer im Allgäu ausgewichen, etwa nach Kempten, Kottern oder Blaichach. Später waren quasi alle Firmengebäude „interessant“ für die Rüstungsindustrie, die große Hallen und Produktionsflächen abseits der Städte suchte. In Fischen waren es unter anderem die Gebäude der Mechanischen Weberei, die im Sommer 1944 freigemacht wurden, um Platz für die Rüstungsbetriebe zu schaffen.

Als Messerschmitt/Werkzeugbau Kottern nach Fischen auslagerte, stellte sich die Frage der Unterbringungen der ausländischen Zivilarbeiter. Die deutschen Arbeitskräfte sollten in Privatquartieren in Oberstdorf und Umgebung untergebracht werden. Zunächst gab es ein „Lager Badeanstalt“ (beim heutigen Bauhof) für ausländische Zivilarbeiter, bevor das eigentliche Lager im Weidach errichtet war.

Im Außenlager Fischen wurden die Werkzeuge und Werkzeugmaschinen hergestellt, die für die eigentliche Produktion und Endmontage von Jagdflugzeugen wie etwa den „Düsenjäger“ Me 262 gebraucht wurden. In Schwaben gab es gegen Ende des Jahres 1944 rund 250 Zulieferbetriebe der Rüstungsindustrie, so Namanns Bilanz. Die Hälfte davon im Allgäu. Hätten die Alliierten hier gezielt angegriffen, hätten sie weit mehr erreicht als mit der Bombardierung der eigentlichen Produktionsstätten, folgert der Historiker.

Das System der Kriegswirtschaft wurde gespeist aus Zwangsarbeitern und – zunehmend gegen Kriegsende – KZ-Häftlingen. Diese waren billig und wurden vorrangig zu gefährlichen Arbeiten herangezogen. Über 200 KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter waren im November 1944 in Fischen beschäftigt, bewacht von 18 ehemaligen Luftwaffensoldaten, die der Waffen-SS unterstellt waren. Mehr als 250 Häftlinge und Zwangsarbeiter waren nie gleichzeitig in Fischen. Ausgeliehen von der KZ-Verwaltung an Industrie- und Rüstungsbetriebe zu 4 Reichsmark pro Tag und Häftling; Facharbeiter kosteten 6 Mark pro Tag – zu zahlen an die SS. Namentlich bekannt sind 329 Männer. Sie sind allesamt im Buch aufgeführt. Ein Teil der Erinnerungskultur.

„Ganz so harmlos war das doch nicht“, lenkte Markus Naumann den Blick auf die KZ-Realität, die auch im Außenlager Fischen galt. Dass hier keine Erschießungen oder Ermordungen zu verzeichnen seien, schreibt der Historiker dem Umstand zu, dass kranke oder anderweitig arbeitsunfähige Häftlinge kurzerhand in das KZ Dachau zurückgeschickt wurden. Nur ein Kranker starb im Lager in Fischen, aber 33 kamen zurück nach Dachau wo sie innerhalb zweier Monate verstarben. Ebenso zwei österreichische Widerstandskämpfer, die in Dachau hingerichtet wurden.

Was das Gedenken an die Opfer und an das Geschehene und eine Beschäftigung mit der Erinnerung angehe, sei Fischen „eher ein Vorbild“, weil es die Initiative ergriffen habe – sogar im Jubiläumsjahr des Ortes, schloss Markus Naumann.

Das 272-seitige Buch „Spuren im Wald“ von Markus Naumann ist im Likias Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich zum Preis von knapp 25 Euro; ISBN 978-3-9817006-6-4.

Josef Gutsmiedl

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