Vom Leben mit der Kuh

»Milch« gestern, heute – und morgen?

Bergbäuerin Resi Müller streichelt ihre Kuh
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Bergbäuerin Resi Müller weiß, wie wichtig Streicheleinheiten für ihre Kühe sind.

Bad Hindelang – Mit dem Buch „Milch“ stellt der Oberallgäuer Autor und Fotograf Christian Heumader aus Bad Hindelang sein neuestes Werk vor. Die Machart hat Heumader beibehalten: Zeitzeugengespräche, Erinnerungen und Gedanken von Betroffenen, historische Aufnahmen und aktuelle Fotos vom Ist-Zustandes der Berglandwirtschaft im Allgäu. Zum Ausdruck kommt auch im bereits fünften Band der kleinen Reihe des Bergweg-Verlages: Es geht viel verloren an Wissen, Fertigkeiten, Dingen und Traditionen, authentisches Leben. Auch Verwurzelung und Heimat. Bilder und Geschichten um Milch, Kühe, Familien. 

Bilder, die man heute kaum noch wo sieht. Bestenfalls in alten Fotoalben oder in Schuhkartons verstauten Bündeln. Diese „Schätze” hebt Christian Heumader mit fester Regelmäßigkeit. Der Band „Milch” schießt nahtlos an die früheren Bücher Heumaders an, die sich mit der Waldarbeit, dem Handwerk oder der Heuwerbung anno dazumal befassten.

„Die traditionell bäuerliche Arbeit im Familienbetrieb droht auszusterben, verloren zu gehen”, mahnt Heumader und bringt die Zielrichtung seines Werkes auf den Punkt. Dieses „hohe Gut” gelte es zu verteidigen, zu bewahren, mehr noch: „weiterzuführen.” Diese Werte müsse man mehr denn je nach außen zu tragen und ins Bewusstsein der Menschen bringen. Im Oberallgäu mit seiner noch weitgehend kleinstrukturierten Landwirtschaft sieht er zumindest eine Chance dazu.In seinem Buch berichten Allgäuer Bergbäuerinnen und Berg-

Christian Heumader

bauern von der oft mühseligen, harten Arbeit; davon wie es „reicht zum Leben”. Erinnerungen münden in die Hoffnung auf eine Perspektive. „Vieles änderte sich – nur der Milchpreis für die Bauern nicht...”, meint Otto Waibel aus Gunzesried in seinem Beitrag zum neuen Buch.

Milch, die Milcherzeugung prägt seit mehreren Jahrhunderten die Landwirtschaft des Allgäus. Spätestens nach Ende des Flachanbaus und Karl Hirnbeins „Käseoffensive” waren die Milchwirtschaft und die Viehzucht die Hoffnung und die Rettung. Milch und Käse brachten Geld auf die Höfe, da und dort auch Wohlstand.

Zum Überleben reicht es heute längst nicht mehr was eine Landwirtschaft „Modell 1960” mit 10 oder 15 Kühen und einem Dutzend Kälber und Schumpen abwirft. Da der – noch geduldete – Anbindestall, hier der moderne Laufstall. „Die gegenwärtige Subventionspolitik für die Landwirtschaft ist völlig verkehrt! Da ist eine Korrektur dringend notwendig, sonst machen die Kleinen nicht mehr mit”, kritisiert Heumader. „Höchste Eisenbahn für eine politische Lösung.“ Falls sie heute keine Unterstützung und Wertschätzung erhielten, werde es diese Familienbetriebe in 20 Jahren wohl nicht mehr geben, fürchtet Heumader.

Charakterkopf vor der Bergkulisse. So gelassen können die Allgäuer Bergbauern allerdings nicht in die Zukunft schauen.

Anlässlich der Buchvorstellung berichteten vier „Aktive”, die im Buch erzählen, wie sie die Lage der Berglandwirtschaft im Oberallgäu sehen, ihre Lage, ihr Leben mit der Milchkuh.

Das Beste aus der Situation macht zum Beispiel Mathias Martin aus Bolsterlang. Seine Familie bewirtschaftet einen Hof mit rund 15 Milchkühen. Den Dauerstress mit dem „ständigen Rennen” vom Kuhstall zum „richtigen Arbeitsplatz” wollte der gelernte Zimmerer und Senner nicht. Seit einigen Jahren verarbeitet er die Milch zu Käse, den seine Frau Marion im eigenen Hofladen verkauft. Das Geschäft laufe gut und beschere ihm unterm Strich einen 10- bis 12-stündigen Arbeitstag. Und die Befriedigung an der eigenen Arbeit.

Ein klassischer Familienbetrieb ist auch der Bergbauernhof von Fritz und Resi Müller am Stadtrand von Sonthofen. Keine zehn Kühe, aber mit Familienanschluss, betont Bäuerin Resi das „gute Verhältnis” von Tier und Mensch. Streicheleinheiten gebe es reichlich. Wenn Fritz Müller als „Holzer” Geld verdient, kommt es schon mal vor, dass Resl mit dem Motormäher steile Bergwiesen mäht und die Töchter samt Freunden schnell zupacken müssen, damit alles trocken unters Dach kommt. Die Jungen werden wohl weitermachen, vielleicht nicht gerade mit der Milchwirtschaft..., meinen Fritz und Resi, die im Buch „Milch” von ihrem Leben am Berghang, vom Leben mit und von den Kühen berichten.

Ein Leben mit dem Vieh hat auch Alfred Füß verbracht, als langjähriger Alphirte, Tierzuchtberater und Viehkenner im Ostrachtal. Er vergleicht die „moderne Viehhaltung” mit einer Legebatterie für Hühner. „Der Traktor wird gehätschelt, das eigene Vieh meist nicht”, so seine Beobachtung. Den neuen Laufställen kann Füß nicht viel Gutes abgewinnen: Da fehle die Ruhe, die der feste Platz für jedes Tier im Anbindestall biete. Der Laufstall untergrabe nicht zuletzt die Beziehung von Mensch und Tier, so Alfred Füß. Wenn sich ein Rind abwende, wenn der Bauern auf das Tier zugehe, sei das kein gutes Zeichen.

„Milch – Allgäuer Bergbauern und Bergbäuerinnen erzählen” von Christian Heumader; 304 Seiten, zahlreiche Schwarzweiß-Fotos; erhältlich im Buchhandel und beim Bergweg-Verlag unter www.bergwegverlag.de; Preis: 50 Euro.

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