Kleine Geschichte der Textilindustrie im Oberallgäu

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Das kleine Turbinenhaus und das Schaustück einer Antriebswelle ist ein Platzhalter und das einzige was von der größten Weberei in Sonthofen erhalten geblieben ist, denn sogar der ehemalige Standort am Ostrachkanal ist mittlerweile hochwassertechnisch verbaut.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verdienten große Teile der Bevölkerung des Oberallgäus ihren Lebensunterhalt hauptsächlich in der Landwirtschaft, in der Textilindustrie und in der Eisenverarbeitung. Die Industrialisierung hatte das Allgäu verändert.

Die Textilindustrie im oberen Illertal schwamm auf der Welle der Industrialisierung des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit. Sie konnte von den in der Region verfügbaren Arbeitskräften vor allem aus der Landwirtschaft profitieren und brachte zum ersten Mal einen nennenswerten Wohlstand in die Region.

Für die Textilbetriebe konnten vor allem unverheiratete Mädchen, die einen geringeren Lohn forderten als ihre männlichen Kollegen, wegen ihrer Vorkenntnisse aus der Jahrhunderte alten „Tradition“ der Flachsverarbeitung schnell auf maschinelle Fertigung umgelernt werden. Der größte Nebenbuhler um diese Arbeiterinnen war der Tourismus, was bald den Anstieg der Löhne in der Textilbranche zur Folge hatte. Genau dies relativierte allerdings den anfänglichen Vorteil, den die Oberallgäuer Unternehmen gegenüber der Konkurrenz anderer bayerischer, aber auch westfälischer oder hessischer, Unternehmen hatten. Außerdem verfügte die Gegend über keine großen Wasserstraßen, so dass die Anlieferung der Rohstoffe von den Tarifen der staatlichen Eisenbahn abhängig war, die noch bis kurz vor die Jahrhundertwende im Süden Bayerns sehr hoch waren. Trotz hoher Kosten für die Logistik war der Bezirk Schwaben/Neuburg bis in die 1920er Jahre neben Oberfranken nach Zahlen der Betriebe und Beschäftigten der stärkste innerhalb Bayerns.

Von der Leinwand zum Klebeband

Alle Städte entlang der Iller und der neuen Schienenanbindung von Oberstdorf über Fischen und Sonthofen bis Immenstadt und Kempten konnten von der Anbindung an das internationale Verkehrsnetz profitieren. Der Rohstoff Baumwolle wurde in großer Menge in die Region geliefert. Damit fand aber gleichzeitig die traditionsreiche, aber schon länger kränkelnde Flachsverarbeitung ihr endgültiges Ende. Die letzte Leinwandschau in Immenstadt fand 1847 statt.

Bereits im folgenden Jahr hatte die billigere Baumwolle die Leinenstoffe vom Markt verdrängt. Somit wurde Immenstadt vom jahrhundertealten, zentralen Umschlagplatz für die im Oberallgäu handwerklich gefertigten Tuche 1855 zum Standort für die erste „Mechanische Bindfadenfabrik Immenstadt“, nur zwei Jahre nach der Eröffnung der Eisenbahnlinie Kempten-Lindau. 1920 fusionierte das Unternehmen mit dem damaligen Hauptkonkurrenten, der „Mechanischen Seilwarenfabrik Füssen“, und produzierte fortan unter dem Namen „Hanfwerke Füssen-Immenstadt“ Garne und Seile aus Naturfasern, die international vertrieben und für ihre gute Qualität geschätzt wurden.

Mit der Inbetriebnahme der ersten Beschichtungsanlage wurden 1967 Klebebänder neu in die Produktpalette aufgenommen und nach der Übernahme der Hanfwerke durch die deutsch-schweizerische Unternehmensgruppe 1983 konzentrierte sich die Produktion komplett auf die Herstellung von Verpackungsmaterial und Klebebändern unter dem neuen Namen „monta Klebebandwerk GmbH“. Um sich auch im neuen Jahrtausend weiter am internationalen Markt behaupten zu können, gründete bzw. übernahm das Unternehmen 2011/12 Tochterfirmen in Rumänien und Ungarn.

Ein Schock für alle Beschäftigten war drei Jahre später der Großbrand in der Klebebandschneiderei, der sowohl die Produktionsanlage als auch das Gebäude stark beschädigte. Doch bereits 2016 konnte die Produktion in vollem Umfang wieder aufgenommen werden. „monta“ bleibt damit auf dem Textilsektor mit etwas über 100 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in Immenstadt.

