Was macht eine Stadt zur Radstadt?

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Ulrich Gloger (Mitglied der Sonthofer Projektgruppe Netzwerk fahrRAD), Katja Voigt (Moderatorin, Journalistin) und Dorothee Hock (Freie Landschaftsarchitektin in Kassel, Mitglied des Sonthofer Gestaltungsbeirates).

„Wie wird Sont­hofen Radstadt?“ Zu einer Gesprächsrunde unter diesem Motto hatten die Stadt Sont­hofen und der Verein „Baustelle Sonthofen e.V.“ vergangene Woche ins Haus Oberallgäu eingeladen.

Der Verein „Baustelle Sonthofen“ möchte mit vielfältigen Aktionen die Bürger motivieren, sich an der Stadtentwicklung Sonthofens zu beteiligen. „So auch bei der Entwicklung der Radstadt“, erklärte der Vereinsvorsitzende Philip Sodeur. „Denn die Stadt eignet sich sehr gut als Radstadt, da sie kompakt und relativ eben ist.“

Unter der Moderation von Katja Voigt diskutierten Dr. Annette Becker (Kuratorin der Ausstellung „Fahr Rad! Die Rückeroberung der Stadt“ im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt), Dr. Johannes Buhl (Baureferat, zuständig für das Projekt Radstadt in Sonthofen), Dorothee Hock (Freie Landschaftsarchitektin in Kassel, Mitglied des Sonthofer Gestaltungsbeirates) und Ulrich Gloger (Mitglied der Sonthofer Projektgruppe Netzwerk fahrRAD).

Was macht eine Stadt zur Radstadt? Das Radfahren in der Stadt müsste „attraktiv“ sein und die Bürger müssten sich „als Radfahrer sicher“ fühlen, so Dr. Annette Becker. Dorothée Hock berichtete von ihren Erfahrungen in der Radstadt Kopenhagen. Sie sei als „bekennende Nichtradlerin“ dorthin gefahren und dann eine „begeisterte Radlerin“ geworden. In Kopenhagen sei man mit dem Rad mobiler als mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Stadt zu entdecken sei schön und bequem – in Kopenhagen habe sie „freie Fahrt“ mit dem Rad gehabt.

„Wie radelt es sich in Sonthofen?“, wollte Katja Voigt von Ulrich Gloger wissen. Es sei befriedigend. „Es könnte aber was Großartiges werden.“ so Gloger.

Eine Radstadt bringe Lebensqualität, meinte Dr. Johannes Buhl. Es sei ein „wichtiges touristisches Konzept für eine Region, der der Schnee ausgeht.“ Sonthofen eigne sich dafür, weil, wie der neue Imagefilm aufzeige, in Sonthofen alles innerhalb von fünf Minuten erreichbar sei.

Rückeroberung der Stadt – was ist damit gemeint? Wenn die Radwege in einer Stadt angenommen würden, dann wäre der öffentliche Raum aufgeräumt. Alle hätten dann ihren Raum: Busse, Bahnen, Autos, Radler, Fußgänger, Rollstuhlfahrer und Senioren mit Rollatoren. Dies erfordere aber eine gute Zusammenarbeit aller planerischen Disziplinen wie Städteplaner, Verkehrsplaner, Architekten und Landschaftsarchitekten, erläuterte Dr. Annette Becker. Die Stadt könne im Rahmen ihrer Weiterentwicklung bei der Mobilität einen bunten Mix aus Auto, Bus und Bahn ins Auge fassen.

Was kann Sonthofen tun? Es müsse ein grundsätzliches Umdenken stattfinden, so Ulrich Gloger, im Zentrum sollte es so wenig Autos wie möglich geben. Die Gäste sollten auf P&R-Plätzen am Stadtrand parken. Welche Rolle spielt dabei der Aspekt der Gestaltung? Die Radinfrastruktur müsste einladend und schön sein. Die Radler müssten sich auf den Wegen wohl und sicher fühlen – weg mit den lästigen Hindernissen. „Es muss ein klares, intuitives zusammenhängendes Radwegesystem geben“, so Dorothee Hock, „weniger mit Insellösungen und Schildern arbeiten.“ Ein Radverkehrskonzept müsse schön und nicht nur funktional sein, so Dr. Buhl. Er hätte gerne durchgehende Radwege, besonders auf den Hauptachsen. Auf die Schnelle könne das Konzept aber nicht umgesetzt werden. Vorrangig sei momentan, die Schwachstellen zu beseitigen und die Schulradwege von 0,8 m auf 1,5 m zu verbreitern.

Wie kann das Umsatteln vom Auto aufs Rad gelingen? Es sei eine Frage der Bequemlichkeit, so Dr. Becker. So müsste Einkaufen und Arztbesuch ohne Auto attraktiver sein. Radfahren müsste bequemer sein und nicht nur vernünftiger. Dazu brauche es aber einen guten ÖPNV und eine gute Radinfrastruktur.

Braucht Sonthofen eine autofreie Innenstadt? Wir müssen für den Radverkehr an manchen Straßen Parkplätze wegnehmen und in engen Straßen 30er-Zonen einrichten. „So wird in der Marktstraße ein verkehrsberuhigter Geschäftsbereich installiert werden“, führte Dr. Buhl aus.

Wie kann die Bevölkerung mitgenommen werden? Gloger: An das Gewissen appellieren. Dr. Buhl: Beim Netzwerk fahrRAD mitmachen. Das Thema sei bei den Bürgern schon angekommen.

Bei der anschließenden offenen Fragerunde wurden von mehreren Bürgern Infrastrukturschwachstellen vorgebracht, wie z.B. im Zuge der Nord-Süd-Achse (Schillerstraße). Dr. Buhl erläuterte, dass der Bau einer Fahrradstraße ein Aussperren von Autos zur Folge habe. Ersatzparkflächen und Winterdienst seien weitere Probleme. Es müssten immer wieder Kompromisse gesucht werden.

Gabriele Sodeur regte den Bau einer „Radtiefgarage“ an. Ulrich Gloger erinnerte, dass eine Radabstellanlage am Bahnhofsvorplatz vorgesehen sei. Dorothee Hock ergänzte, dass solche Anlagen an allen wichtigen Plätzen sinnvoll wären. Hans Georg Mors regte eine Überarbeitung der Stellplatzsatzung an. Bei den meisten Mehrfamilienhäusern gebe es zu wenig Fahrradstellplätze und so gut wie keine überdachten. Fahrradfahren beginne zuhause mit dem bequemen und sichern Abstellen der Räder.

Ulrike Schaich regte an, in der Marktanger-Tiefgarage Fahrradstellplätze anzubieten für das Überwintern von Lastenfahrrädern und E-Bikes. „Gute Idee!“ lobte Dr. Buhl. „Das hat was!“

Hans Ehrenfeld

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