Der zweite Lockdown bedroht die Existenz vieler Geschäfte in der Region

Lokaler Handel ist am Limit

Videokonferenz der Händler aus Sonthofen
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Bei einer Online-Konferenz diskutierten die Teilnehmer über die aktuelle Situation und die künftige Entwicklung der Innenstadt mit allen Herausforderungen.

Sonthofen– Der Einzelhandel – nicht nur in Sonthofen – wartet aufs Christkind – und auf Planungssicherheit. In einer Online-Konferenz steckten Verbandsvertreter und Einzelhändler aus den Reihe der Wirtschaftsvereinigung ASS ab, wohin „die Reise“ gehen müsse, falls der zweite Lockdown nicht das Aus für viele Geschäfte einläuten soll. Und: Das Virus und die Pandemie werden nicht einfach weg sein nach dem Lockdown: Es brauche Strategien, wie man mit dem Virus leben könne; mithin Planungssicherheit. Und Druck auf die Politik.

„Es geht für viele darum, über die Monate März, April und Mai zu kommen“, skizziert Andreas Gärtner, Bezirksgeschäftsführer Schwaben bei Handelsverband Bayern, die Situation des Einzelhandels der näheren Zukunft. „Da fehlen momentan die Lösungen.“ Trotz staatlicher Finanzhilfen sei bei vielen Unternehmen die Liquidität erschöpft, der Kreditrahmen ausgereizt. Viele fragten sich, wie sie ihr Geschäft über den Winter bringen sollte. „Es wird eine harte Phase bis in den März und April hinein.“

Und Björn Athmer von der IHK Schwaben ergänzt: „Viele haben während der Sommermonate gedacht, es geht wieder bergauf. Mit dem neuerlichen Lockdown ist es deutlich schlimmer geworden.“

Planungssicherheit und „viel mehr Unterstützung“ wünscht sich Armin Hollweck vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband Oberallgäu, um die „sehr gebeutelte Branche“ wieder auf die Beine zu bringen.

„Es braucht dringend eine politische Unterstützung!“, fordert Toby Hammer, Inhaber eines Sport-Geschäfts in Sonthofen. Eine schöne Weihnachtsdekoration nütze nichts. Patentrezept Online-Handel? Das müsse gut gemacht sein „und kostet Zeit und richtig Geld“. Während die Online-Riesen Milliarden verdienten, sperre die Politik hierzulande die Leute weg, die eigentlich in den Geschäften des Einzelhandels einkaufen sollten, kritisiert Hammer weiter. Ohne Menschen in der Stadt, kein Umsatz. „Es geht nur lokal! Aber dazu brauchen wir die Politik!“ Falls jetzt auch noch die Wintersaison flach falle, sehe er richtig schwarz.

Claudia Merkle (Gobert) ergänzt: „Wer über Amazon und Zalando kauft, stärkt seine eigene Konkurrenz!“ Der stationäre Handel arbeite mit viel Herzblut und trage dazu bei, die Region attraktiv zu halten, gibt Merkle weiter zu bedenken. „Unsere Kunden schätzen das. Es ist ein Plus für die Region.“ Die immer geforderte massive Digitalisierung könne nicht jeder stemmen. „In meinen Augen ist das eher ein Schritt zurück, nicht nach vorne.“ Um wieder Kunden in die Stadt zu bringen, könne man auch an zeitweises Gratisparken denken.

Am Standbein Online-Handel werde kein Weg vorbei führen. „Wer online nicht auffindbar ist, den gibt es nicht“, beschreibt Björn Athmer das Prinzip, die „bittere Wahrheit“. Andererseits gelte es genauso, die Vorteile des stationären Einzelhandels weiter auszuspielen: kompetente Beratung, den persönliche Kundenkontakt im Geschäft.

Am Limit sieht Andrea Stele von „Trachtengwand“ ihr Geschäft. „Was ist, falls eine dritte Welle kommt?“ Auch das Prozedere, um an die Hilfskredite zu kommen, habe seine Tücken. Klar, man halte möglichst lange durch, aber inzwischen lebe man von der Substanz, sei rat- und planlos wie viele andere Einzelhändler auch.

Die Lage sei mehr als kritisch; der Einzelhandel als Kernbranche vitaler Stadtzentren stehe in Folge der Pandemie-Krise vielfach vor der Insolvenz, bringt Andreas Maier von der Wirtschaftsförderung der Stadt Sonthofen seine Einschätzung auf den Punkt. Den Scherbenhaufen habe man vor Ort. Dringender denn je brauche es jetzt „Druck auf die hohe Politik“, um endlich Planungssicherheit zu bekommen.

Und da will Sonthofens Bürgermeister Christian Wilhelm sein Möglichstes tun. „Mir fehlt bislang die politische Debatte.“ Es sei Pflicht der Politik, den Menschen zu sagen wohin die Reise gehe. Es brauche Klarheit. Und was das große Fragezeichen beim Wintersport und dem Tourismus angehe, so Wilhelm, sei „mehr möglich“. Das hätten er und die anderen Bürgermeister im Landkreis Oberallgäu mit einem gemeinsamen Brief an die politisch Verantwortlichen deutlich zum Ausdruck gebracht und appelliert, die Wintersportgebiete zu öffnen. „An den Skiliften findet kein Infektionsgeschehen statt“, so der Bürgermeister. Der Stadtrat habe zudem bereits viele Maßnahmen angestoßen, um den stationären Handel zu unterstützen.

Bloß nicht in eine Art Lockdown-Pingpong verfallen, warnt Dr. Jörg Danzer, Geschäftsführer des Sachverständigenbüros boden-und-grundwasser GmbH in Sonthofen. Besser als der aktuelle Lockdown „light“ wäre ein Lockdown „heavy“ gewesen: „Eine halbherzige Maßnahme.“ Wenn es so weitergehe, sehe er ein Schrecken ohne Ende. Planungssicherheit könne er sich erst vorstellen, wenn man das Virus und das Pandemie-Geschehen in Griff habe. Toby Hammer ergänzt: „Es wird nie weg sein. Wir müssen lernen, damit zu leben.“

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