Vorderburg: Mit Ideenreichtum, Optimismus und guten Nerven zum neuen "Hirsch"

Ein ganzes Dorf packt mit an

Dorfgemeinschaft Vorderburg hat gemeinsam den Gasthof Hirsch renoviert

Rettenberg-Vorderburg – Mit Ideenreichtum, Optimismus, guten Nerven und voller Tatkraft hat es die „Dorfgemeinschaft Vorderburg e.V.“ geschafft, den altehrwürdigen Gasthof „Hirsch“ zu erhalten. Am Donnerstag, 25. Mai, findet die große Eröffnungsfeier statt.

Als im Herbst 2014 im Busch getrommelt wurde, dass Vorderburg seine letzte Dorfwirtschaft, den „Hirsch“, verlieren sollte, war die Entrüstung groß. Ein Dorf ohne Wirtshaus, dass „kann doch nicht sein. Da müssen wir was machen“, erinnert sich Bernhard Weißenbach an seine erste Reaktion auf die Nachricht.

Eine kleine Gruppe von zwölf Ambitionierten fand sich schnell, fackelte nicht lange und machte sich schlau, wie man den „Hirsch“ retten könne. So entstand die Projektgruppe unter dem gleichnamigen Arbeitstitel „Rettet den Hirsch“. Eine wichtige Informationsquelle fand sich in einem ähnlichen Projekt in Altenau bei Garmisch. Bei einem Ortstermin dort im November ging es hauptsächlich darum, den Projektablauf zu studieren und die Erfahrungen abzufragen, denn die Arbeiten dort waren bereits abgeschlossen.

Voller Rückhalt im Dorf

Fast das ganze folgende Jahr verbrachte das Team mit recherchieren, sich informieren, planen und vor allem besprechen. Eine der wichtigsten Fragen, war nach dem – vor allem auch finanziellen – Rückhalt aus dem 500-Einwohnergemeinde. Um das zu erfahren, griff das Team zu einem kreativen Kniff: Sie veranstalteten einen Infoabend und boten jedem die Möglichkeit Bausteine – eigentlich private Darlehen – im Gegenwert von 1000 Euro zu zeichnen. Sie setzten eine Frist von einer Woche. Obwohl die allgemeine Resonanz auf das Vorhaben von Beginn an positiv war, überraschte das Ergebnis von 204 verbindlich zugesagten Bausteinen. „Bei 150 lag unsere Richtschnur. Erwartet haben wir 100. Ich hab die anderen dann raten lassen. Viermal lagen sie daneben“, erzählt Huberta Wiedemann von der „Stimm­auszählung“ immer noch amüsiert. Es war damit schon beinahe die Hälfte der kalkulierten Kosten von 450 000 Euro gesichert. Mit diesem Rückhalt trat das Projekt in die zweite, die „Jetzt-kann’s-wirklich-losgehen-Phase“ und das Team gründete am 29. Dezember 2014 den Verein „Dorfgemeinschaft Vorderburg e.V.“ (DGV). Bernhard Weißenbach, Mann der ersten Stunde, übernahm den ersten Vorsitz; an seiner Seite Huberta Wiedemann als zweite Vorsitzende, die als Dritte Bürgermeisterin von Rettenberg wertvolle Verbindungen in den Gemeinderat mit an den Tisch brachte. Für eine straffe Organisation entstand der Bauausschuss und am 5. März 2016 begannen die ungeduldigen Vorderburger endlich mit der Arbeit.

Die erste Zeit verbrachte das Team mit Entrümpeln, so wurde beispielsweise das komplette Dachgeschoss entkernt. Weitere Räume und Stockwerke folgten. So wurde unter anderem die Treppe ins Dachgeschoss abgerissen und verlegt sowie die Fläche der Bühne durch das Versetzen der Rückwand vergrößert. „Damit die Musik besser Platz hat“, erklärt Weißenbach, der auch Vorsitzender der Musikkapelle Vorderburg ist. Als größte Herausforderung erwies sich die Fassadengestaltung. Wo genau und wie viel sollte der Holzanteil an der Fassade sein? Schindeln und/oder Bretter? Natur oder bemalt? Das waren die umstrittensten und mit drei Anläufen langwierigsten Entscheidungen des ganzen Projektes. Am Ende gab es Schindeln und zwar 70 328 davon, die innerhalb von drei Monaten angebracht wurden.

