Zur Willkommenskultur gehören auch menschenwürdige Unterkünfte

Herbergssuche im Oberallgäu

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Die Stadt Sonthofen und das Landratsamt wenden sich in einem dringenden Appell an die Wohnungseigentümer, Wohnungen an Flüchtlinge zu vermieten.

„Ob man in Aleppo oder in Sonthofen auf die Welt kommt, ist reiner Zufall. Ist es Aleppo, befindet man sich am derzeit vielleicht dunkelsten Fleck der Erde. Seit dreieinhalb Jahre setzt das Assad-Regime auf maximale Grausamkeit. Täglich werden Fassbomben auf Wohngebiete abgeworfen. Auf Hausdächern liegen gelangweilte Scharfschützen, die sich einen Sport daraus machen, auf bestimmte Körperteile zu schießen. Heute der Kopf, morgen der Bauch. Bislang starben etwa 200.000 Syrer, der Großteil davon Zivilisten. Ein gewaltiger Exodus von 9,3 Millionen syrischen Flüchtlingen findet derzeit statt. Aber auch in Nigeria, Afghanistan im Kongo oder dem Irak ist es momentan alles andere als beschaulich.

Dass wir uns als eines der reichsten Länder der Erde der Flüchtlinge annehmen müssen, das haben die Oberallgäuer längst verstanden. Der „Runde Tisch Asyl“ traf sich in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal in der Freiwilligenagentur in Sonthofen. Zahlreiche Ehrenamtliche unterstützen die Flüchtlinge bei Behördengängen, Möbelbeschaffung, Arztbesuchen und Sprachunterricht. Auch die Vereine heißen die Flüchtlinge willkommen. Sogar eine Fahrradwerkstatt wurde auf Initiative von Katrin Stierle an der Mittelschule eingerichtet, wo Schüler mit den Asylbewerbern zusammen Fahrräder reparieren.

Nur die Herbergssuche bereitet kolossales Kopfzerbrechen. Vor allem wegen des Krieges in Syrien erleben wir gerade einen Flüchtlingsansturm wie seit 20 Jahren nicht mehr. Günter Zeller, Leiter des Sozialamtes, der fieberhaft nach Unterkünften sucht, berichtete, dass die letzten vier Plätze gerade vergeben wurden. „Für die nächsten Flüchtlinge, die ankommen, haben wir keine Behausung mehr. Wir müssen jetzt an die Unterbringung in Turnhallen denken.“ Die Grüntenkaserne, um die man sich derzeit bemühe, sei kurzfristig nicht verfügbar, betonte Bürgermeister Christian Wilhelm.

Ein Problem sei die Fehlbelegungsquote von derzeit etwa 50 Flüchtlingen, so Zeller. Diesen Fehlbelegern wurde die Flüchtlingseigenschaft bereits zuerkannt und somit könnten sie aus den Erstunterkünften ausziehen. Dann gäbe es wieder Platz für nachrückende Flüchtlinge. Nur: Sie finden nichts auf dem freien Wohnungsmarkt. Es scheint Ängste seitens der Vermieter zu geben, Wohnungen an Flüchtlinge zu vermieten. Völlig unbegründet, wie alle Ehrenamtliche betonten. Wir haben es mit ausnehmend angenehmen Zeitgenossen zu tun, so die einhellige Meinung. Die Mietsicherheit ist durch die Leistungen des Staates gegeben. Hier sei der Wille gefragt, konstatierte Wilhelm. Sowohl er als auch Zeller appellieren eindringlich an die Vermieter, ihre Wohnungen an Flüchtlinge zu vermieten.

Es ist gerade mal 70 Jahre her, da war halb Europa auf der Flucht, und die Deutschen fanden im Ausland Zuflucht. Auch die Flüchtlinge heute kommen aus der Hölle des Krieges und müssen häufig die lebensgefährliche Überfahrt über das Mittelmeer in schiffbrüchigen Kähnen auf sich nehmen. Allein in den letzten 1,5 Jahren sind laut Schätzungen des UNHCR 23.000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. „Ich kann mich daran nicht gewöhnen. Niemand in Europa sollte sich daran gewöhnen“, sagte Bundespräsident Gauck im Juni in einer Grundsatzrede zur europäischen Flüchtlingspolitik. Nach all diesen entsetzlichen Erlebnissen wollen die Flüchtlinge nur eines: Einen friedlichen Flecken auf dieser Erde. Es ist an uns, für diesen zu sorgen.“

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