Einfach zum Rauswerfen

Deutschland ist ein „Spieleland". Jedenfalls finden in unserem Land mehr Menschen in der Runde bei „Gesellschaftsspiele" zusammen als anderswo, stellt der Sonthofener Mike Messner fest. Und er muss es wissen, ist er doch als selbständiger Spieleerfinder oft genug auf Spielwarenmessen, Treffen von anderen Spieletüftlern und Börsen, wo neue Spiele vorgestellt und getestet werden. Spielen sei ein Urtrieb des Menschen, eine wahre Leidenschaft... Eine Leidenschaft, die den Oberallgäuer seit langem umtreibt, und antreibt.

Der „Spielsucht" verfallen: Mike Messner sieht sich nicht als den typischen Spieler an, der an Automaten sein Glück immer wieder versucht, oder in Spielcasino das Geld durchbringt. Mike Messner versteht sich als Künstler. "Ein Stück weit sind die Spielkreationen Kunstwerke", meint er. Tatsächlich, so erklärt der 48-jährige Heilpraktiker aus Sonthofen im Oberallgäu, entstehe ein Spiel in seiner "Werkstatt" ähnlich wie ein Kunstwerk in einem Atelier: Zunächst eine (fixe) Idee, ein zündender Einfall. Dann eine Phase, in der die Idee nach und nach Formen annehme, mit verschiedenen Gestaltungen und Entwürfen. Allmählich kristallisiert sich dabei heraus, was sich unterbringen lässt in der „Schachtel" aus Spielplan, Thematik, Figuren... und Fantasie. Ein Spiel mit dem Spiel. Mensch ärgere dich nicht. Der Klassiker unter den Brettspielen in Deutschland ist für Messner eine Art Fundament für seine eigenen Entwicklungen. „Dieses jetzt genau 100 Jahre alte Spiel vereint alles, was ein gutes Spiel in meinen Augen ausmacht", lobt Mike Messner die überzeugende Idee, die Josef Friedrich Schmidt im Jahr 1910 als Spiel auf den Markt brachte. Allerdings mit zunächst mäßigem Erfolg. Erst als er das Brettspiel im Ersten Weltkrieg in Lazaretten verschenkte, wurde das neue Gesellschaftsspiel allmählich populär und nach dem Krieg zu einem Renner: Schmidt verkaufte bis 1920 rund eine Million mal sein „Mensch ärgere dich nicht" zum Preis von 35 Reichspfennig pro Spiel. Ein neues Spiel hatte die Küchen und Wohnstuben eines Landes erobert. Von einem solchen Siegeszug eines neuen Gesellschaftsspiel aus seiner kleinen Spieleschmiede träumt Mike Messner nicht. Aber er träumt von seinen Spiel-Kunstwerken. „Dann wache ich auf und muss diese neue Eingebung festhalten", erzählt er. Seine Frau schicke ihn dann aus dem Schlafzimmer...ins Spielzimmer. Dieser kleine Arbeitsraum im Haus ist allerdings ein richtiges Atelier. Hier entwickelt Messner seine Spielideen, tüftelt an Details und feilt an seinen kleinen Kunstwerken. Regale voller mannigfaltiger Spielutensilien zeigen, dass hier experimentiert wird. Muss es ein Würfel mit den klassischen sechs Flächen sein? Oder wäre diesmal ein achtseitiger Würfel besser? Mit Punkten oder mit unterschiedlichen Farben? Die Grundidee des Mensch ärgere dich nicht, hält Messner für bestechend: Einfache Regeln, schnell zu spielen, überschaubarer Spielplan, man kann sich mit Mitspielern verbünden, eine Strategie verfolgen - und mit dem Würfeln für das nötige Quäntchen Glück sorgen. „Mehr braucht ein gutes Spiel, das für alle Altersgruppen gleichermaßen geeignet ist, nicht", bringt der Spieletüftler seine Philosophie auf den Punkt. Er wolle ja die Familie an einen Tisch bringen auf unterhaltsame Art. „Meine Spiele lassen sich wie Mensch ärgere dich nicht schnell zwischen Abendessen und Tagesschau und Abendfilm unterbringen", sagt er. Und bei 25 Euro sei für ihn die „Schmerzgrenze“ was den Preis für ein Spiel dieser Kategorie angeht. Die Spiele mit langwierigen Abläufen, komplizierten Verwicklungen und dicken Anleitungen überlässt er den Profis, die für die großen Spieleverlage arbeiten. Sein Konzept der alterslosen Einfachheit und künstlerischen Freiheit dagegen will er sich nicht nehmen lassen und bringt seine Kunstwerke im Selbstverlag unters Volk. Und er steckt viel Herzblut in seine Werke. Brettgestaltung, Figuren, Anleitungen sind für den Sonthofener eine Spielwiese der Kreativität. Da wird aus dem alt bekannten Spielplan des Mensch ärgere dich nicht ein Meer, auf dem Piraten lauern, die einen „überfallen“. Die Spielfiguren sind dann keine simplen Männchen mehr, sondern kleine Schiffe – und der Würfel wird zum „Herr der Winde“. Beim Hexenspiel hat Messner die Spielanleitung in eine kleine Geschichte gepackt. „Eigentlich hat die Story meine Tochter Lisa entwickelt und geschrieben“, räumt er die Schützenhilfe ein. Die 16-Jährige habe Talent für so was. „Das Einfache zu erfinden, ist das Schwierigste was es gibt“, weiß Messner aus jahrelanger Erfindererfahrung. Einfach, aber dennoch reizvoll, soll ein gutes Familienspiel sein. Einen „Wurf“ landete der Spieletüftler vor einigen Jahren mit dem „SkiSprungSpiel“, eine Version des guten alten Mensch ärgere Dich nicht, zugespitzt auf die Wintersportart Skispringen. Immerhin hat Messner im nahen Oberstdorf die richtigen Schanzen zum Greifen nah. Die Würfel beeinflussen im Spiel die Anlauflänge, Ereigniskarten variieren die Landung, und Wertungsnoten der Punkterichter gibt es auch. Wenn das neue Spiel in seiner prinzipiellen Struktur „steht“, kommt es auf den Prüfstand im Kreis der Familie, bei Freunden und Bekannten. Diese Testspieler müssten dann auch ehrlich ihre Meinung sagen oder Änderungen vorschlagen. Sollte dieser Kreis noch da und dort Rücksicht zeigen, so weiß Messner, seien die Erfinderkollegen in ihrer Kritik „gnadenlos“. Dann werde – wie beim richtigen Mensch ärgere Dich nicht – rausgeworfen...

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