Alle packen mit an

Der Projektablauf war eine Mischung aus Umsetzen und Entscheiden; natürlich mit einem Masterplan im Hintergrund. Dadurch erhielt sich das Team Flexibilität und konnten kurzfristig auf Probleme reagieren. Schnell ergaben sich ein System und ein Zeitplan für die Arbeitsorganisation. Das Vorstandsduo repräsentiert dabei zwei wichtigen Komponenten des Projektes: die Koordination der Arbeit und die Versorgung der Arbeiter. In Zeiten von Smartphone und WhatsApp ging das relativ flink und unkompliziert. Während Weißenbach, von Beruf Maschinenbautechniker, die einzelnen Gewerke und Arbeiten koordiniert, tat dies Wiedemann, gestandene Hausfrau, für die Versorgung der vielen Helfer auf der Baustelle. „Ich hatte vorher gar kein Handy,“ gibt Weißenbach zu. Für das Projekt sei es aber von enormem Vorteil gewesen. Dem stimmt seine Vorstandskollegin zu. „Ich habe die Versorgung mit Essen und Getränken, Kaffee und Kuchen über eine WhatsApp-Gruppe gemanagt. Ich schrieb, wir brauchen soundso viele Kuchen und soundso viele Kannen Kaffee und in kurzer Zeit kamen die Rückmeldungen und die Sache lief.“ Dass die fleißigen Hände auf eine Stärkung verzichten mussten, kam eigentlich nicht vor. „Dann gab’s halt Wurstsemmeln“, war die simp­le Antwort.

Genauso unkompliziert wurde auch am Bau gearbeitet. Vor allem konnte man für die verschiedenen Gewerke auf im Dorf selbst ansässige Betriebe und Fachleute bauen, die jeweils mit Rat und Tat zur Seite standen. So dass die Baukosten eigentlich nur Materialkosten waren. Jeder der etwas machen wollte, konnte sich einbringen, jeden Dienstag wurde der Arbeitsplan fürs Wochenende besprochen; von Freitag Nachmittag bis Samstag Abend herrschte reger Betrieb auf der Baustelle. Donnerstag war der Tag der Frauen. Sie übernahmen „leichte“ Arbeiten wie Spachteln, Malern oder Putzen. Die Dorfgemeinschaft konnte auch auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie beim Neubau des Vereinshauses gesammelt hatte.

Die Dorfgemeinschaft wächst zusammen

Beide Vorsitzende betonen das Zusammenwachsen der Dorfgemeinschaft vor allem über die Generationen hinweg. „Da standen der Rentner und der Teenager nebeneinander auf dem Gerüst und arbeiteten gemeinsam. Es war eigentlich auch ein soziales Projekt“, stellt Wiedemann fest. Beide sehen in der Größe der Gemeinde den Hauptgrund, warum das Vorhaben überhaupt und nahezu reibungslos gelingen konnte. Das Bauprojekt inspirierte die Vorderburgerin Hedwig Roth sogar zu einem eigenen DGV-Song.

Für die Darlehenstilgung setzte der DGV auf die Möglichkeit, langfristig vom Wirthausbetrieb unabhängige Einnahmen zu generieren. So fügte es sich beispielsweise günstig, dass der kleine Dorfladen geschlossen werden sollte, dem man im Hirsch eine neue Heimat anbot. Auch der Einbau von vier Gästezimmern im Dachgeschoss soll dem neuen Hirschpächter als Einnahmequelle dienen.

Bei aller guten Planung und ausgiebiger Vorarbeit brach auch dieses Bauprojekt etwas aus seinem finanziellen Rahmen aus. Jedoch anders als Berlin oder das nahe Kempten fand sich schnell eine kreative Lösung für das Problem: Für die noch offenen 22 000 Euro wurde die Stuhl-Aktion geboren. „Jeder kann sich für 150 Euro einen Stuhl kaufen und in die Lehne etwas eingravieren lassen“, erzählt Weißenbach. Aber „auch wenn’s der eigene Name ist, er gehört ihm nicht“, ergänzt er lächelnd.

Endlich fertig

An Christi Himmelfahrt, Donnerstag, 25. Mai, feiert die DGV nach zweieinhalb Jahren und 20 000 ehrenamtlich geleisteten Stunden die offizielle Einweihung des neuen, alten Dorfgasthofs „Hirsch“. Mit einer kleinen Auswahl an Vorspeisen, zum Beispiel Lachshäppchen in Bärlauchsoße, stellt sich auch der neue Hirsch-Wirt, Andi Moldenhauer, vor. Die Küche des Gasthauses bleibt an diesem Tag jedoch kalt. Die DGV lädt stattdessen zu einer Besichtigungstour in den Gasthof ein und zeigt, was man mit Ideenreichtum, Optimismus, starken Nerven und einer guten Gemeinschaft alles auf die Beine stellen kann.

Zeitplan:

Am Donnerstag, 25. Mai, findet die offizielle Einweihungsfeier des Wirtshauses Hirsch in Vorderburg statt. 

– 9.30 Uhr: Gottesdienst 

– 10.30 Uhr: Einweihung 

– ab 11 Uhr: Frühschoppen im Festzelt mit Spanferkel 

– 14 Uhr: Trio SBS

Yvonne Hettich

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