Wasserkraft und Weberei

Mit den guten Voraussetzungen der Industriellen Revolution begannen die „Textilpioniere“ den kleinen Alpenort Sonthofen zu einem Textilwirtschaftszentrum im Oberallgäu auszubauen. Noch zur Mitte des 20. Jahrhunderts gehörten alle vier ansässigen Textilbetriebe (Mechanische Weberei Fischen in Berghofen, Weberei Witt, Strumpffabrik Rössler ERGEE und Seidensticker Alpenland-Sportwäschefabrik) mit jeweils über 100 Beschäftigten zu den bedeutendsten Unternehmen im heutigen Stadtgebiet.

Wie in Immenstadt war es die Eisenbahnlinie, die Sonthofen für Investoren attraktiv machte. Der erste war Samuel Bachmann aus dem jüdischen Handelshaus in Augsburg. Er pachtete 1858 Räumlichkeiten der Fuchsmühle bei Berghofen als kleine Handweberei und nutzte zur Energiegewinnung die Wasserkraft der Ostrach. Gemeinsam mit David Bachmann kaufte er wenige Jahre später etwas weiter Ostrach abwärts die ehemalige Galgenmühle und errichtete dort die „Mechanische Weberei, Zweigwerk Sonthofen“. Doch beide Bachmann’sche Firmen waren bald mit hohen Schulden belastet und wechselten mehrmals Besitzer und Namen.

Ursache waren unter anderem die Folgen des deutsch-französischen Krieges 1870/71, durch den nun Elsass-Lothringen zum deutschen Zollgebiet gehörte. Es entstand eine drastische Steigerung der Baumwollproduktion, die einen extremen Preisdruck auslöste, dem einige bayerische Textilbetriebe nicht standhalten konnten und in der Folge Konkurs anmelden mussten. So auch die Firma S. & D. Bachmann, die 1909 von der Aktiengesellschaft der Weberei Fischen unter dem Namen „Weberei Sont­hofen GmbH“ als Zweigstelle eingerichtet wurde. Die Weberei in Fischen war 1856 in einer alten Hammerschmiede entstanden. Die Produktion wurde dort erst 1958 endgültig eingestellt. 1907 hatte die Gesellschaft den Betrieb der „Bayerischen Baumwollindustrie“ der Firma Bachmann und Loeb in Berghofen erworben und übernahm ab 1. Januar 1908 deren Fabrikation auf eigene Rechnung.

Die Erholungsphase war nur von kurzer Dauer, als der Importstopp von Rohbaumwolle durch die britische Seeblockade des Ersten Weltkrieges und die Inflation der Zwischenkriegsjahre die gesamte Textilindustrie mit einem totalen Betriebsausfall bedrohte. Die Fabriken stellten zunächst auf alternative Materialien wie Nessel- und Schilffasern oder Papier um. Papiergarne wurden jedoch kurz vor Kriegsende ebenfalls als kriegswichtige Rohstoffe eingestuft und nur Betriebe, die für die Rüstung produzierten, konnten sich über Wasser halten. Die „Weberei Sonthofen GmbH“ überlebte zwar noch die Kriegsjahre, kapitulierte jedoch vor der Inflation, und im Jahr des großen Börsenkrachs 1929 standen die Webstühle endgültig still.

Ein Jahr später kaufte das Webwarenversandhaus Witt aus Weiden die verlassene Fabrik und holte die versäumten Modernisierungen auf Automatisierung nach. Mitte der 1930er Jahre hatte das Werk über 400 Beschäftigte. Als sich das Unternehmen Ende der 1950er Jahre aus der Produktion eigener Textilien zurückzog, um sich stärker auf den Handel zu konzentrieren, wurden die Hallen in Sonthofen kurzerhand für den Versand umgerüstet. 1964 zog sich Witt komplett aus der Stadt zurück und verpachtete die Fabrik an die Firma Bosch, die in der ehemaligen Spinnerei und Weberei in Blaichach bereits seit 1960 ihre Zündanlagen fertigte.

Doch Mitte der 1970er Jahre gingen auch die Arbeitsplätze von Bosch für Sonthofen verloren. Die alten Fabrikhallen mit dem typischen Sheddach standen leer und begannen zu verfallen, weil sich keine gewerbliche oder kommunale Nutzung finden ließ. Schließlich musste 2001 die Industrieruine – nicht ohne lautstarken Protest des Landesdenkmalamtes – dem Neubau zweier Gewerbebetriebe im sogenannten „Samuel-Bachmann-Park“ weichen. Lediglich das ehemalige Turbinenhaus erinnert an die „großen Zeiten“ der Industrie in Sonthofen.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs und der„Eiserne Vorhang“ brachten eine neue Unternehmergeneration in die Region. Beispielsweise die beiden Strumpffabrikanten Kunert und ERGEE, beide gegen Kriegsende aus ihrer Heimat vertrieben. Sie nutzten mit ihrem Know-how und ihrer Wirtschaftskraft die vakanten Plätze. Lesen Sie dazu mehr im zweiten Teil der Reihe.

Yvonne Hettich

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