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Ehemaliger Kohl-Berater Horst Teltschik erläutert Vorgeschichte des Ukraine-Krieges

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Von: Josef Gutsmiedl

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Prof. Horst Teltschik, Mechthilde Wittmann, Thomas Kreuzer
Prof. Horst Teltschik (von links) sprach auf Einladung der CSU-Bundestagsabgeordneten Mechthilde Wittmann und CSU-Fraktions­chef im Landtag, Thomas Kreuzer, über die Vorgeschichte des Ukraine-Krieges. © Josef Gutsmiedl

Oberallgäu – Hintergründe des aktuellen Kriegs in der Ukraine beleuchtete der langjährige enge Vertraute Helmut Kohls, Prof. Horst Teltschik, im Rahmen einer Veranstaltung der Oberallgäuer CSU in Sonthofen.

Putins Streitkräfte seien „nicht einfach so“ in die Ukraine einmarschiert in ihrem Angriffskrieg. Vielmehr, so Teltschiks Schlussfolgerung, reagiere Putin auf eine Reihe von eklatanten Versäumnissen der Europäischen Union, der Nato und der westlichen Diplomatie, und wolle die weitere Erosion der einstigen Weltmacht Sowjetunion und ihres Nachfolgegebildes in Form der Russischen Föderation stoppen.

Experte der Ostpolitik

Horst Teltschik war während der Kanzlerschaft Helmut Kohls eine zentrale Figur der deutschen Außenpolitik. Als Anstoßgeber nahm er 1989/90 entscheidenden Einfluss. Er wurde zeitweise sogar als „Nebenaußenminister“ bezeichnet. Von 1999 bis 2008 leitete er die Münchner Sicherheitskonferenz. In Fragen der Ostpolitik ist Teltschik eine Koryphäe und kann aufgrund seines Wissens aus der Vergangenheit die aktuellen Probleme und Zusammenhänge in Bezug auf die Ukraine und den Angriffskrieg Russlands bestens erläutern.

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen, und die Zukunft nicht gestalten.“ Mit diesem Zitat Helmut Kohls läutete Prof. Horst Teltschik seinen Exkurs in die entscheidenden Jahre um die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung ein. Eine Zeitenwende von der man heute oft spreche, habe es damals schon gegeben, eine Neuorientierung nach den Jahren des Kalten Krieges.

Teltschik erkennt allerdings viele Versäumnisse in einer Zeit der Chancen. Man habe damals viel von europäischer Integration gesprochen, von Führungsrollen innerhalb der EU, von einer neuen, gemeinsamen Sicherheitspolitik. „Keiner hat es weiter verfolgt...“, so Teltschiks Kritik. Die Nato „sammelte“ quasi die Staaten des ehemaligen Ostblocks ein, ohne Russlands Sichtweise und Interessen zur Kenntnis zu nehmen, ohne die Bedenken aufzugreifen.

Russland isoliert

Im Gegenteil: Man habe Russland mehr oder weniger allein gelassen – mit ungeheuren Möglichkeiten zwar, aber ohne echte Unterstützung durch Experten und Expertise. „Haben wir alles getan, um Russland zu helfen?“ stellte der Kohl-Vertraute die Frage. Und: „Viele Ziele wurden benannt; die Instrumente, sie zu erreichen wurden geschaffen – aber genutzt wurden sie nicht.“ Es fehlte offenbar an Persönlichkeiten, die diese Themen zu ihrem persönlichen Anliegen machten und dafür kämpften, so Teltschiks bittere Erkenntnis. Teltschik erinnerte an Putins Geschichtsverständnis: Er wolle im Konzert der Weltmächte mitspielen, an die einstige Großmacht Sowjetunion anknüpfen.

Putin sei nun einmal nicht von besonders großer Statur. „Gerade kleine Menschen sind oft besonders ehrgeizig“, weiß Teltschik. „Putin fühlte sich ständig, wenn nicht missachtet, so doch nicht verstanden und nicht beachtet.“ Wie habe der ehemalige US-Präsident öffentlich sagen können, Russland sei ein schwaches Land? Teltschik: „Er hatte Recht, aber er darf es nicht sagen.“ Ohne jede Legitimation seien die USA in Afghanistan, den Irak und Libyen eingefallen nach dem Motto: Wenn‘s uns nicht mehr passt, intervenieren wir.

„Putin wird nicht mit einer Niederlage aufhören“

„Putin wird nicht mit einer Niederlage aufhören“, meint Teltschik und kommt auf den Brennpunkt Ukraine zurück. „Eher das Gegenteil.“ Der russische Präsident habe die Vorbilder Peter den Großen und Stalin. „Keiner weiß, was er will, keiner wohin es geht.“ Für Putin sei die Auflösung der Sowjetunion „das größte geopolitische Unglück“. Ihn plage die Sorge, dass der Erosionsprozess weiter gehe und Russland in die Bedeutungslosigkeit abrutsche.

Auch die neue Nähe Russlands zu China sei, ebenso wie die Annäherung Chinas und Indiens mit Problemen behaftet, wegen alter Grenzstreitigkeiten.

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