Fachärzte "verbluten"

Oberallgäu – Die Fachärzte im Oberallgäu schlagen Alarm: Die drastischen Honorarkürzungen bei fachärztlichen Leistungen im Zuge der Gesundheitsreform führen den Ärzten zufolge über kurz oder lang zu Praxisschließungen. Dann, so befürchten die im „Ärztenetz Oberallgäu e.V.“ zusammengeschlossenen Mediziner, könnten ganze Klinikstandorte gefährdet seien. In einem Gespräch mit Landrat Gebhard Kaiser erklärten sich die Kliniken Oberallgäu gGmbH solidarisch mit den Ärzten. Kaiser, Aufsichtsratsvorsitzender der Kliniken Oberallgäu, sieht die in langen Jahren aufgebaute stabile und flächendeckende medizinische Versorgung im südlichen Oberallgäu bedroht.

Eines der besten und qualitativ hochwertigsten Gesundheitssystem in Europa werde durch die Folgen der aktuellen Gesundheitspolitik untergraben. Diese Feststellung macht Dr. Andreas Hildebrandt, Vorsitzender des Ärtzenetz Oberallgäu e.V. In einem Gespräch mit dem Oberallgäuer Landrat Gebhard Kaiser erläuterte Hildebrandt und einige seiner Facharztkollegen die „Bauchschmerzen“, die die Oberallgäuer Fachärzte mit den neuen Regelungen haben. Leidtragende des neuen Honorarsystems seien – neben den Ärzten – vor allem dauer- und chronisch Kranke. So bekomme ein Facharzt für die langfristige und intensive medizinische Behandlung nur noch eine pauschale Vergütung von 23 Euro pro Quartal. „Eine solche Behandlung ist für die Praxis nicht Kosten deckend und auf lange Sicht Existenz gefährdend“, sagt Dr.Hildebrandt. „Die Patienten glauben es einfach nicht!“, pflichtet Prof.Dr. Barbara Dockhorn-Dworniczak bei. Zudem wurde die Honorierung der Belegärzte in Bayern um 15 bis 20 Prozent gekürzt. Auch, und das finden Hildebrandt und seine Kollegen ebenfalls als nicht förderlich, sei das lange von den Krankenkassen propagierte ambulante Operieren in ähnlicher Weise reduziert worden. „Ich rechen mit einer Verschiebung vom ambulanten zum stationäre Operieren. Aber das ist wegen der Deckelung der Klinikkosten wenig sinnvoll“, so Hildebrandt mit Blick auf die wirtschaftliche Situation der Kliniken. Alles in allem, so bringen es die Vertreter des Ärtzenetz Oberallgäu auf den Punkt, droht eine verschlechterte Versorgungsqualität im medizinischen Bereich – vor allem im ländlichen Raum. „Und das will keiner“, betont Dr.Hildebrandt. Hildebrandt bringt den Vergleich mit der „medizinischen Landschaft“ in Norwegen: Hier müssten Patienten selbst bei dringend erforderlichen Operationen oft monatelang auf einen Termin warten. „Wenn sie nicht privat versichert sind“, unterstreicht der Facharzt. Sorge macht den Fachärzten schließlich, dass nicht nur manche Facharztpraxis über kurz oder lang für immer „dicht gemacht“ werden wird. Fatal sei, dass es immer weniger Nachwuchsmediziner geben werde. „Welcher junge Arzt wird angesichts der schlechten Einkommensentwicklung noch eine eigene Praxis eröffnen und viel Geld investieren?“ fragt Hildebrandt. Landrat Gebhard Kaiser, Aufsichtsratsvorsitzender der Kliniken Oberallgäu, sieht die Kliniklandschaft in der Region ernsthaft gefährdet. „Eine der tragenden Säulen unserer neuen Klinikstrukturen bildet die Vernetzung von ambulanten und stationären Versorgungsstrukturen an den Klinikstandorten. Die niedergelassenen Fachärzte leisten an den Krankenhäusern die ambulante fachärztliche Versorgung und operieren als Belegärzte an den Klinken.“ Diese Säule gerate durch die Honorarkürzungen derart ins Wanken, das Kaiser und die Kliniken Oberallgäu die Bevölkerung über die negativen Folgen für die Versorgung der Menschen im südlichen Oberallgäu informieren wollen. Kaiser fordert eine Rücknahme der Honorarreform und eine grundsätzliche Änderung. Der Arztberuf müsse wieder attraktiv gemacht werden. „Zentrales Ziel muss es sein, die wohnortnahe medizinische Versorgung im ländlichen Raum zu sichern“, unterstreicht Kaiser. „Ich stehe an Ihrer Seite“, versichert er dem Ärztenetz Oberallgäu. Auf lange Sicht, so Kaiser, werde sich ein Gesundheitssystem entwickeln, bei dem Leistungen, die über die medizinische Grundversorgung hinaus gehen, vom Patienten entweder privat getragen werden, oder durch entsprechende Zusatzversicherungen bezahlt werden. Wie sehr es bereits „brennt“ im Landkreis macht Ärztenetz Oberallgäu an einigen Beispielen deutlich. So sei es bislang nicht gelungen, einen Facharzt für Gynäkologie für eine offene Stelle im Medizinischen Versorgungszentrum Immenstadt zu finden. Sollte sich das nicht ändern, sei mittelfristig die Geburtshilfe-Abteilung an der Klinik Immenstadt gefährdet. Auch andere Leistungen im stationären Bereich seien bedroht, weil es nicht gelinge freie Facharztstellen zu besetzen. Und die Schließungen von Facharztpraxen würden Schließungen von Kliniken nach sich ziehen, zeichnen die Ärzte von Ärztenetz ein düsteres Bild der medizinischen Versorgung von morgen. Landrat Kaiser verlangt wie die Ärzte eine „politische Änderung im System“. Man könne die Honorarsätze so nicht belassen, „sonst geht’s an den Stock“, meint Kaiser. Mit allen Nachteilen für den ländlichen Raum. Andererseits verkennt der Landrat nicht, dass ein System, „bei dem sich jeder bedienen kann“, ebenso wenig funktionieren könne. „Die Politik hat es versäumt, die Weichen zu stellen; die Politik muss es jetzt ändern!“ fordert Kaiser. Käme es zum Kollaps bei der fachärztlichen Versorgung, wären „alle Strukturen kaputt“, befürchtet Landrat Kaiser. Leidtragende der Misere wären die Patienten, die weite Wege zur ärztlichen Versorgung auf sich nehmen müssten. Protestaktionen der Ätzte sind angelaufen. So streikten etwa Ende März die Fachärzte in den medizinischen Versorgungszentren. In den allermeisten Facharztpraxen liegen „Gelbe Karten“ aus, mit denen Patienten die Forderungen der Fachärzte unterstützen können. Als Warnung für die „missratene Gesundheitspolitik“ sollen die Karten an Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer geleitet werden.

Auch interessant

Meistgelesen

Babyglück im Allgäu
Babyglück im Allgäu
Dorffest in Burgberg
Dorffest in Burgberg
Keine 50-Millionen-WM für Oberstdorf
Keine 50-Millionen-WM für Oberstdorf
Gemeindefest als Lutherfest in Oberstaufen
Gemeindefest als Lutherfest in Oberstaufen

Kommentare