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Diskussion um Entlohnungssystem der Allgäuer Werkstätten

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Michael Hauke Allgäuer Werkstätten, Bezirksrätin Daniela Busse und Kreisrat Michael Käser
Alle Faktoren berücksichtigen – Michael Hauke (von links), Bezirksrätin Daniela Busse und Kreisrat Michael Käser. © Monika Rohlmann

Allgäu – Immer wieder wird in öffentlichen Debatten die Frage aufgeworfen, ob sich für Menschen mit Behinderung die Arbeit in den entsprechenden Werkstätten überhaupt lohnt. 

Kürzlich rückte der Geschäftsführer der Allgäuer Werkstätten Michael Hauke bei einem Gespräch mit FDP-Bezirksrätin Daniela Busse und FDP-Kreisrat Michael Käser oft falsch vermittelte Zahlen zurecht.

„Es klingt natürlich sehr alarmierend, wenn man hört, dass die Beschäftigten durchschnittlich 206 Euro im Monat verdienen“, gab Hauke zu. Jedoch werde eine solche Schlagzeile der Thematik mit Blick auf die verschiedenen Zusatzleistungen nicht gerecht. Bei den Beträgen handle es sich um Netto-Beträge, die den Beschäftigen mit Behinderung zur freien Verfügung stünden, so Hauke weiter. Davon müssten sie weder Mittagessen, noch Fahrkosten zur Werkstatt zahlen. Auch

sämtliche Sozialversicherungsbeiträge entfielen auf diese Weise und es werde keine Lohnsteuer abgezogen.

Sozial besser gestellt

„Außerdem“, fuhr Hauke fort, „haben Beschäftigte in einer Werkstatt nach 20 Jahren Anspruch auf eine EU-Rente.“ Bei einer Werkstattbeschäftigung mit Grundsicherung bedeute das nach 45 Jahren eine Altersrente von etwa 1 297 Euro. Im Vergleich dazu gebe es bei einem Mindestlohn (35-Stunden-Woche) nach 45 Jahren nur 628 Euro Rente.“

Angesichts dieser Zahlen sei man in den Werkstätten schon „ziemlich nah an einem fairen Entgelt“, resümierte Kreisrat Käser die Ausführungen.

Gemeinsam mit Bezirksrätin Busse wolle er daher auf Landtags- und Bundesebene über dieses System besser aufklären.

Die Bezirksrätin Busse merkte an, man könne die Diskussion um eine Änderung der Entgelte durchaus führen, aber mit Blick auf die Forderung nach einem Mindestlohn in Werkstätten müsse eben auch deutlich werden, dass dann andere Leistungen, die derzeit inkludiert sind, wegfallen würden.

Zufriedene Beschäftigte

Für Aufruhr hatte letztens auch ein Aufruf und Podcast von Lukas Krämer aus Rheinland-Pfalz gesorgt. Hierzu erklärte Michael Hauke: „Unsere Beschäftigten mit Behinderung sind zufrieden. Die Lohnspanne beträgt hier zwischen 230 und 500 Euro für die Fitteren. Wir sind eine Solidargemeinschaft. 25 Prozent der Beschäftigten erwirtschaften dabei etwa 75 Prozent des Umsatzes. Aber wir haben eben noch die Förderstätten und den Bereich Arbeit Plus. Und derjenige, der nur wenig kann, bekommt eben auch einen Grundlohn – und hat die Sicherheit von Kost und Unkündbarkeit oder auch einer späteren Rente. Auf dem freien Arbeitsmarkt wäre das so nicht möglich. Die wenigsten, so Hauke weiter, wollten das „Sicherheitsnetz“, das die Werkstatt bietet, aufgeben.

Dennoch arbeitet die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e. V. an einer Novellierung der Entlohnung. Aktuell werden fünf Optionen überdacht: das Basisgeld, der Mindestlohn, das Oellerspapier, der Status quo – und ein Modell, das gerade von den Bundes- und Landesdelegierten der Werkstätten erarbeitet wird.

Wer soll das bezahlen

Bei einem Lohnwechsel auf die Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns würde das letztlich bei etwa 310 000 Beschäftigten mit Behinderung in Deutschland eine Summe von 6,2 Millionen Euro bedeuten, die durch die öffentliche Hand getragen werden müsste. „Gleichzeitig wäre das Konstrukt der Werkstatt auf seinen „beschützenden Status“ reduziert“, stellte Käser fest.

Offen bliebe allemal die Frage, wie man künftig Aufträge generieren, Häuser Instand halten und notwendige Maschinen kaufen will.

Aktuell werden 70 Prozent des Arbeitsergebnisses als Lohn ausgeschüttet und 30 Prozent in Rücklagen gesteckt – unter anderem, um Lohnfortzahlungen aufrecht erhalten zu können, im Falle dass Aufträge wegbrechen oder ausbleiben sollten.

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