Streit um einen Pfarrer

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Autor Michael Heinrich (Mitte) stellte zusammen mit Siegfried Zengerle (links) vom Verein Allgäuer Bergbauernmuseum und Max Lang vom Amt für Ländliche Entwicklung Schwaben die neue Dorfchronik für Diepolz und Knottenried vor.

Auf die „Zielgerade“ schwenkt die Dorf­erneuerung Diepolz und Knottenried ein. Als ein Symbol für einen „glorreichen Abschluss“ sollte das Projekt einer Dorfchronik für die Ortsteile der ehemaligen beiden Bergstätt-Gemeinden bei Immenstadt das Finale einläuten.

Aus den Überlegungen für eine kleine Broschüre entstand in mehrjähriger Arbeit ein „richtiges Buch“, das die Geschichte der Pfarreien und Ortschaften spannend aufbereitet erzählt.

Eine eher beifällige Bemerkung des Vorsitzenden der Teilnehmergemeinschaft Dorferneuerung Diepolz, Max Lang vom Amt für Ländliche Entwicklung Schwaben ALE, gab offenbar den Anstoß. „Eine Chronik für die beiden Dörfer Diepolz und Knottenried wäre doch schön...“, hatte er mit Blick auf die allmählich zu Ende gehende Dorferneuerung gemeint. „Und wir haben nicht gewusst, auf was wir uns da einlassen“, ergänzt der Vorsitzende des Vereins Allgäuer Bergbauernmuseum, Siegfried Zengerle, bei der Vorstellung des fertigen ersten Chronik-Bandes in Knottenried.

Der erste Band, wohlgemerkt. Angesichts der Vielfalt der Informationen habe man sich bald entschlossen, einen zweiten Band in Angriff zu nehmen, der sich mit dem allgemeinen Dorfleben und der Entwicklung der Bergstättgemeinden befassen werde, so Zengerle.

Die wesentliche Rolle des Autors fiel dem Pfarrer der beiden heutigen Immenstädter Ortsteile zu, Michael Heinrich. „Statt Fernsehabend hieß es dann oft: recherchieren und schreiben“, sagt der Pfarrer und sieht sich in bester Gesellschaft seiner Vorgänger vor zwei oder drei Jahrhunderten. Was und wieviel aufgeschrieben wurde – auch über den eigentlichen klerikalen Bedarf hinaus – oblag in aller Regel den Geistlichen der Pfarrgemeinden. „Sie waren ja oft die Einzigen im Ort, die ordentlich lesen und schreiben konnten“, erklärt der heutige Pfarrer und ergänzt: „Vielleicht hatten sie auch einfach die Zeit dazu...“ Pfarrer Heinrich ist Seelsorger der Pfarreien Stein, Akams, Eckarts, Knottenried, Diepolz und Missen.

Manche Pfarrherrn beschrieben in den kirchlichen Chroniken nicht nur pflichgemäß ihr „Tagesgeschäft“, sondern berichteten mitunter auch über das Leben der Menschen, die geistlichen und weltlichen Herrscher, die Freuden und Sorgen und Nöte der Landbevölkerung. Vieles was heute amüsant erscheint, waren einst ernsthafte Konflikte oder handfeste Streitigkeiten.

Ein Beispiel: Als sich einmal der Pfarrer im Gottesdienst darüber aufgeregt hatte, dass er „keinen gescheiten Kirchenchor“ habe, hatte eine der kritisierten Sängerinnen kurzerhand entgegnet, man habe ja auch „keinen gescheiten Pfarrer“. Ein anderes Mal ging es um die Häufigkeit des Glockenläutens; der Streit wurde erst durch staatlichen Entscheid beendet.

Ganz andere Dimensionen erreichte allerdings der weniger amüsante Streit, den die sogenannte „Conjugation“, also die organisatorische Vereinigung der beiden Pfarreien Diepolz und Knottenried mit sich bringen sollte. Auch wenn genau geregelt war, wie der Pfarrer seine beiden Gemeinden seelsorgerisch zu betreuen hatte, wo an welchen Feiertagen die Messe zelebriert werden musste, gab es ständige Reibereien und gegenseitige Vorwürfe. Ein Kleinkrieg, der mitunter auch aus persönlichen Interessen heraus geschürt wurde.

Der Konflikt gipfelte schließlich in der „Entführung“ des Pfarrers aus Knottenried in den (neuen) Pfarrhof in Diepolz. Zuvor hatte man in Knottenried, wo der Pfarrhof lag, gespottet, als die Diepolzer einen eigenen Pfarrhof errichtet hatten: „Sie bauen einen Käfig und haben keinen Vogel!“ Allein 34 Seiten umfasst dieser „Pfarrkrimi“ in dem 240 Seiten starken Buch. Andererseits berichten die alten Chroniken auch von gemeinsamen Wallfahrten der beiden Orte.

Das Aufwändigste an seiner Arbeit für die neue „richtige“ Chronik seien die Archivrecherchen in Augsburg oder München gewesen. „Da kann man nicht mal schnell eine Stunde dranbleiben“, so Michael Heinrich zu seiner Hauptarbeit an dem Werk in den Jahren 2013 bis 2015. Dann folgten Korrekturen, Layout und Einarbeitung der zahlreichen Fotografien. Gerade die ganz alten Aufzeichnungen und Dokumente seien oftmals schwer zu lesen und zu entziffern gewesen, erinnert sich der Pfarrer weiter. Hier habe ihm sein Vater wertvolle Hilfe erwiesen.

„Aber vieles kommt nie ans Licht, weil es nicht aufgeschrieben wurde“, schließt Pfarrer Michael Heinrich seinen Streifzug durch die neue Chronik ab. „Es gibt viele spannende Geschichten um die Menschen in der Bergstätte“, ermuntert Heinrich zum Schmökern im Buch „St. Blasius und St. Otmar – Vom katholischen Leben in der Bergstätte“.

In dem vorliegenden Werk sieht Max Lang einen „Schatz für zukünftige Generationen“. Vieles bleibe so lebendig und werde nicht vergessen, selbst wenn es keine Zeitzeugen mehr gebe. Auch die Würdigung der Heimatgeschichte sei für ihn ein Stück Dorferneuerung, so Lang. „Ein Fundus für alle, die sich für früher und für heute interessieren.“

Das Amt für Ländlichen Entwicklung steuerte aus dem Etat der Dorferneuerung 5.000 Euro bei zu den Gesamtkosten von rund 17.000 Euro. Weitere 8.000 Euro kamen durch Spenden – nicht zuletzt des Allgäuer Bergbauernmuseums in Diepolz – zusammen. Gedruckt wurden 250 Exemplare der Dorf-Chronik. Das reich bebilderte Buch kann für 20 Euro im Pfarrbüro in Missen erworben werden oder - allerdings erst ab Ostern – im Allgäuer Bergbauernmuseum.

Josef Gutsmiedl

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